Wilde Jungs

Seit ich den midi-monsieur heute von seinem Französisch-Unterricht abgeholt habe, habe ich diesen 1980er-Jahre-Ohrwurm von DuranDuran. Was an sich nicht schlimm ist; bin ich doch ein Kind der 1980er. Schlimm bzw. zum Aufregen ist allerdings der Auslöser.

Die Lehrerin, eine – allem Anschein nach französische – Mutter mit ihrer Tochter, der midi-monsieur und ich standen zusammen. Es ging um die Fortsetzung des Kurses nach den Ferien. Wer den weiter dabei sei, fragte die Kursleiterin. Die andere Mutter druckste zunächst etwas rum. Ja, eigentlich würde es ihrer Tochter ja Spaß machen. Aber, und sie guckte dabei zu meinem Kind, ob es nicht möglich sei, wenn sich genug Kinder anmelden würden, eine zwei Gruppen einzurichten. Eine für die Jungs und eine für die Mädchen. So viele Anmeldungen gebe es für gewöhnlich nicht, antwortete die Lehrerin und fragte, was denn das Problem sei. Ihrer Tochter sei es zu oft wild und sie würde nicht richtig lernen können. Ich dachte, ich hör nicht recht und bevor ich antworten konnte, denn der Blick ging erneut zum midi-monsieur, entgegnete die Lehrerin: Dass es ja in der Gruppe darum ginge, Französisch deutlich spielerischer als in der Schule zu vertiefen. Und dass die Gruppe sehr gut zusammen arbeiten würde. Und dass es da sicherlich Kinder gibt, die extrovertierter als andere seien – ihr Blick ging vom midi-monsieur zu dem Mädchen -, aber das diese Kinder auch viel zum „Unterricht“ beitrügen, weil sie einfach auf Französisch reden und dadurch die anderen animieren würden – wieder ging ihr Blick vom midi-monsieur zu dem Mädchen. Und wenn es wirklich ein Problem mit einem Kind gäbe, weil es stört und „zu wild“ sei, dann würde sie auch mit den Eltern reden. Aber das wäre in dieser Gruppe nicht nötig.

Es trat eine kurze beredete Stille ein und ich war kurz davor nachzutretensetzen, dass sie ihr Kind vielleicht weniger püppig erziehen sollte und dass sie im Leben voraussichtlich auf noch wilder Kerle stoßen wird als den midi-monsieur. Aber letztlich waren die Ausführungen der Lehrerin mehr als ausreichend, um das Thema zu beenden.

Samstag(e)

Als ich mich vom Kv getrennt hatte, war klar, dass ich die Zweisprachigkeit vom Kind irgendwie weiterhin fördern möchte (sollte). Im Jahr nach der Trennung und gleichzeitig letztem Kindergartenjahr habe ich da nicht so viel unternommen, aber das Jahr war ja auch äußerst verkorkst und überhaupt. Dennoch guckte ich mir die Grundschule mit der Französischklasse an. Aus mehreren Gründen entschied ich mich gegen diese Grundschule (Fahrerei durch die Stadt, Klasse nicht ausschließlich bilinguale Kinder, 25 Stunden/Woche, sehr elitärer Ruf der Schule, ätzender Anmeldetermin) und letztlich hätte der midi-monsieur auch keinen Platz bekommen (auch noch so ein Fehler im System: Weil in der Franzsösichklasse zur Hälfte nicht-bilinguale Schüler sein sollen, bekommen gar nicht alle angemeldeten bilingualen Kinder einen Platz). Und wenn ich sehe, wie das erste Halbjahr im gewohnten Viertel, mit zum Teil Kindern, die er vorher kannte, gelaufen ist, dann weiß ich, dass er auf dieser Grundschule heillos untergegangen wäre.

Ich guckte also, welche Möglichkeiten es daneben gibt: Zwei Möglichkeiten fand ich. Die eine von einem Verein, den ich schon kannte, über den der midi-monsieur als 2-Jähriger in einer französischsprachigen Gruppe war. Und dann noch eine Französin, die Kurse für verschiedene Altersgruppen anbot. Für Grundschulkinder jeweils am Samstag. Allerdings sollte der Unterricht beim Verein 3 Stunden dauern und bei der Französin 1,5 Stunden. Und auch wenn ich damalsTM – ja, das ist tatsächlich schon über 30 Jahre her – noch Samstagsunterricht hatte, war ich jetzt nicht der Auffassung, dass der midi-monsieur das unbedingt auch durchmachen müsste, und beschloss, dass 1,5 Stunden jeden zweiten Samstag ausreichen (müssen). (Aus mehreren Gründen bin ich nachträglich sehr froh, dass ich ihn nicht bei dem Verein untergebracht habe.)

Von Anfang an fiel es meinem Kind nicht leicht, an den jeweiligen Samstagmorgen in die Hufe zu kommen, um pünktlich um 10h00 im Nachbarviertel zu sein (an den anderen Samstagen war er natürlich um spätestens 8h00 wach).

Nach dem ersten Halbjahr jedoch mehrt sich wirklich Unlust, zu dem Kurs zu gehen. Es liegt nicht am Kurs selbst. Wenn ich ihn dort abhole, dann ist er immer guter Dinge. Es geht ihm um was anderes:

Ich kann’s ihm nur nicht nicht verdenken, ich hätte es auch besser gefunden, wenn es eine Möglichkeit unter der Woche gäbe. (So wie sich der muttersprachlicher Türkisch-Unterricht direkt an den normalen Schulunterricht anschließt.) Auch wenn mir natürlich was fehlen würde:
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Entschieden

Schon seit diesem komischen „Vorstellungsgespräch“ bei der Wahlgrundschule bin ich ja nicht so richtig überzeugt, dass der mini-monsieur da unbedingt hin muss. Wir waren da im Oktober letzten Jahres, also elf Monate vor der Einschulung, und da musste ich mich belehren lassen, wie der mini-monsieur den Stift halten solle und dass er ja in sein Französisch deutsche Vokabeln einfließen lassen würde. Ach?! Das Prinzip von aktiver und passiver Sprache bei bilingualen Kindern sollte einer Pädagogin in einer Schule mit bilingualem Angebot bewusst sein. Nun gut. Aber irgendwie dachte ich mir ja, eigentlich ist es ja echt ganz gut für das Kind, wenn er seine Vatersprache frühzeitig lesen und schreiben lernt. Wir gingen mit nichts Definitivem: Die Entscheidung über einen Platz an der Schule fällt erst im März/ April dieses Jahres – also jetzt bald.

Also habe ich nicht nur alle Horte um die zuständige Grundschule sondern auch die um die Wahlgrundschule mit Anmeldungen und Dringlichkeitsschreiben beglückt. Die müssen in Frankfurt bis zum 31.12. (des Vorjahres) bei den jeweiligen Einrichtungen vorliegen. Dann bekommt man Anfang Februar Bescheid. Ich habe bislang einige Absagen, aber noch keine definitive schriftliche Zusage – weder um die eine, noch um die andere Schule. Aber ich habe (berechtigte) Hoffnung für einen Hort in unserem Viertel. Damit schlägt der Zeiger eh schon mehr zu zuständigen Grundschule. Denn ohne Hort keine Schule.

Doch gestern „musste“ ich zum Elternabend an die Wahlgrundschule. Und ich dachte, dass die Einladung zum Elternabend quasi eine Platzzusage sei. Doch der mini-monsieur hat immer noch keinen Platz sicher. Dazu muss er am Freitag erstmal ins Assesment zum Probetag, bei dem er drei Stunden „unterrichtet“ und beobachtet wird, ob er denn wirklich schulreif ist. Und dann hat er auch nur die Hürde in den Lostopf genommen.

Uns wurde also die Idee der Schule vorgestellt und sehr detailliert erklärt, wie die bilinguale Klasse unterrichtet würde. So erfuhr ich, dass in der bilingualen Klasse nicht nur bilinguale Kinder, sondern auch Schüler sein werden, die KEINEN französischsprachigen Hintergrund haben. Also Kinder, die erst in der Schule das erste Mal mit Französisch in Berührung kommen. Dass die Kinder erst ab der 2. Klasse Französisch schreiben und lesen lernen, wusste ich vorher. Dass es dabei aber nur um „Grundkenntnisse“ geht, war mir neu. Auch, dass der Fokus ganz klar auf Sprechen und weniger auf Schreiben und Lesen läge, irritierte mich. Also natürlich sollen die Kinder sprechen, aber dass sie so gut wie keine schriftlichen Aufgaben auf Französisch erledigen werden, finde ich komisch.

Ich bin sicherlich weit entfernt von Tigermom. Aber für so ein Angebot muss ich mein Kind nicht aus seinem Umfeld reißen und vier Jahre lang quer durch die Stadt zur Schule schicken. Da gibt es andere, besser geeignete Angebote, die den mini-monsieur dabei unterstützen, die Sprache seines Vaters zu pflegen.

Und so bin ich ganz froh, dass diese Entscheidung wohl endlich gefallen ist.

Gewalt erzeugt Gegengewalt

… singen Die Ärzte.

Doch da sich die Gegengewalt nicht immer nur gegen den eigentlichen Verursacher richtet, wäre „Aggressionen erzeugen (Gegen-)Aggressionen“ sicherlich passender. Aber ich gebe zu: Das ist sehr schlecht zu singen.

Denn es ist doch so, dass erlebte Aggressionen, vor allem wenn sie massiv und unwillkürlich stattfinden, zu einer inneren Aggressivität führen, die sehr (selbst-) zerstörerisch ist sein kann, wenn man es nicht schafft, zu reflektieren und die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Die wichtige und erschütternde Blogparade von geborgenwachsen hat da einen Stein viele Steine ins Rollen gebracht. Und weil diese Situation gerade so frisch und präsent war, habe ich sie mir erst mal von der der Seele geschrieben. Doch die Frage nach dem allgemeinen Umgang mit Gewalt gegen Kinder lässt mich nicht los. Die Berichte – fast täglich ein neuer – lassen mich nicht los. Und ich frage mich, wie ich Gewalt als Kind erlebt habe und wie ich heute darüber denke.

Ich möchte folgendes vorwegschicken – nicht um meine Eltern zu entschuldigen, sondern, weil ich es wirklich so meine: Ich habe eine tolle Erziehung genossen. Klar habe ich mich auch mal ungerecht behandelt gefühlt. Aber ich war halt die einzige Tochter zwischen zwei Brüdern. Und doch hatte ich viele Freiheiten und wurde immer in meiner Person bestärkt. Dass ich, so wie ich bin, schon ganz gut bin. An einer Stelle dieser vielen Berichte las ich etwas von Urvertrauen. Und ja, das habe ich. Auch wenn es zwischendurch eine Phase gab, in der meine Eltern und ich keinen Kontakt hatten. Und auch wenn meine Eltern Gewalt gegen mich ausgeübt haben.

Ich will nicht sagen, dass es solche und solche Gewalt gibt. Aber ich glaube, dass es eine Frage der Grundhaltung ist: Werden Schläge als standardisierte Erziehungsmethode eingesetzt, weil man es nicht anders kennt oder lernen will oder passiert das tatsächlich nur „einmalig“, weil die Überforderung zu groß ist? Ich weiß, der Grat dazwischen ist ein verdammt schmaler.

Woher ich komme…

Bewusst kann ich mich an zwei drei Situationen erinnern:

Ich weiß gar nicht, wie alt ich war. Aber es wird noch im Kindergartenalter gewesen sein. Meine Mutter und ich (und ich gehe davon aus, mein kleiner Bruder auch) wollten spazieren gehen. Ich konnte es nicht abwarten und rannte schon mal los. Raus aus dem Haus und über die kleine – aber wirklich saugefährliche – Straße, an der wir damals wohnten. OHNE zu gucken. Was dann genau geschah, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass meine Mutter mich packte und in den Keller sperrte. Nicht lange. Aber für mich damals eine gefühlte Ewigkeit. Und dass ich mich heute noch daran erinnere und Angst vor Kellern habe, zeigt, dass es „wirkungsvoll“ war.

Beim zweiten Erlebnis weiß ich gar nicht, was dazu geführt hat. Auf jeden Fall weiß ich noch, das ich tagelang den roten Handabdruck meiner Mutter auf einer Pobacke trug. Sie hatte „nur“ einmal gehauen. Aber es hat gereicht.

Die dritte und letzte Situation war sehr entscheidend für meine Eltern und mich: Ich muss etwa elf oder zwölf gewesen sein. Und mein Vater hob, warum weiß ich nicht mehr, die Hand gegen mich. Ich weiß noch heute, wie ich ihm in die Augen schaute und sagte: „Wenn du zuhaust, rufe ich das Jugendamt an.“ Er ließ die Hand sinken und das Thema Gewalt hatte sich für immer erledigt.

… und wo ich stehe

Wann immer ich irgendwelche Berichte über Kindesmisshandlung lesen, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg. Diese Blicke in die Abgründe des menschlichen Wesens sind sehr schwer zu ertragen. Aber ich hoffe, dass sie – nicht nur – meine Aufmerksamkeit schärfen.

Als ich mit dem mini-monsieur schwanger war, stand für mich fest, dass mein Kind nicht geschlagen wird. Keine Klapse, Ohrfeigen, Kniffe oder Schlimmeres. Auch wenn ich rückblickend tatsächlich sagen würde, dass es mir „nicht geschadet“ hat (Anders als meine Mutter, die sich bis heute noch Vorwürfe macht). Denn es war keine systematische Gewalt, gegen die ich mich nicht wehren konnte und die sich in mir anstauen konnte.

Aber ich hatte sehr ernste Diskussionen mit dem Kindsvater zum Thema Gewalt in der Kindeserziehung. Er hatte – sagen wir es mal etwas blumig – eine sehr spezielle Erziehung genossen. Von der auch er behauptet, dass sie ihm nicht geschadet hat. Und aus dieser Überzeugung heraus meinte er auch, dass mal ein Klaps oder ähnliches durchaus angebracht wären.

Ohh nein! Nicht mit mir.

Wir diskutierten viel und lange. Ich fragte ihn, was Gewalt bringen würde. „Respekt“, lautete die Antwort. Ich weiß nicht, ob es meine Antwort „Man kann keinem Respekt einprügeln. Die kommt von innen. Alles andere ist ANGST“ war, zumindest wurde der mini-monsieur nicht geschlagen. Aber gelitten hat er trotzdem und tut es immer noch. Und ich ertappe mich manchmal bei dem Gedanken, ob physische Gewalt nicht doch besser zu „ertragen“ ist als psychischer Terror.

Aber wenn in einer Grundsatz-Diskussion über DIE Deutschen und DIE Franzosen der Vater seinem Kind erklärt, dass es in Deutschland ja verboten sei, seine Kinder zu schlagen, in Frankreich hingegen es aber noch erlaubt sei, dann bekomme ich doch ein sehr mulmiges Gefühl.

Probleme auf hohem Niveau

In vier Tagen ist der mini-monsieur offiziell Vorschulkind. Und damit nähert sich die Grundschul-Entscheidung mit großen Schritten.

Entscheidung?!

Ja, wir müssen/ können/ dürfen uns beim mini-monsieur entscheiden. Man könnte mir daher nach meinem gut gemeinten Zuruf vorhalten, dass ich da von einem ziemlich hohen Ross rufe. Immerhin wohnen wir im Einzugsgebiet einer Grundschule mit nicht allzu schlechtem Ruf und zudem haben wir Wahlfreiheit.

Denn nicht nur der monsieur, sondern auch der mini-monsieur ist Franzose und dadurch sind wir in der Sonderposition, dass das Kind in die einzige staatliche Grundschule der Stadt gehen kann, die biligual deutsch-französisch ist.

Regelmäßig muss ich an mich halten, wenn fast neidvoll angesprochen wird, dass der mini-monsieur es ja mit seiner Zweisprachigkeit ach so gut hätte. Und wie gerne dieser oder jener das ja auch für sein eigenes Kind hätte. Als hätte ich mir den Vater des Kindes nur nach dem Aspekt „Hauptsache nicht deutscher Muttersprachler“ ausgesucht hätte. Es ist nun mal so und es ist auch nicht immer leicht.

Aus diversen Gründen geht der mini-monsieur nicht in einen biligualen Kindergarten. Sollen das doch die nutzen, die Angst haben, dass ihre Kinder ohne zweite Sprache nie einen Schulabschluss bekommen. Allerdings ist der Plan – und ich hoffe, dass sich das auch mit den sich ändernden Vorzeichen so umsetzen lässt -, dass er er auf die bilinguale Grundschule gehen soll. Und zwar aus dem ganz profanen Grund, dass es für den mini-monsieur gut und wichtig ist, Französisch so früh wie möglich lesen und schreiben zu lernen.

Allein das wird schon nicht einfach für den zukünftigen Schulanfänger. Denn es ist schon ein gewaltiger Unterschied zwischen bilingual – sprechend – aufzuwachsen und bilingual – in Wort und Schrift – lernen zu müssen. Ich habe mich noch nicht damit auseinander gesetzt, ob Deutsch schreiben an der Schule mit der Anlauttabelle erlernt wird. Wenn ja, wird das sicherlich mit Blick aufs Französische (Anlauttabelle ist da ja schier unmöglich, außer man möchte perfekt sms’isch schreiben) noch für den ein oder anderen Knoten im Kopf sorgen.

Dazu kommt, und das bereitet mir deutlich mehr Bauchschmerzen, dass die Schule auf der anderen Mainseite, also quasi im Ausland in einem anderem Viertel ist. Dass er von seinen Freunden im Viertel getrennt wird. Von den Kindergartenkumpel, die dann auch in die Schule gehen werden – in die Grundschule im Viertel. Dass er dann mit den Öffis einmal quer durch die Stadt muss. Irgendwann sicherlich auch alleine.

Diese – sicherlich lösbaren – Probleme sehen die meisten nicht, wenn sie betonen, was für ein Glück der mini-monsieur doch hätte und wie gerne man das eigene Kind ja auch auf ebendiese oder eine andere Wunsch-Grundschule schicken würde. Und schibsdiwubs stecke ich in einer Diskussion über das ach so schlechte deutsche Schulsystem. Das ich ehrlich gesagt gar nicht so schlecht finde, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Artikelin

Herr Buddenbohm machte auf einen interessanten Artikel aufmerksam. Und ich rätsele, was ich davon halten soll. Wie stehe ich dazu?

Ins Deutsche haben weibliche Formen von allem und jedem in den frühen 1980er Jahre Einzug gehalten. Ich kenne es gar nicht anders. Habe ich doch erst etwas später schreiben und lesen gelernt. Und dennoch finde ich dieses Zerstückeln von Wörtern und Sätzen, nur um der politischen Korrektheit genüge zu tun, sehr anstrengend.

Dazu geht es in meinem Beruf – neben ein paar anderen Dingen – darum, dass ich nicht immer ganz einfache Sachverhalte knackig, verständlich, ansprechend und gleichzeitig inhaltlich korrekt verschriftliche. Da kann und will ich nicht noch zusätzliche Spirenzchen machen, nur um der politischen Korrektheit gerecht zu werden. Daher verzichte ich persönlich auf solche Konstrukte, greife lieber eher auf neutrale Formulierungen zurück wie zum Beispiel „Studierende“ statt „Studentin“ oder „Student“.

Ich habe es auch mal anders versucht. Damals. Da habe ich in meiner „opportunen“ Phase in Schularbeiten konsequent das generische Feminium eingesetzt: „frau“ statt „man“ und alles mit „in/nen“. Aber das war anstrengend. Denn es hatte nichts mit der gesprochenen Sprache zu tun.

Und seien wir mal ehrlich: Was außer Aufmerksamkeit erreiche ich damit? Wenn ich mit jemandem kommuniziere, brauche ich eine gemeinsame Sprache. Auch Bayern und Hamburger sollten/ müssen sich auf so etwas wie Hochdeutsch einigen, wenn sie sich verständigen möchten. Jedes ungebräuchliche Wort des eigenen Dialekts führt zu Unverständnis beim Gesprächspartner und weg vom Inhalt.

Gut, nun könnten wir sagen, dass ein generisches Femininum kein Dialekt ist und eigentlich von jedem verstanden wird. So gut haben wir uns dann mittlerweile doch an das Binnen-I  und Schrägstriche gewöhnt. Obwohl ich ja immer, wenn ich „der/ die“ lese, an mein „la/ le/ lu“ denken muss, das ich französichen Substantiven voraussetze, wenn ich mir mal wieder ob des Genus nicht sicher bin.

Ach ja, die Franzosen (ich sitze ja an/ neben/ auf der Quelle): Die jammern auch über den Verfall ihrer Sprache. Französiche Jugendliche könnten nicht mehr richtig schreiben. Verlan und Argot haben das Hoch-Französisch stark beeinflusst. Die begrenzte Zeichenzahl bei SMS hat dazu beigetragen, dass Wörter extrem verkürzt bzw. so wie sie gesprochen, geschrieben werden (que -> ke, qu’il -> kil um nur kleine Beispiele zu nennen). ABER, aber bislang habe ich noch von keiner Diskussion gehört, wie man das Französische verweiblichen könnte. Denen reicht schon die Abschaffung der mademoiselle. In den meisten Fällen gibt es sogar eine weibliche Form, die man aber – wenn überhaupt – nur geschrieben erkennen kann (im Regelfall böte sich daher ein Binnen-E an). Daher würde kein Franzose eine persönliche Rede mit „Cheres amies et chers amis“ (Liebe Freundinnen und Freunde) beginnen, sondern einfach „Chers amis“ sagen. Oder wenn NUR Frauen vor ihm sitzen: „Cheres amies“, aber das hört ja eh keiner.

Aber zurück zum generischen Femininum: Was gewinnen wir Frauen wirklich damit, wenn er eingeführt wird? Tuen wir uns einen großen Gefallen, uns so in den Vordergrund zu spielen (und die Frage stellt hier ein doch recht extrovertierte Person). Möglicherweise stört er in geschriebender Form mittelfristig gesehen keinen. Aber GESPROCHEN ist es (noch) eine Besonderheit, mit der ich die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Unterhaltung abziehe.

Da ist die Menschin nun mal eine Gewohnheitstierin.**

 

* Als alte Lateinerin (sic!) würde ich DAS und nicht der Maskulinum sagen. Einwände?

** Vielleicht müsste das generische Femininum konsequent wie der Euro eingeführt werden. Wenn es keine Alternativen gibt, gewöhnt man sich ja schnell um (oder trauert ewig den guten alten Zeiten nach).

Grenzenlose Erziehung?!

Die liebe Rina fragte, wie und ob ich die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Erziehung empfinde bzw. erlebe. Spannende Frage. Und ja, immer mal wieder spüre ich diese kleine feine Grenze da westlich des Rheins. Soo zusammengewachsen ist Europa noch nicht 🙂

Ich weiß nicht, ob man viele Dinge wirklich verallgemeinern kann/darf. Aber rein vom Gefühl her, würde ich mal ganz generell sagen, dass Kinder in Frankreich mehr funktionieren müssen und weniger Kind sein dürfen.

Das ist dem hochgelobten französischen Betreuungsangebot gezollt. Ich muss ehrlich sagen, dass es mich nervt, wenn ich immer wieder höre, dass es in Frankreich viiieel einfacher ist für Frauen, wieder arbeiten gehen zu können trotz Kind. Denn das ist kein „können“, das ist ein „müssen“. Denn wer zehn Wochen nach der Geburt wieder im Job stehen muss, weil sonst der Job weg ist, der braucht eine Betreuungsmöglichkeit.

In Deutschland ist das ziemlich bis sehr verpönt, wenn man das Kind nach noch nicht mal drei Monaten allein lässt. Also fremdbetreut und nicht etwa beim Papa, weil der Elternzeit und -geld nimmt. Und hier schielen die Französinnen neidisch auf die andere Seite des Rheins: Elternzeit mit gesicherter Jobrückkehr bis zu 3 Jahre, Elterngeld bis zum 12. (14.) Monate nach der Geburt, Recht auf Teilzeit und Kündigungsschutz während der Elternzeit. Wenn ich davon im Verwandten- und Bekanntenkreis des monsieurs erzähle, ernte ich ungläubiges Staunen.

Dieses „funktionieren müssen“ zieht sich so durch das Leben eines französischen Kindes. Es scheint als gibt es im Land des Savoir-vivre mehr Regeln für Kinder als bei uns Teutonen: am Tisch, beim ins Bettgehen, Zeiten, Rituale (furchtbar, wer alles Anrecht auf bisous hat). Es gibt auch mehr Regeln, wann was wie zu erfolgen hat. So hatten der monsieur und ich zum Beispiel eine kleine Diskussion bezüglich des Stillens:

Für mich war klar, wenn ich stillen kann, wird der mini-monsieur sechs Monate voll gestillt und darüber hinaus so lange, wie er will (meine persönliche Schmerzgrenze: 2. Geburtstag). Ich kann ja schon von Glück reden, dass der monsieur nicht dem französischen Fläschchen-Mythos verfallen ist.
(Es findet zwar gerade ein Umdenken bei den Franzosen bzgl. stillen statt. Es gibt sogar Still-Prämien. Aber letztlich hängen die Frauen doch im System: Das Kind muss zum Beginn der Betreuung irgendwie funktionieren und kann nicht nach Bedarf gestillt werden).
Aber sechs Monate kamen auch ihm suspekt vor: Ob das Kind alles bekommt, was es braucht… Der mini-monsieur entschied selbst, dass er mit fünf Monaten das erste Essen haben möchte, aber erst mit 14 Monaten das letzte Mal an der Brust saugen wollte. Die neun Monate dazwischen musste ich mir immer wieder anhören, dass der mini-monsieur für immer an der Brust hängen wird und dass ich das Ende entscheiden muss.
(Ach ja, auch so was: Erwachsene entscheiden und bestimmen. Das Kind hat zu folgen.)

Lustig war, dass der mini-monsieur die ersten sechs Monate mit Stoffwindeln gewickelt wurde. Zum Glück denkt der monsieur recht ökologisch und konnte sich recht schnell mit der Idee anfreunden. Bei unserem ersten Besuch in Frankreich mit dem neuen Baby waren wir allerdings die Attraktion und ernteten erstmal fassungsloses Kopfschütteln ob unserer mittelalterlichen Methode der Babyhygiene, ob wir noch nichts von Plastikwindeln gehört hätten.

Jaja, das Plastik. Auch so ein Unterschied: Während der Deutsche für sein Kind am liebsten unbehandelte Holzklötze zum Spielen hätte, kann es für die Franzosen nicht laut, bunt, stabil und zugleich leicht, Bisphenol-A-haltig genug sein. Auch wenn es mich manchmal gruselt, wenn wieder mal ein Geschenk aus Frankreich geöffnet wurde, so ist es nicht mehr so schlimm. Ich habe allerdings auch mal was gesagt. Mittlerweise lasse ich die sehr moderate Vielfalt regieren.

Was hüben und drüben auch nicht gleich gehandhabt wird: Mobilität und Bewegung. Ich finde es schon sehr bezeichnend, dass die Franzosen keine Laufräder kennen. Auch sonst habe ich das Gefühl, dass Bewegung nur in sehr eng gesteckten Rahmen stattfindet. Die Franzosen fahren viel und gern Auto und schimpfen ständig auf die großen Mineralölkonzerne. Kinder werden wohin auch immer mit dem Auto gebraucht. Strecken, die ich per pedes oder pedal zurücklegen würde, werden gefahren. Das konnte ich dem monsieur glücklicherweise abgewöhnen. In Frankfurt stand das Auto oft wochenlang unbenutzt rum. Hier in Hamburg wird es doch noch mal zum Einkaufen genutzt. Aber es geht auch ohne und daher wird in naher Zukunft der monsieur wohl das erste Mal seit Führerschein kein eigenes Auto haben. Der mini-monsieur ist Fahrrad-süchtig. Das Laufrad war der Einstig. Und seit letztem Herbst ist es ein richtiges Fahrrad. Und er fährt und fährt und fährt. Und wird dabei vom Papa unterstützt und begleitet. In Deutschland ist das zum Glück auch möglich. In Frankreich fehlen dafür leider oft Bürgersteige – von Radwegen ganz zu schweigen.

Der monsieur und ich haben für viele Dinge einen guten Kompromiss gefunden. Alles was verargumentiert werden kann, wird auf den Prüfstein gestellt. Erziehungsmethoden, die so sein sollen, weil das so ist, finden nicht statt. Soll heißen, dass der mini-monsieur durchaus mitentscheiden darf und nicht einfach uns Erwachsenen zu folgen hat (Situationen mit Gefahrenpotential mal ausgeschlossen). Es gibt Regeln, die respektiert werden müssen, aber bei Bedarf auch erklärt werden können. (Der monsieur gibt zu deutet allerdings auch immer wieder an, dass hier in Deutschland manches durchaus besser sei.)

Je mehr ich nachdenke und schreibe, desto mehr fällt mir ein/auf. Aber über den Unterschied von französischen und deutschen Kinderbüchern, wie französische Kinder ins Bett gehen, die Bedeutung des Fernsehers und andere Dinge schreibe ich in ein anderes Mal.

Zwei Sprachen

Im Zuge von Internationalität ist es ja wichtig, diverse Fremdsprachen zu beherrschen. Und die lieben Kleinen lernen Sprachen ja ach so einfach, wenn man nur früh genug damit anfängt. So müht sich der ein oder andere Nicht-Muttersprachler daheim ab und spricht Schulenglisch mit dem Nachwuchs oder setzt das Kind immer mal wieder vor den Lieblingsfilm in der Wunschsprache (irgendwas wird ja wohl hängenbleiben). Wem das nicht elitär genug ist, der bucht „Spanisch/Englisch/Kisuhaeli für Minis“, schickt sein Kind in eine zweisprachige Kita oder holt sich eine fremdsprachige Hilfe ins Haus (von der am meisten der Papa was hat). Bald wird es Chinesisch für Neugeborene, wenn nicht auch schon im Mutterleib geben.

Toller Trend, dachten der monsieur und ich, als der mini-monsieur sich ankündigte: Das machen wir auch.

Bei monsieur und mir ist das anders. Wir wollten den mini-monsieur nicht zweisprachig erziehen, wir mussten. Denn der monsieur spricht nun mal nur Französich. Ich spreche beide Sprachen – Deutsch ist meine Muttersprache und Französisch (nach Aussage von monsieur) so gut, dass er immer wieder vergisst, dass ich nicht Muttersprachlerin bin. Das ist ein wenig übertrieben, denn ich habe da noch so einige grammtikalische weiße Flecken und die Sache mit den Haken und Ösen an/auf irgendwelchen Wörtern hat sich mir immer noch nicht erschlossen. Aber die hört man ja zum Glück nicht.

Wie bei der Erziehung der mini-monsieurs im Allgemeinen haben wir uns auch für diese Erziehungsfrage keine Ratgeber zugelegt. Ich habe ein wenig im Internet recherchiert und dann beschlossen: Das wird schon, wenn wir einfach nur bei uns bzw. unseren Sprachen bleiben: „Eine Person – eine Sprache

Und es wurde. Wir hatten den Luxus, dass der mini-monsieur die ersten drei Lebensjahre nicht in eine Einrichtung musste, sondern daheim vom Papa betreut wurde. Das heißt, dass der kleine Mann in seinem ersten Lebensjahr täglich französisch-deutsch beschallt wurde, im zweiten und dritten Lebensjahr dann tagsüber Französich mit Papa und abends Deutsch mit mir sprach. Zusätzlich ging er einmal pro Woche in eine französische Kindergruppe und unsere Familiensprache ist Französisch.

Wie alle zweisprachigen Kinder fing auch der mini-monsieur erst spät an zu sprechen. So richtig eigentlich erst mit etwas über zwei Jahren. Das hat uns nie gestört oder beunruhigt, sahen wir doch, dass uns versteht und sich auch sonst bestens entwickelt. Seit der Sprachknoten geplatzt ist, spricht er wie ein Wasserfall, denkt hin und wieder schneller, als er sprechen kann und ringt gelegentlich nach Wörtern. Aber nichts, was uns beunruhigt (im Gegensatz zum Kiga-Logopäden, aber der muss ja auch irgendwie an seine Patienten kommen).

Natürlich hat er auch Frallmand gesprochen (Ich habe eine Puzzle gefait, nach maison gehen o.ä.). Ebenfalls etwas normales und nichts, was mit 2 oder 3 schon korrigiert werden müsste. Zudem war klar zu sehen, dass der mini-monsieur keine Probleme damit hat(te), die Sprachen zu trennen und „wusste“, dass er mit dem Papa Französisch und mit mir Deutsch spricht. So kam es bisweilen vor, dass der mini-monsieur dem Papa „übersetzte“, da der monsieur sich mit Deutsch sehr schwer tut.

Seit einem drei viertel Jahr geht der junge Mann nun in den Kindergarten. In einen rein Deutsch-sprachigen, da es einen französisch-deutschen nicht gibt (zumindest nicht erreichbar). Und hier stieß er an seine Grenzen. Ich möchte nicht sagen, dass er sprachlich hinterher war. Aber das Frallemand stand ihm im Weg. Die anderen Kinder verstanden nicht, was er wollte, er konnte verbal nicht schnell genug reagieren und wurde bisweilen von den älteren Mädels in Grund und Boden diskutiert. Frust machte sich breit, der sich auch in Aggression äußerte. Nicht nur einmal haben wir in der Anfangszeit eine Kind vom Kiga abgeholt, das mal wieder ein anderes Kind gebissen hatte. (Wir hatten so eine Beißphase schon mal, als seine beste kleine Freundin früh anfing zu reden, während er noch nicht mal Mama und Papa sagen wollte, und beim Spielen auf ihn einplapperte.)

Sicherlich war es auf der einen Seite der Ansporn, mit den anderen Kindern mithalten zu können, dass er auf Nur-Deutsch umschaltete. Auf der anderen Seite steht aber auch, dass der Papa in dieser sprachlich sensiblen Phase für zweieinhalb Monate nicht da war. So hörte der mini-monsieur (abgesehen von den Telefonaten mit Papa) nur Deutsch – im Kindergarten, mit Mama, mit der Babysitterin, mit den Nachbarn. Ich bin mir sicher, selbst wenn ich mit dem Kind Französisch gesprochen hätte und/oder nur noch Filmchen auf Französisch hätte gucken lassen, dass die – objektiv betrachtete – schwache Sprache nicht aktiv genutzt worden wäre.

Und so ist es zur Zeit so, dass der mini-monsieur dem monsieur fast ausschließlich auf Deutsch antwortet, wenn dieser mit ihm (Französisch) spricht. Das führt nicht nur zu Missverständnissen (also beim monsieur, da der mini-moniseur Französisch immer noch einwandfrei versteht) und dass ich immer wieder übersetzend eingreifen muss, sondern auch zu Frust beim monsieur (nein, er beißt nicht). Und ich weiß auch, dass es mich sehr stressen würde, wenn ich auf einmal mein Kind nicht mehr richtig verstehen würde. Aber man kann ein Kind in so einer Situation ja nicht zu seinen Glück zwingen.

Umso erfreulicher ist es, dass der mini-monsieur in der letzten Zeit wieder anfängt, Französisch einzufordern. Der Papa soll abends vorlesen, es werden die französischen Kinder-DVDs gesucht und auch wird er nicht müde zu betonen, dass er auch Französisch könne (kann er ja auch).