Es reicht

… mir reicht es zumindest zunehmend. Regelmäßig ärgere ich mich über die Politik, über die zunehmende rechte Haltung, die durch die Gesellschaft wabert und sich langsam aber stetig manifestiert.

Es lässt sich nur mutmaßen und spekulieren, was hinter dem Schmierentheater vom Seehofer tatsächlich steckt. Der RB hat eine Theorie. Ich eine andere. Aber egal welche, so ein Verhalten ist nicht tragbar. Nicht ertragbar und schon gar nicht durch welche Theorie auch immer zu rechtfertigen.

Doch das Schlimmste für mich ist die Haltung: Im Großen und Ganzen geht es uns extrem gut in unserem Wolkenkuckucksheim Deutschland. Vieles Gejammere findet auf extrem hohen Niveau statt. Ja, eine darf das nicht mit der gesamten Weltlage relativeren und ich will auch die Probleme der einzelnen nicht schmälern, aber letztlich geht es uns sehr gut.

Und aus dieser Position heraus krähen ein paar, denen es entweder gar nicht schlecht geht (weil Politiker) oder gar nicht wissen, wovon sie reden (Menschen in Gegenden mit einer extrem niedrigen Migrantenquote), dass „unser Boot“ voll sei.

Es ist einfach nur widerlich, dass diese Leute krähen und Theater machen (dürfen), während und auch damit Menschen bei der Flucht umkommen. Es werden Menschen aktiv daran gehindert, diese Menschen zu retten. Dieser Tweet trifft mein Wut ziemlich gut:

Mich macht diese Bigotterie, dieses Messen mit zweierlei Maß fassungslos und wütend. Und sie ist real. Das ist keine Überspitzung. So sieht es derzeit aus und so kann es nicht weitergehen.

Am liebsten würde ich Wände einrennen, Menschen schütteln und eine Revolution anzetteln.

Geht aber nicht, aber dafür gehe ich erstmal auf eine Demo

Eigentlich wollte mich der RB ja zu meinem ersten Fußballspiel überhaupt schleppen, aber wir sind uns einig, dass die Demo wichtiger ist.

Neben der Demo in Berlin finden am Samstag, 7. Juli, auch in anderen Städten Demos statt:

  • Bremen
  • Zwickau
  • Frankfurt
  • Hannover
  • Heidelberg
  • Leipzig
  • Gießen

Demos sind schon mal ein guter Anfang. Aber eine Revolution wäre auch nicht so verkehrt.

Passmacht

Der deutsche Pass, also der Reisepass, ist der „mächtigste* Pass“ der Welt. Wer einen solchen besitzt – besitzt man einen Pass?** -, darf in 158, 161 bzw. 176 (je nach Quelle) Länder visafrei reisen.*** Das bedeutet als Deutsche*r darf man zwischen 82 und 91 Prozent aller Staaten der Welt visafrei bereisen.

Ich besitze – theoretisch – einen solchen Pass. Praktisch ist mein Reisepass seit August 2017 abgelaufen. Ich reise nicht viel und wenn dann bewege ich mit ins europäische Ausland und da reicht bekanntlich ein Personalausweis. Wobei ich gar nicht weiß, wann ich den zum letzten Mal in einem „fremden“ Land vorzeigen musste. Europa (und nicht nur die EU) sind grenzenlos. Mir gefällt das. Denn – mal abgesehen von Sprachbarrieren – falle ich erstmal nicht als Ausländerin bzw. Deutsche auf.

Ich habe das Glück**** gehabt, in Deutschland als Tochter von Eltern mit deutschen Pässen geboren worden zu sein. Ich habe nichts zu meiner Nationalität beigetragen. Ich lebe zwar gerne in Deutschland, aber ich würde mich nicht übers Deutschsein definieren, auch wenn ich mich als Deutsche bezeichne(n kanndarfmuss), weil ich das nunmal bin.

Doch letztlich fühle ich mich – wenn überhaupt – europäisch. Ich mag den Grundgedanken der Europäischen Union, vom Schengener Abkommen. Oft erwische ich mich aber auch dabei, dass ich leider nicht genug über das ganze politische Konstrukt dahinter weiß.

Was ich aber weiß, ist, dass ich mit meiner Nationalität in einer Zeit quasi grenzenloser Freiheit lebe. „Wir Deutschen“ dürfen (!!!) uns frei bewegen – nicht nur innnerhalb Deutschland, sondern auch über unsere unmittelbaren Außengrenzen und weit darüber hinaus. Und es will mir nicht in den Kopf, warum wir dieses Geschenk und Privileg auf der einen Seite als unantastbar – quasi gottgegeben – vorausssetzen***** und nutzen, aber auf der anderen Seite, diese Freiheiten Menschen mit nicht-europäischen Nationalitäten nicht zugestehen wollen. Freiheit funktioniert nicht als Einbahnstraße. Freiheit funktioniert nur, wenn man sie teilt.

Und wie schnell es mit der Freiheit vorbei sein kann – trotz vielleicht „richtiger“ Nationalität, aber falschem irgendwas -, hat uns die Geschichte des 20. Jahrhunderts eigentlich einbrennen sollen. Aber weil das einige immer wieder vergessen, ist das verehrte Fräulein ReadOn so wichtig … mit ihrem Blog, aber auch – ganz aktuell – mit dieser beeindruckenden Rede (ab 1:07:50).

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*Ich höre schon „meinen“ Politologen moppern, der sich regelmäßig über die mächtige Stellung Deutschlands in Europa auslässt.

** Ganz hinten im Pass steht: „Dieser Reissepass ist Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“

*** Auf der Seite des Auswärtigen Amts finde ich keine (validen) Daten dazu.

**** Ich finde schon, dass es Glück ist, in einem so priviligierten und wirtschaftlich gut aufgestelltem Land wie Deutschland leben zu dürfen.

***** Das war nicht immer so. Und bis 1990 war es auch für einen Teil der Deutschen quasi unvorstellbar.

Besuchen Sie Europa

Ja, äh, nein, es tut mir nicht leid, wenn ihr jetzt einen Ohrwurm habt. Ich hab ihn ja schließlich auch. So seit gut zwei Wochen.

Während ich die Fotos von Strasbourg bearbeitete (es wurden 194 bearbeitete Bilder von 562 geschossenen), überlegte ich, wie ich die Bilder denn nun präsentiere. Tageweise oder nur ein paar (haha) wenige (hahaha). Aber beim Sichten der bearbeiteten Bilder (keine Sorge, ich präsentiere nicht alle 194) dachte ich, dass ich sie thematisch clustern könnte.

Und weil es schon so spät ist und ich die Bilder am einfachsten zuordnen kann, fange ich mit Europa der EU an. Da sind wir am dritten Tag, nachdem der Fuß vom midi-monsieur bereits am Tag vorher wundergeheilt durchgehalten hatte, bei bestem Wetter hinspaziert.

Pläne

Ich überlege, ob ich den diesjährigen Hollandtrip mit dem Kind ausfallen lasse(n muss). Das auserwählte Wochenende ist „nur“ von Donnerstag bis Sonntag. Im letzten Jahr war es bis Montag. Das machte die Fahrerei angenehmer. Und ich fürchte auch, dass der midi-monsieur nicht möchte, dass wir schon am Mittwoch fahren und er dann sein Rugbytraining ausfallen lassen muss.

Dafür greifen gerade alle Terminrädchen um den Geburtstag vom midi-monsieur ineinander. Der Kv kommt davor und bleibt bis zum Tag danach. Dann kommen meine Eltern – wohl für eine Nacht. Und am Samstag sind wir dann frei und können ohne irgendwen aus- oder umzuladen zu Gartyparty bei Frau Mutti fahren.

Auch der Sommer ist schon geplant. Das Kind wird 4 Wochen nach Frankreich fahren. Ich werde ihn sowohl bringen als auch abholen (bis bzw. in Paris). Die Termine stehen schon fest. Und über die Herbstferien haben wir tatsächlich auch schon gesprochen.

Bilingual

Der midi-monsieur ist seelig. Der Papa ist gekommen, um ihn abzuholen. Das entbindet ihn allerdings nicht von Pflichten. Also machte er mit dem Papa Kopfrechentraining – auf Französisch. Im Zahlenraum bis 100. (Ich muss das gerade so betonen, weil ich ziemlich Beef mit der Schule habe.)

Dazu musste ich die aktuelle Schulproblematik heute auch erklären. Dem Kv. Auf Französisch. Es ging erstaunlich gut. Und wir waren uns erstaunlich einig.

Uff

16h54 Der Kv ruft an, er sei mit dem Kind auf dem Weg ins Krankenhaus. Der midi-monsieur war gestolpert und doof auf Mund und Nase gefallen. Meinem sonst so coolem Kind ist mulmig. Während der Fahr telefoniere ich mit ihm, ich höre raus, dass er Angst hat. Er tauscht Küsse und Liebeserklärungen aus. Ich spüre, dass er versucht seinen Mamawärmeakku auf die Entfernung aufzufüllen.

18h46 Sie sind auf dem Weg nach Hause. Der midi-monsieur musste mit vier Stichen an der Lippe genäht werden. Er ist aufgekratzt(er), macht Witze über seine dicke Lippe, wundert sich über das Nasenbluten, dass er hatte, fordert parallel vom Papa große Eismengen. Ich höre, dass er gut drauf ist. Dann bricht das Gespräch ab, weil der Akku vom Kv-Handy leer ist.

23h15 Ich empfange ein Bild vom Kind VOR der Fahrt ins Krankenhaus: Ich möchte mein Kind sofort in den Arm nehmen. Er sieht sehr mitgenommen aus: Blut auf der Nase, Blut aus der Nase und eine wirklich dicke Lippe. Puuhh, das versetzt mir doch einen sehr dollen Stich. Ein aktuelles Bild wollte der midi-monsieur nicht machen lassen, erzählt mir der Kv beim anschließenden Telefonat, mit dem Cousin zu spielen sei jetzt wichtiger. Das ist ein gutes Zeichen.

Trotzdem leide ich. Ich bin 1.000 km weit weg und kann mein Kind nicht in den Arm nehmen. Kann ihm nur fernmündlich beistehen. Das ist nur schwer zu ertragen.

Aber immerhin hat mich der Kv umgehend angerufen.

Ich packe meine Tasche …

… und tue hinein:

  • ein Kissen
  • eine Decke
  • ein Paar Ohrenstöpsel
  • eine Schlafbrille
  • eine Power-Bank
  • ein Handy-Ladekabel
  • In-Ear-Kopfhörer

Dazu noch Papiere aka Portemonnaie, Handy und Louvre-Karte, Antibiotikum, Chlorhexidin sowie Wasser.

Damit geht es dann morgen nach Paris; mit dem 5:59-Uhr-Zug. Und was macht man da anderes als schlafen?

Skurril

Schrieb ich doch letztens erst, wie sehr ich Frankreich vermisse und hatte auch schon angefangen zu überlegen, wie ich ein baldiges Wiedersehen arrangieren könnte, da telefonierte ich mit meiner Mutter. Und nachdem wir diverse Daten geklärt hatte, wann wer wo ist, kam von ihr die Idee auf, ob wir nicht in den Herbstferien zusammen nach Frankreich, genau in die Bretagne fahren wollen. Sie würde die Gegend gerne mal sehen, fände es aber gut mich als Sprachkundige mitzunehmen.

Wir haben uns auf ein Ferienhaus geeinigt, denn es ist nicht soo einfach mit meinen Eltern:

Ich guckte also nach Häusern mit 3 Schlafzimmern, schickte meiner Mutter Links, machte mir Gedanken zur Anreise, konferierte mit meiner Mutter über WhatsApp. Gestern abend war alles schon ziemlich konkret und als ich darüber dann mal kurz nachdachte, musste ich auf einmal lachen:

Wir haben den Aufenthalt so geplant, dass wir bis zum letzten Tag des midi-monsieurs dort sind und ihn dann praktischerweise mit zurücknehmen können. Da der KV offiziell bei seinen Eltern wohnt – zumindest, wenn der midi-monsieur bei ihm ist -, gehe ich davon aus, dass wir das Kind ebendort abholen werden. Was vermutlich dazu führen wird, dass sich seine und meine Eltern zum ersten Mal überhaupt sehen werden. Diese Vorstellung ist schon sehrsehrsehr skurill, weil da einfach Welten aufeinander prallen werden.

Ich freu mich einfach mal drauf.

Ce qui me manque*

Nicht nur beim midi-monsieur löst alles Französische was („Ohhh, Frankreich.“) aus, auch für mich ist es ein Trigger. So habe ich das Gefühl, dass sich grundsätzlich _alle_ französischsprachigen Menschen immer in meiner Nähe aufhalten. Und kaum höre ich wen Französisch parlieren, fange ich an, auf Französisch zu denken oder zumindest den gerade gedachten Gedanken (im Kopf) zu übersetzen. Aber ich merke, wie mein Französisch weniger flüssig wird. Wie ich anfange, nach Vokabeln zu suchen. Das ist schade. War es doch immerhin sieben Jahre lang Teil meines Alltags, eine tägliche Herausforderung, aber auch eine tolle Bereicherung.

Doch mit Frankreich verbinde ich noch mehr als die Zeit mit dem Vater vom midi-monsieur: Obwohl ich bewusst kein Französisch in der Schule wählte und lernte, führte mich meine erste Jugendfreizeit allein an Frankreichs Südwestküste. Das war 1991. Danach 1995 auf der Interrail-Tour, von der meine intensivsten Erinnerungen die aus Paris und Straßburg sind. 1996 verliebte mich sehr in einen äußerst frankophilen Pfälzer, als ich erstmals in den Cevennen war. Nicht genau Dort verbrachte ich zwei Jahre später den ersten Urlaub mit dem Mann, der mittlerweile mein Ex-Mann ist, und war von da an neun Jahre lang regelmäßig mit ihm dort. Jedes Jahr waren wir mindestens einmal im Languedoc. Eine wunderschöne Gegend, die ich immer und jederzeit empfehle und hoffentlich mal wieder sehen werde. Nach der Trennung fuhr ich 2007 erstmals allein ins Nachbarland. Inzwischen hatte ich etwas Französisch gelernt – mein Ex spricht so gut Franzsösisch, dass ich nie ernsthaft Bedarf und Ehrgeiz hatte, es zu lernen – und machte einen Roadtrip durch die Bretagne, die ich von da an bis 2013 (außer 2012) immer wieder sah.

Mal abgesehen von zwei Abholaufenthalten in Paris, war ich nun seit über zwei Jahren nicht mehr in Frankreich. Das fühlt sich komisch an. Als würde etwas fehlen. Und immer, wenn dieses Gefühl größer wird und mir dann auf instagram, in Blogs oder woanders Bilder aus Frankreich begegnen, dann wird mir schmerzlich bewusst, wie schön es dort ist und wieviele Erinnerungen ich mit Frankreich habe. Und dann ist sie groß, die Sehnsucht und ich vermisse die weiß-gekalkten Häuschen mit den blauen Fensterläden, diese besonderen Angelbuden am Meer, den Blick über die Causse du Larzac, Paddeln im L’Hérault und die scheinbar endlosen Weinfelder des Languedocs.

Ma France, il faut te revoir.**

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* Was ich vermisse
** Mein Frankreich, ich muss dich wiedersehen.