Erschöpft

Ich bin immer noch erschüttert, was da letztens mit der lieben Minusch via Twitter passiert ist. Und so sehr ich verstehen kann, dass sich jemand sorgt, wenn mal etwas länger Ruhe auf einem Account ist – insbesondere auch nach einem solchen Tweet -, so wenig Verständnis habe ich dafür, dass direkt die Polizei eingeschaltet wird.

Ich kann nicht wirklich beurteilen, wie nah diese Menschen Minusch stehen, aber sonderlich nah wird es nicht sein, denn sonst hätten sie andere Wege gefunden, ihrer Sorge Ausdruck zu verleihen. Am einfachsten wäre wohl anrufen gewesen. Oder sich wenigstens an wen zu wenden, von der oder dem man weiß, dass sie oder er ihr nahe steht. Gleich die Polizei einzuschalten ging gar nicht. Überhaupt nicht!

Aber eigentlich will ich mich gar nicht aufregen. Das obliegt v.a. Minusch und das hat sie ja zum Glück auch gemacht.

Ich will darüber schreiben, dass ich ihren Tweet überhaupt nicht mit auch nur den allerleisesten suizidalen Absichten in Verbindung gebracht habe. Ja, vielleicht hätte man das können. Aber vielleicht hätte man das nur können, wenn man noch nie in dieser Situation gewesen ist. Und damit meine ich in der Situation des Alleinerziehendseins – des ganz endgültigen und ganz alleinigem Alleinerziehendseins. Ja, das klingt dramatisch. Aber ganz ehrlich: Es ist auch dramatisch. Vor allem am Anfang. Der Mensch ist schließlich ein Gewohnheitstier.

Denn egal, wer sich von wem trennt, man ist von jetzt auf gleich alleinerziehend. Man kann nicht probehalber alleinerziehend sein (und temporär mit den Kinder alleine zu sein, weil der Partner nicht vor Ort ist, gibt sicherlich Einblick in die „Miesere“, hat aber trotz allem eine ganz andere Qualität). Man kann sich vielleicht, wenn man der trennende Part ist, eine zeitlang mit dem Gedanken anfreunden, aber was es wirklich bedeutet, weiß man erst, wenn die Trennung vollzogen ist.

Ja, so eine Trennung kann manchmal befreiend sein und war – in meinem Fall – auch überfällig. Beziehungen können zerstörerisch sein. Aber nur weil die Trennung, richtig, wichtig oder gar lebensrettend ist, ist man in seinem Alleinerziehendsei nicht weniger allein.

Und man steht allein vor einem Riesenberg:

  • Wie erkläre ich es den Kindern*? Was macht es mit ihnen?
  • Wie geht es finanziell weiter?
  • Wann sehen die Kinder den Vater**?
  • Wie organisiere ich unseren Alltag neu?

Und das sind nur die wichtigsten Fragen, wenn man es schafft, sich halbwegs zivilisiert und einvernehmlich zu trennen.

Doch das ist selten der Fall. Meist kommen viele Frage, Baustellen und Nebenschauplätze dazu:

  • Müssen wir umziehen? Wo finden wir eine schöne günstige Wohnung?
  • Ich will die Kinder nicht aus ihrem Umfeld reißen?
  • Warum kommt der Papa nicht? Warum dürfen wir nicht zum Papa?
  • Wieso schafft es der Ex immer wieder, mich auf die Palme zu bringen?
  • Ich kann nicht Vater und Mutter gleichzeitig sein.
  • Warum zahlt der Kv nicht?
  • Antrag auf Unterhaltsvorschuss stellen.
  • Wo finde ich eine gute Familienanwältin?
  • Warum ist das Jugendamt so doof?
  • Warum muss ich allesallesalles alleine machen und entscheiden?
  • Bekomme ich die Unterschrift vom Kv?
  • Gerichtstermine
  • Warum kann er sich verdammt nochmal nicht an Vereinbarungen halten?
  • Meine Kinderkranktage sind aufgebraucht und nun liegt schon wieder eins fiebernd im Bett?
  • Warum sind Oma und Opa so weit weg?
  • Scheidungsverfahren
  • Ich müsste dringend was für mich tun.
  • Warum kommt denn jetzt noch ein Mist dazu?
  • Klar kann man ner Alleinerziehenden kündigen. Warum auch nicht?!
  • Geschwisterkinder von Alleinerziehenden-Kindern bei der Betreuungsplatzvergaben? Die haben sie doch nicht mehr alle.
  • Elternabend 1, 2, 3, 4 und ganz viele.
  • Das Geld reicht hinten und vorne nicht.
  • Ich kann keine Formulare mehr sehen.
  • Warum darf sich der Kv die Rosinen rauspicken?
  • Die Kinder wollen den Vater nicht sehen. Und ich bin wieder die Dumme.
  • Ich muss funktionieren.
  • Wunden lecke ich dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Diese und noch viele andere Fragen, Aufgaben, Gedanken laufen den GANZEN Tag irgendwie mit. Mal mehr und mal weniger präsent. Dazu kommen noch die ganz banalen Alltagsdinge wie:

  • pünktlich aufstehen
  • ALLE zeitig loskommen
  • Hygiene
  • Essen
  • Einkaufen
  • Wäsche waschen
  • Putzen
  • Freizeitaktivitäten
  • Vorlesen / Gute-Nacht-Rituale
  • zusammen spielen

Da ist irgendwann einfach mal das Limit erreicht. Da kann man nicht mehr. Dann ist man fertig, einfach nur abgrundtief fertig und erschöpft. Und ja, sowohl physisch als auch emotional. Das belastet, das tut weh. Ja, man ist müde. UN.END.LICH müde!

Aber man ist nicht lebensmüde! Alleinerziehende sind nicht lebensmüde.

Denn da sind die Kinder, für die man sorgen und da sein will. Für die man eine Verantwortung hat. Für die man sich wünscht, dass es ihnen gut geht. Die man schlicht und einfach liebt. Und die man nicht, niemals nie allein lassen will.

Und wer helfen möchte, dem empfehle ich:

Alternativ darf auch angeboten werden, in der Wohnung klar Schiff zu machen, zu kochen oder einzukaufen, damit die Alleinerziehende auch einfach mal Zeit für ihre Kinder hat.

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* Ich wähle hier mal den Plural, damit ich mich nicht in tausend Sternchen, Klammern und Schrägstrichen verheddere.

** Auch hier der einfachheithalber das „klassische“ Modell: Die Kinder bleiben bei der Mutter.

Erstaunlich

Nein, es ist nicht wirklich erstaunlich, was es mit mir macht, wenn ich nicht den ganzen Tag auf Kind-Standby bin. Ja, es ist erholsam, wenn ein zweiter Erwachsener, derzeit der Kv, da ist und sich um den midi-monsieur kümmert.

Weil der Kv nach dem Rugby-Turnier mit dem Kind auf den Spielplatz ging, konnte ich schlafen. Was dringendst nötig war.

Sonst hätte ich danach nicht einkaufen gehen, nicht Essen machen, nicht in der Küche endlich mal klar Schiff machen und nicht eine Quiche vorbereiten können, weil ich von der gestern gebackenen heute nichts bekommen habe, aber seitdem Lust auf Quiche habe.

Und trotzdem finde ich den Gedanken, dass hier dauerhaft ein weiterer Erwachsener wohnt, nicht sonderlich attraktiv.

Aber auch das ist nicht erstaunlich. 😁

Menschen, Tiere, Emotionen

Gestern dachte ich kurz darüber nach, ob wir ein Haustier „brauchen“. Dieser Gedanke dauerte höchstens eine Sekunde. Dann besann ich mich wieder. Nein, für noch ein Lebewesen möchte ich keine Verantwortung tragen. Kann ich nicht. Also könnte ich schon, wäre aber emotionaler Selbstmord.

Mir reicht die Verantwortung, die ich für den midi-monsieur und für mich tragen muss.

Und mir reicht es gerade auch, dass ich dabei mit Menschen agieren muss und auf Menschen angewiesen bin, die vom Karma her wohl als Amöbe, ach, was kann die Amöbe dafür Mücke* wiedergeboren werden.

Ich habe gerade keinen Bock auf Menschen, die mich emotional stressen. Die an mir zerren. Die mich ignorieren. Die unehrlich sind.

Umso verwunderlicher ist es, dass ich mich tatsächlich darauf gefreut habe, dass der Kv ab heute da ist.

Obwohl, wenn ich ehrlich bin, entlastet er mich meistens ja schon, indem er für den midi-monsieur da ist. Und das verschafft mir tatsächlich etwas Luft und Ruhe und nimmt mir etwas Verantwortung.

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* Mücken mag ja nun wirklich keiner. Höchstens Fledermäuse.

Mürbe

Vielleicht war das das Ziel: Den midi-monsieur und mich mürbe zu machen. So mürbe, dass wir „aufgeben“.

Wovon ich rede?! Von meinem „Lieblingsthema“; von der Grundschule des Kindes. Und ja, es betrifft letztlich die ganze Schule und ist ein grundstrukturelles Problem. Aber in unserem Fall geht es natürlich von den Lehrkräften aus.

Es gäbe – nach nun fast zwei Jahren Schule – einige Stories zu erzählen. Die im Einzelnen vielleicht nicht so schlimm sind, aber in der Summe ein Bild zeichnen, das einfach nur schlimm ist.

Und das Resultat: Ein midi-monsieur, der die Schule hasst. Der kein Vertrauen in seine Lehrkräfte hat. Der sich von seinen Lehrkräften schlecht behandelt, nicht wahr- und angenommen fühlt. Der darunter leidet, dass er nicht drangenommen wird und ihm nicht geglaubt wird. Dem mit schlechten Kopfnoten gedroht wird. Dem suggeriert wird, dass alles nur an seinem Verhalten läge.

Und ich erlebe, wie nur auf seinen Schwächen rumgehackt wird und seine Stärken nicht gefördert werden. Wie er morgens Bauchschmerzen hat, wenn er an die Schule denkt. Wie er sich immer wieder bemüht und dann doch enttäuscht wird. Der sich Druck macht mit den Noten, über die alles an dieser Schule geht.

Es macht mich so traurig, dass es ihm so an der Grundschule geht. Dass ihm so dermaßen die Lust am Lernen und der Spaß an der Schule genommen wird.

Ich versuche mit allen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, ihn zu stärken, zu bestärken, ihm den Druck zu nehmen, für ihn da zu sein und mit ihm viel zu sprechen.

Aber nun sind wir an dem Punkt, an dem wir darüber nachdenken, ob es für ihn wirklich noch Sinn macht an dieser Schule. Und wenn ja, wie?

Und so werde ich wohl morgen telefonieren, Gesprächstermine ausmachen, Recherchieren und gucken, was möglich ist.

Ach, es ist zum heulen!

Haaaaarmoniiiiieeee

Der Kv ist da. Für Weihnachten. Seit gestern schon. Wobei er erst zum Essen am Abend da war. So konnten das Kind und ich noch entspannt – sofern das mit weihnachtsaufgeregtem Kind möglich ist – zum Stadtgeläut fahren und damit Weihnachten – Achtung Wortwitz – einläuten. Ich bin ein großer Geläutfan und muss da auch immer ein bisschen gegen den Klos im Hals anatmen. Es war so mild, dass wir mit dem Rad fahren konnten. Was sicherlich gut war, denn so konnte sich das Kind noch etwas auspowern, bevor er begutachten konnte, was das Christkind gebracht hatte. Alles genehmigt. Das erste Lego-Set wurde direkt aufgebaut. Währenddessen kam der Kv, sodass wir zusammen essen konnten.

Heute dann erst spätes gemeinsames Frühstück. Ich bereitete danach den Braten vor und nutzte anschließend die Gelegenheit, allein spazieren gehen zu können. Als ich nach Hause kam, waren Vater und Sohn noch draußen, aber der Braten fertig. Ich kümmerte mich um die Spätzle – also die Teigzubereitung – und was sonst noch zu machen war. Die beiden kamen, deckten den Tisch. Der Kv und ich stießen mit Pastis an und wir machten uns über die mitgebrachten Krustentiere her.

Das war ziemliche Puhlerei, aber auch ziemlich lecker. Haben wir ja nicht so oft.

Die Spätzle sind mit 1/5 Buchweizenmehl hergestellt, in der Soße ist Schokolade und im Rotkohl Apfelwein, 2 Boskop sowie Cranberry-Konfitüre. Alles sehr fein. Danach gab’s erstmal ein vereinfachtes* Trou de Normandie für den Kv und mich, um Platz für den nächsten Gang zu schaffen.

Käse ist natürlich Pflicht, wenn man mit anderthalb Franzosen diniert. Ein ordentlicher Nachtisch darf natürlich auch nicht fehlen.

Einmal im Jahr muss ich schon Mousse au Chocolat machen.

Und dann widmete sich der midi-monsieur wieder seinem Lego und der Kv und ich stießen mit einem Digestiv an.

Danach spielten Vater und Sohn Wii. Ich nutzte die Ablenkung und packte für den Kv das bereits von mir besorgte und eingerichtete Geschenk für den midi-monsieur ein und legte es unter den Baum; zusammen mit zwei Kleinigkeiten für den Kv.

Irgendwann entdeckte das Kind die neuen Geschenke unterm Baum und war völlig sprachlos, als er das Geschenk von seinem Vater öffnete.

Ich freute mich, dass das Kind sich freute. Und während die zwei das Geschenk testeten und ausprobierten, machte ich mir „Nightmare before Christmas“ an.

Mal schauen, wie klebrig-harmonisch der 2. Feiertag wird.

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* vereinfacht = ohne Speiseeis

Können können

Ich war die letzten Tag sehr genervt. Doch so ganz konnte ich nicht fassen, warum.

Sicherlich war es ein Lagerkoller. Immerhin war der Kv dieses Mal für 9 Tage da. Außerdem kam er an dem Tag, an dem es vor zwei Jahren eskalierte und irgendwie war ich schon angespannt. So unterbewusst.

Der Kv hat sich eigentlich recht gut eingefügt, aber er war laut. Sehr laut. Sobald er auf den Beinen war, war er zu hören. Und wenn er mit dem midi-monsieur beschäftigt war, war er noch ein bisschen lauter. Das hat mich sehrsehr angestrengt. Zumal ich weiß, dass dieses Verhalten bei ihm mit Stress zu tun hat.

Dass der midi-monsieur krank wurde, war auch nicht so prickelnd. Zum einen, weil ich mir Sorgen machte. Dieses blöde Gekotze nimmt so einen mittelgroßen Wurm ja doch ganz schön mit. Zum anderen war das Verhalten vom Kv teilweise nur schwer zu ertragen. Da wurde das Kind direkt nach dem Kotzen fast genötigt, etwas zu essen. Das Kind durfte sich nicht in Ruhe auf dem Sofa austrecken, weil der Kv ihm nah sein wollte (obwohl das Kind nur seine Ruhe wollte). Und es wurde die Nachbarin der französischen Oma angerufen, damit sie per Telefon die Würmer aus dem Kind spricht. Ja, ihr lest richtig. Die Kotzerei würde von Würmern verursacht, die besonders bei Springflut aktiv sind. Nunja, wir wohnen nicht am Meer und der Mond stand nun auch nicht entsprechend. Aber da wird dran geglaubt. Nicht an Gott glauben, aber an Schamanen. Geholfen hat das natürlich nicht. Ich tippe auf Rotaviren.

Ein „Problem“ war auch, dass der midi-monsieur durch die Krankheit sehr auf mich fixiert war (verdenken kann ich es ihm ja nicht, da ich mich bemüht habe, nicht am ihm rumzuzusseln, sondern für ihn da zu sein, wenn er das wollte). So hatte ich schon ein schweres Herz, als ich am Mittwoch früh los auf Dienstreise musste und der midi-monsieur sehr leise und wimmernd darum bat, dass ich doch bitte bliebe. Wäre der Kv nicht da gewesen, wäre ich das auch. Die folgenden Tage durfte ich mich nur wenig wegbewegen. Und schlafen wollte er auch nur bei mir im Bett.

Und ich?! Ich war irgendwie noch eingenommen vom Sonntag. Und diesem Gefühl, einfach was für mich machen zu können, weil da halt der Kv ist. Aber das war für den Rest der Woche nicht mehr möglich. Und das war vermutlich das, was mich am meisten genervt hat: Da könnte ich können und dann kann ich doch nicht. Mal abgesehen von diversern Umständen, die das Können eh schon verkompliziert hätten.

Und irgendwie ist es ja doof, mich darüber zu ärgern und reinzusteigern, denn wenn ich allein alleinerziehend bin, dann kann ich ja auch nicht. Aber dann habe ich auch keinen anderen Erwachsenen Kv in der Wohnung rumspuken.

Heute geht es schon wieder besser.

Damals

Heute vor zwei Jahren habe ich mich bei Twitter angemeldet. Und mein allererster Tweet lautete:

Was mich damals zu Hause erwartete, ist auch erst zwei Jahre her und dennoch fühlt es sich zum Glück weit weit weg an. Seitdem ist viel, sehr viel passiert. Und ich bin unendlich dankbar für all die Entwicklungen der letzten zwei Jahre.

Der 17. November 2014 war einer der schwärzesten Tage in meinem Leben und ich möchte diese Angst nie wieder erleben (müssen). Zeitgleich war es vielleicht auch einer meiner stärksten Tage: Trotz meiner Angst blieb ich ruhig und besonnen und schaffte es, überlegt zu handeln und das wohl einzig Richtige zu tun.

Ich war noch nie jemand, der in stressigen Momenten in Panik verfällt. In Krisensituationen schaffe ich es für gewöhnlich in ein „Notfallpogramm“ zu schalten und völlig sachlich vorzugehen. Ja, das ist sicherlich eine Stärke von mir, von meinem eigentlichen Ich. Das Problem damals war, dass ich ja gar nicht mehr ich selbst war. Beziehungsweise mit ganz kleinen Schritten wieder auf dem Weg zu mir war. Den ersten war ich ziemlich genau sechs Monate zuvor bei der Kur gegangen. Mein Therapeut forderte mich auf, einen Brief an mich zu schreiben. An mich nach der Kur. Einen Brief, den ich immer wieder lesen sollte, wenn ich das Gefühl haben sollte, dass ich von meinem Weg (der damals noch offen war) abkomme. Es beeindruckt mich noch immer, wie nachhaltig diese kleine und vermeintliche einfache Maßnahme wirkt(e).

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