Passmacht

Der deutsche Pass, also der Reisepass, ist der „mächtigste* Pass“ der Welt. Wer einen solchen besitzt – besitzt man einen Pass?** -, darf in 158, 161 bzw. 176 (je nach Quelle) Länder visafrei reisen.*** Das bedeutet als Deutsche*r darf man zwischen 82 und 91 Prozent aller Staaten der Welt visafrei bereisen.

Ich besitze – theoretisch – einen solchen Pass. Praktisch ist mein Reisepass seit August 2017 abgelaufen. Ich reise nicht viel und wenn dann bewege ich mit ins europäische Ausland und da reicht bekanntlich ein Personalausweis. Wobei ich gar nicht weiß, wann ich den zum letzten Mal in einem „fremden“ Land vorzeigen musste. Europa (und nicht nur die EU) sind grenzenlos. Mir gefällt das. Denn – mal abgesehen von Sprachbarrieren – falle ich erstmal nicht als Ausländerin bzw. Deutsche auf.

Ich habe das Glück**** gehabt, in Deutschland als Tochter von Eltern mit deutschen Pässen geboren worden zu sein. Ich habe nichts zu meiner Nationalität beigetragen. Ich lebe zwar gerne in Deutschland, aber ich würde mich nicht übers Deutschsein definieren, auch wenn ich mich als Deutsche bezeichne(n kanndarfmuss), weil ich das nunmal bin.

Doch letztlich fühle ich mich – wenn überhaupt – europäisch. Ich mag den Grundgedanken der Europäischen Union, vom Schengener Abkommen. Oft erwische ich mich aber auch dabei, dass ich leider nicht genug über das ganze politische Konstrukt dahinter weiß.

Was ich aber weiß, ist, dass ich mit meiner Nationalität in einer Zeit quasi grenzenloser Freiheit lebe. „Wir Deutschen“ dürfen (!!!) uns frei bewegen – nicht nur innnerhalb Deutschland, sondern auch über unsere unmittelbaren Außengrenzen und weit darüber hinaus. Und es will mir nicht in den Kopf, warum wir dieses Geschenk und Privileg auf der einen Seite als unantastbar – quasi gottgegeben – vorausssetzen***** und nutzen, aber auf der anderen Seite, diese Freiheiten Menschen mit nicht-europäischen Nationalitäten nicht zugestehen wollen. Freiheit funktioniert nicht als Einbahnstraße. Freiheit funktioniert nur, wenn man sie teilt.

Und wie schnell es mit der Freiheit vorbei sein kann – trotz vielleicht „richtiger“ Nationalität, aber falschem irgendwas -, hat uns die Geschichte des 20. Jahrhunderts eigentlich einbrennen sollen. Aber weil das einige immer wieder vergessen, ist das verehrte Fräulein ReadOn so wichtig … mit ihrem Blog, aber auch – ganz aktuell – mit dieser beeindruckenden Rede (ab 1:07:50).

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*Ich höre schon „meinen“ Politologen moppern, der sich regelmäßig über die mächtige Stellung Deutschlands in Europa auslässt.

** Ganz hinten im Pass steht: „Dieser Reissepass ist Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“

*** Auf der Seite des Auswärtigen Amts finde ich keine (validen) Daten dazu.

**** Ich finde schon, dass es Glück ist, in einem so priviligierten und wirtschaftlich gut aufgestelltem Land wie Deutschland leben zu dürfen.

***** Das war nicht immer so. Und bis 1990 war es auch für einen Teil der Deutschen quasi unvorstellbar.

Karöttchen

Ich muss ja gestehen, dass ich bis zur Verurteilung von Kristina Hänel dachte, dass Schwangerschaftsabbrüche generell straffrei sind. Über die Bewerbung von Schwangerschaftsabbrüchen habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Dass es §219 gibt, wusste ich nicht. Ich kenne ja das HWG und fand, dass das ausreicht und auch zu Recht Werbung im Gesundheitsbereich reglementiert (wobei ich mich immer noch frage, warum plastische Chirurgen werben dürfen).

Dann las ich mich ein bisschen ins Thema ein. Und seitdem kommt mir regelmäßig die Galle hoch, wenn ich irgendwie auf das Thema stoße. So auch beim Besuch der „Glanz und Elend“-Ausstellung (Text aus der Schirn-Ausstellung):

1871 war das Abtreibungsverbot unter Paragraf 218 ins Reichsstrafgesetzbuch aufgenommen worden. Nicht nur die Schwangere, die abtrieb, konnte nun mit Gefängnis bestraft werden, sondern auch derjenige, der den Abbruch vornahm. Als Machtinstrument der Geburtenpolitik wurde das Thema zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte, geprägt auch durch Juristen, Mediziner, Kirchen und Parteinen sowie die sich formierende Frauenbewegung. In der Weimarer Republik wurde die Abtreibungsdebatte zum Synonym für die Gesellschaftskritik und zu einer Volksbewegung, welche die unterschiedlichsten progressiven Kräfte aus Bürgertum und Arbeiterschaft vereinte. Die Forderung nach dem „Recht am eigenen Körper“ gewann im Zuge des 1918 eingeführten Frauenwahlrechts erneut an Aktualität. In zahlreichen Büchern und Theaterstücken, aber auch in der bildenden Kunst wurde das brennende Thema aufgegriffen.

Bis zum Ende der Inflation 1924 stand insbesondere die arme, kinderreiche Proletariarin als Opfer der sozialen Verhältnisse, versinnbildlicht im staatlich verordneten „Gebärzwang“, im Fokus der Proteste. […] Die entscheidenden Impulse für die Mobilisierung der Bevölkerung entstanden unter dem Eindruck der mit der Massenarbeitslosigkeit einhergehenden Weltwirtschaftskrise. Aber alle in den folgenden Jahren von USPD, SPD und KPD im Reichstag eingebrachten Aufhebungsanträge bliebe erfolglos. Trotz zahlreicher Bündnisse, zahlloser Kampagnen und Massendemostrationen gelang es nicht, den Paragraphen abzuschaffen.

Mal ehrlich: 1871 … Reichsstrafgesetzbuch?! Die Menschheit befindet sich im 21. Jahrhundert, aber der weibliche Körper ist in Deutschland weiterhin im 19. Jahrhundert hängengeblieben.

Der Frau wird weiterhin eine Entscheidung über den eigenen Körper nicht wirklich zugetraut. Die Frau braucht Beratung. Eine Beratung, die aber nicht der Frau dienen soll, sondern dem „Schutz des ungeborenen Lebens“. Als würde auch nur eine Frau diese Entscheidung leichtfertig fällen. Und als wäre sie (mental, intellektuell) nicht in der Lage die Reichweite einer solchen Entscheidung zu erfassen.

Ich frage mich gar nicht, warum der Gesetzgeber das nicht ändern will. Denn es ist klar, dass es letztlich der Sicherung des Patriarchats und der konventionellen Rollenbilder dient. Die vielen Rechte, die Frauen heutzutage bereits haben, sind vielen Altvorderen ja eh schon mehr als suspekt. Von der (katholischen) Kirche mal ganz zu schweigen.

Aber warum lassen wir Frauen das mit uns machen? Warum akzeptieren wir, dass wir uns, weil §218 weiterhin besteht, bei einem Schwangerschaftsabbruch irgendwie ja doch strafbar machen. Dank (eigentlich gibt es da nichts zu danken) §218a mit Auflagen ist ein Abbruch nicht mehr gesetzlich strafbar, aber doch moralisch. Eine ohnehin schon schwere Entscheidung wird – unnötig – noch schwerer gemacht.

Was muss eigentlich passieren, dass Frauen sich nicht mehr mit so kleinen Karöttchen zufrieden geben? Warum sind Frauen froh um jedes – noch so kleine – Zugeständnis und wagen nicht einen (großen) Schritt weiter? Diese ganzen Rechte für Frauen und entsprechenden Gesetzgebungen dazu sind – mal abgesehen vom Wahlrecht, das 2018 seit 100 Jahre besteht – teilweise noch so verdammt jung, dass ich tatsächlich befürchte, dass diese nach dem Motto „Last comes, first goes“ als erste übern Jordan gehen, sollte es politsch und gesellschaftlich (weiter) kippen.

Latent unmündig

Es ist so weit: Heute wurde eine Frauenärztin dafür verurteilt, dass sie über Schwangerschaftsabbrüche informiert. Nicht für das Durchführen solcher, sondern für die reine Information darüber. Dahinter steckt §219a*, der es möglich macht, diese Information als Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu interpretieren und entsprechend zu ahnden.

Ganz ehrlich, dass es die §§218/219ff überhaupt noch gibt, ist einfach so dermaßen bezeichnend dafür, wie der Staat Frauen sieht. Und zeigt einmal mehr, dass der Feminismus noch viel zu tun hat. Denn wie kann es angehen, dass Frauen sich vom Gesetzgeber (und damals sicherlich ausschließlich Männer) vorschreiben lassen müssen, was sie mit ihrem Körper machen, was mit ihrem Körper passieren darf.** Der Körper einer Frau gehört eigentlich nicht ihr, sondern dient einem Zweck.

Aber vermutlich müssen Frauen dankbar sein, dass §218*** um §218a ergänzt wurde, der Frauen unter bestimmten Bedingungen Straffreiheit beim Abbruch einer Schwangerschaft zusichert. Was ist das bitteschön für eine widerliche Arroganz? Gibt es irgendwas auch nur ansatzweise Vergleichbares für Männerrechte?

Und dann kommt §219, der die gemäß §218a erforderliche Beratung sehr genau beschreibt. Und mir reichen schon die ersten Worte:

(1) Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen […]

Der Staat stellt letztlich das Recht des ungeborenen Lebens höher als das der Mutter. Ich meine, es ist sicherlich total löblich, dass der Staat schon so früh an all „seine“ Kinder denkt. Einfach total fürsorglich.

Und da platzt mir echt der Kragen: Denn irgendwie ist es der einzige Moment****, in dem sich der Staat wirklich um die Kinder kümmert.

Betrachtet man mal alles, was danach kommt, wird einer gewahr, wie unwichtig dem Staat die Kinder letztlich sind und dass diese Kackparagraphen nur der weiteren Kleinhaltung der Frau dienen.

So ist trotz aller Mutterschutz- und Elternzeitgesetze für Frauen der Wiedereinstieg in den Beruf nach Schwangerschaft erschwert. Aber „mehr“ kann der Staat da sicherlich nicht machen.

Auch die Kitaplatz-Garantie bis U6 ist ja schön und gut, aber den Staat interessiert es nicht, wie diese Plätze aussehen, wie es um die Qualität der Kitas bestellt ist. Auch dass die Kosten nicht einheitlich sind, ist nicht mehr seine Sache. Von umfassenden und lebensnahen Betreuungszeiten mal ganz zu schweigen. Darum herum organisiert in den meisten Fällen die Mutter.

Was danach kommt, ist auch nicht besser: Das Bildungssystem ist eine Katastrophe, weil länderspezifisches Flickwerk. JEDES Bundesland und letztlich jede Kommune kocht ihr eigenes Süppchen in ihrem heiligen Gral. Es besteht ein massiver Lehrermangel und Geld für Ausstattung ist auch nicht vorhanden. (Blöd nur, dass PISA und Co***** für ganz Deutschland gelten und damit letztlich auch den Staat repräsentieren.) Was das mit den Kindern macht, ist egal. „Irgendwie ist ja noch (fast) jeder durch die Schule gekommen.“ Nur ab und an kommt der Staat übergeordnet mit so tollen Ideen wie Inklusion****** und G8 um die Ecke.

Richtig problematisch wird es, wenn sich Eltern trennen. Da sieht man deutlichst, wie viel dem Staat seine Kinder wirklich wert sind. Wer schon einmal ein Sorgerechtsverfahren mitgemacht hat, weiß, dass die Rechte der Kinder auf einmal nicht mehr so viel zählen. Es ist egal, wie es dem Kind geht. Wenn das Kind etwas nicht will, muss es für gewöhnlich trotzdem. Aber wenn der Elternteil, der nicht beim Kind lebt, nicht mehr will, dann darf er tun und lassen, was er will. Und der Elternteil, der das Kind hat (mehrheitlich Frauen), muss alles mitmachen.

Auch Unterhalt ist so eine perfide Sache. Natürlich ist erstmal der Elternteil für den Unterhalt verantwortlich, der nicht beim Kind lebt. Wer bei Nicht-Zahlen nicht direkt Unterhaltsvorschuss beantragt, hat das Nachsehen. Und dass darauf dann auch noch das Kindergeld angerechnet wird, ist auch so ein Unding. Bezeichnend ist ja auch, dass der Staat Jahrhunderte braucht, um den UHV endlich bis 18 Jahre auszuweiten (als würden Kinder ab 12 Jahren keine Kosten mehr verursachen). Unterm Strich gilt für die Frau: Je weniger Geld, desto mehr Stress, desto weniger wird sie wohl aufmucken.

Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass Alleinerziehende schon längst Steuerklasse 3 hätten, wären mehr Männer betroffen. Aber auch damit kann man Frauen (bei denen nunmal die Kinder mehrheitlich bleiben) noch schön stressen und klein halten.

Und weil all das auch darin seinen Anfang nimmt, ob und wie frei und selbstbestimmt sich eine Frau auf eine Schwangerschaft bzw. ein Kind einlassen muss, und es auch einfach nicht angehen kann, dass der Staat Frauen weiterhin – wenn auch bemüht unoffensichtlich – latent unmündig hält, bin ich Kristina Hänel sehrsehr dankbar, dass sie den langen Weg durch die Instanzen gehen will, um mit dem „Kippen“ von §219a einen Anfang zu machen, der hoffentlich auch all die anderen Schwangeschaftsabbruchparagraphen mit in den Abgrund reißen wird.

Kristina Hänel kann hier unterstützt werden.

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* Diesen Paragraphen gibt es schon lange. Er wurde jedoch in den 1920er Jahren bis 1933 quasi ausgesetzt und erst durch das NS-Regime wieder eingeführt und hat seitdem Bestand.

** Dazu passt auch so vieles andere, was zum Teil – zum Glück – mittlerweile abgeschafft wurde: u.a. eheliche Pflichten (aka Beischlafpflicht), keine Strafverfolgung bei Vergewaltigung in der Ehe.

*** Der besteht nämlich immer noch und besagt wie eh und je, dass Schwangerschaftsabbrüche Straftaten darstellen.

**** Aber warum auch nicht: Die Kinder sind noch nicht da, machen noch keine Scherereien, verursachen noch keine Kosten und praktischerweise kann man damit auch gleich noch das Patriarchat stärken die hochemotionale Situation der Frau ausnutzen, um sie weiter klein zu halten.

***** Ich mag solche Vergleiche ja nicht.

****** Ich bin für Inklusion. Aber sie funktioniert nicht gut, wenn die inklusive Beschulung in das bestehende Schulsystem einfach reingestopft wird. Es hätte eine komplette Reformierung des Schulsystems geben müssen.

Gedanken zur Zeit

Meine ganze Filterbubble regt sich – zu Recht – über einen heute erschienen Artikel in Die Zeit auf. Ich auch. Sehr. Hier ein paar ungeordnete Gedanken dazu:

  1. Ich kann es nicht mehr hören/ lesen/ ertragen, wenn Frauen anderen Frauen erklären wollen, wie sie sich verhalten sollen.
  2. Insbesondere kann ich es nicht mehr hören/ lesen/ ertragen, wenn Frauen anderen Frauen erklären wollen, wie der eine einzig wahre Feminismus funktioniert.
  3. Ich bin es leid, dass es IMMER WIEDER heißt: Die Männer sind halt so*, darum, liebe Frauen, nehmt darauf bitte Rücksicht und verhaltet/ kleidet euch entsprechend.
  4. Die (weibliche) Leserschaft der Zeit ist die falsche Zielgruppe für diesen Text.
  5. Die Botschaft des Textes ist eigentlich adressiert an Frauen, die nichts mit Feminismus zu tun haben. Aber mal abgesehen davon, dass diese Frauen wohl eher weniger Die Zeit lesen, wäre auch die Arroganz, von der dieser Text trieft, unerträglich. Damit bringt man keine zum Feminismus.
  6. Viele Frauen meiner Generation und meines Alters definieren Feminismus nicht über die – v.a. äußerliche – Gleichmachung zwischen Mann und Frau. Diese Frauen haben kein Problem mit ihrer Weiblichkeit, sondern für sie bedeutet Feminismus Gleichbereichtigung – monetär, bei der CareArbeit, Chancen etc.
  7. Die Diskussionen zu und über diesen Artikel sind sehr lesenswert und helfen mir, meine feministische Position zu überdenken. (Für irgendwas muss es ja gut sein.)
  8. Ich gehe oft genug in bequemsten Sachen und ungeschminkt aus dem Haus.
  9. Schicke*** Kleidung und Make-Up können auch als Uniform und als Schutz funktionieren.
  10. Es gibt auch eine Menge Männer, die sehr auf ihr Äußeres achten und es schade finden, dass sie im Geschäftsumfeld auf mindestens Jackett, besser Anzug festgelegt sind.
  11. Ich empfinde den aktuellen Feminismus manchmal als Prestigeobjekt weißer, gebildeter Mittelschichtfrauen. Es ist keine gesamtgesellschaftliche Idee (mehr). Bestimmte Gesellschaftsschichten fühlen sich nicht angesprochen und/ oder sehen nicht, warum er sie auch etwas angeht.
  12. Ich wünsche mir einen Feminismus und einen feministischen Wandel ohne Vorschriften und Diskussionen zu Äußerlichkeiten.

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* Wie eigentlich? Archaisch, animalische, dauergeile Wesen, die NUR an Sex denken, sobald sie einen Frauenkörper in „normaler“ Kleidung sehen?**

** Sorry, aber wir werden den einen Sexismus nicht los, indem wir einen anderen heraufbeschwören bzw. benutzen.

*** Schick als Gegenteil zu bequem. Das MUSS kein Kostüm sein. Einfach gute Business-Kleidung.

Korrelation

Wir lesen immer noch Jim Knopf. Natürlich, das Buch hat ja auch 27 Kapitel. Heute also Kapitel 16, aus dem ich folgendes zitieren möchte:

‚Nun‘, meinete Herr Tur Tur, ,[…] Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus, und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig, und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist. So unvernünftig sind die Menschen bedauerlicherweise oft.‘

Ich weiß, dass mich die Bücher meiner Kindheit geprägt haben. Ich in mit sämtlichen Kinderwerken von Astrid Lindgren, Erich Kästner und Michael Ende aufgewachsen. Sie haben mich gelehrt, dass Mädchen stark sind, dass es nicht immer allen gut geht, dass Dinge passieren können, die Welt verändern, dass man seinem Herz folgen soll, dass es immer wieder gilt (eigene) Grenzen zu überwinden, dass man sich trauen kann und soll, dass wir Menschen sind, einfache Menschen, von denen keiner besser oder schlechter ist als der andere, dass wir auf die Welt, in der wir leben, aufpassen müssen. Und nein, das lehren diese Bücher nicht mit der übergroßen Moralkeule, sondern nebenbei oder gar unterbewusst.

Machen das heutige Kinder- und Jugendbücher noch? Ja, Harry Potter macht das sicherlich. Aber die Darstellung zwischen Gut und Böse ist da doch deutlicher. Die Moralkeule ist deutlich sichtbarer. Ansonsten bin ich raus. (Sicherlich komme ich wieder rein, sobald der midi-monsieur mehr liest.)

Mich würde ja interessieren, ob eine Korrelation zwischen dem Wahlverhalten und den Büchern der Kindheit besteht. Gibt es dazu Untersuchungen? Sind Soziolog*innen, Politolog*innen, Linguist*innen anwesend, die sich mit sowas beschäftigen oder wissen, wer sich damit beschäftigt bzw. beschäftigen könnte?

Und wie ist das generell bei Euch: Habt Ihr die Kinderbuchklassiker der 1970er und 1980er Jahre von Lindgren, Kästner und Co gelesen? Habt Ihr sie in guter Erinnerung?

Herr Tur Tur

Die aktuelle Abendlektüre mit dem Kind, also das, was ich ihm vorlese, ist „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Und wie vermutlich 90 Prozent der Menschen meines Alters habe ich ständig die Bilder der Augsburger Puppenkiste im Kopf, während ich vorlese, und muss an mich halten, nicht vor jedem Vorlesen „Eine Insel …“ zu singen.

Gelesen wird aus meinem Buch, das im Jahr 1983 aufgelegt wurde. Ja, darin steht noch das einfach falsche N-Wort* und ich habe es nicht vorglesen, sondern halt „schwarzes Baby“ verwendet. Aber darum geht es mir eigentlich nicht:

Heute war Kapitel 16 dran. Das mit der sehr offen Unterüberschrift „in dem Jim Knopf eine wesentliche Erfahrung macht“ angeteasert wird. Und dies ist eine „wesentliche Erfahrung“, die wir alle immer wieder beherzigen sollten. Aber die ich insbesondere all denen wünsche, die Angst vor „dem Unbekanntem“ haben. Und das meine ich durchaus politisch.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer sind in dem Kapitel mit Emma der Lokomotive in der Wüste unterwegs. Es wird Abend und so ganz sicher ist nicht, was der nächste Tag bringen wird. Sicher sind ihnen nur seit ein paar Tagen die Geier, die sie auch an diesem Abend begleiten. Bis, ja, bis Jim Knopf beobachtet, dass die Geier von den beiden in der Lokomotive ablassen und panisch wegfliegen. Auch Emma dreht um, als sie sieht, was die Geier gesehen haben.

Denn gesehen haben sie: Herrn Tur Tur.

Auch Jim hat Angst vor Herrn Tur Tur, als er ihn erblickt; nur Lukas reagiert besonnen und so kommt es zu einer Begegnung zwischen den beiden Freunden und dem – wer das Buch kennt, weiß es – Scheinriesen. Bei der vorsichtigen Annährung stellen Lukas und Jim fest, dass der Riese kein Riese und schon gar nicht gefährlich ist. Und als Jim dessen gewahr wird, kommt er zu seiner wesentlichen Erkenntnis:

Er schämte sich plötzlich ganz gewaltig […]. Und im stillen nahm er sich vor, nie wieder vor irgend etwas oder irgendwem Angst zu haben, bevor er ihn oder es nicht aus der Nähe betrachtet hätte. Man konnte ja nie wissen, ob es nicht so ähnlich war wie mit Herrn Tur Tur.

(Aus: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“
von Michael Ende; Thienemann, 1983)

Als ich das vorhin vorlas, musste ich daran denken, dass die Angst vor dem Fremden/ Anderen dort am größen ist, wo man am wenigsten damit in Berührung kommt und erinnerte mich an einen Tweet (den ich nicht wiederfinde), in dem diese beiden Grafiken (Quelle: ESRI) gepostet wurden:

Die Geier stürzen sich halt auf das Einfache…

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* Meine eine Tante hat einen Ghanaer geheiratet. Für ihn war das ein Schimpfwort. Er wusste das durchaus zu differenzieren, aber dennoch las mir auch schon meine Mutter von einem „schwarzen Baby“ vor und ich bin mit dem Ausdruck „Schokokuss“ aufgewachsen.