Vertrauen

Letztens bemerkte eine Freundin, wie toll sie es findet, dass der Kv und ich so ein gutes Verhältnis haben. Dazu muss gesagt sein, dass diese Freundin die Vorgeschichte nicht kennt. Wir haben uns erst kennengelernt, nachdem der ganze Gerichtsmist abgeschlossen war.

Ja, das Verhältnis zwischen dem Kv und mir ist weitestgehend entspannt. Entspannt genug, dass er bei uns übernachten kann, wenn er sein Kind abholt oder nach Hause bringt, oder wenn er kommt, um ihn zu besuchen.

So auch dieses Wochenende: Extra fürs Rugby-Turnier kommt er her. Es war nicht einfach, eine halbwegs sinnige und günstige Verbindung zu finden, und so kommt er heute Nacht an. Zu einer Zeit, zu der ich hoffentlich schlafe. Und weil ich keinen Bock auf Gewecktwerden habe mir mein Schlaf heilig ist, muss ich nicht nur ihm, sondern auch meinem Geschick und meiner Nachbarschaft vertrauen, dass er din an zwei Stellen hinterlegten Schlüssel findet, damit er rein kann, ohne wen zu wecken.

Der midi-monsieur weiß nichts von seinem Glück. Ich wollte zur Aufregung vor dem ersten Rugbyspiel überhaupt nicht auch noch diese Anspannung  („Wann kommt der Papa an?“) mischen.

Vermissen à la Schrödinger

Gestern wurde ich gefragt, ob ich den midi-monsieur vermissen würde, jetzt wo er gerade in Frankreich weilt. Und ich antwortete direkt und ohne überlegen: „Nö.“ Und das stimmt auch so. Denn ich genieße es diesmal wieder sehr, eine kleine Weile in meinem Rhythmus und Tempo leben zu können. Dinge (spontan) machen zu können, für die ich sonst mindestens einen Babysitter bräuchte.

Und es stimmt nicht. Denn er fehlt mir. Auch fehlt mir, mit ihm einfach mal Freizeit und nicht immer nur Alltag zu haben (daher tut es auch doppelt weh, dass ich unseren Holland-Trip absagen musste). Mir fehlt er auch mit seinen Fragen, seinem Wissensdurst. Mir fehlt sein Witz und seine Kreativität. Mir fehlt, für ihn dasein zu können und mit ihm was zu unternehmen. Mir fehlt das Vorlesen am Abend und das anschließende Kuscheln. Mir fehlt zu wissen, dass er da ist, obwohl er gerade ganz ruhig in seinem Zimmer spielt. Mir fehlt, dass er mir sagt, dass er mich liebt. Und dass ich ihm sagen kann, dass ich ihn liebe.

Traritrara, die Post ist da

… oder auch nicht.

Vor ein paar Tagen rief mich meine Krankenkasse an: Ein Brief an mich sei zurückgekommen. Ob meine Adresse noch stimme.
Wir gleichen die Daten ab. Alles wie immer.

Zwei Stunden darauf ruft mein Vater an: Er habe eine Nachricht von der Spektrum bekommen, weil die nicht zugestellt werden konnte. Ich bin kurz irritiert, aber dann fällt mir wieder ein, dass das Abo – schon seit 1999 – ein Geschenk ist.

Dann fällt mir retrospektiv auf, dass ein paar Tage lang mein Briefkasten verdächtig leer war. Ob und was wohl noch nicht angekommen ist?!

Über das Kontaktformular der Post-Webseite schreibe ich eine Beschwerde. Bereits eine Stunde später bekomme ich eine schriftliche Antwort. Die ein bisschen danach klingt, als wolle man sich kümmern: „Natürlich haben wir die zuständige Abteilung über Ihr Anliegen informiert. Diese wird prüfen, ob vor Ort etwas falsch gelaufen ist. Denn selbstverständlich soll jeder Empfänger, der einen beschrifteten und zugänglichen Briefkasten besitzt, seine Post auch dort vorfinden.“

Heute bin ich so halb auf dem Sprung, als es mal wieder Sturm, wirklich Sturm, klingelt. Ich wappne mich schon mal, um dem drölfzigsten Paketboten zu sagen, dass er das unterlassen solle. Aber es ist kein Paketbote. Es ist unser neuer – also für mich neuer, bislang kannte ich einen anderen – Briefträger. Der auch direkt auf mich losgeht und mich beschimpft, weil ihn sein Vorgesetzter wohl bezüglich meiner Beschwerde angesprochen hat. Ich glaube, es hackt. Dieser Frontalangriff lässt mich laut werden. Als ich erwidere, dass es Belege dafür gebe, dass Post nicht bei mir angekommen sei, behauptet er doch glatt, dass die Absender, die die Post zurückbekommen haben, gelogen hätten. Und außerdem hätte nicht immer der Name am Briefkasten gestanden. Wir schreien uns tatsächlich an und ich bin kurz davor handgeiflich zu werden, beschränke mich aber darauf, ihn mit den Worten „Diesen Vorfall werde ich auch umgehend melden“ vor den Briefkästen stehen.

Eigentlich habe ich keine Zeit dafür, aber ich suche schnell die Kunden-Telefonnummer der Post raus, weil ich meinem Ärger direkt und umgehend Luft machen muss. Das sprachgeführte Menü ist etwas anstrengend und ich fliege auch einmal fast aus der Leitung, aber habe dann einen Kundenberater am anderen Ende, der meine Beschwerde aufnimmt.

Jetzt bin ich mal gespannt, ob ich überhaupt jemals wieder Post bekomme. Oder was wohl so in meinen Briefkasten passt.

Komisches Gewissen

Ich habe heute schon zum Mittag Alkohol getrunken: Zwei Gläser Wein und einen kleinen Whisky. Auf dem Weg nach Hause merkte ich es im Kopf und zu Hause hätte ich mich gerne ins Bett gelegt. Stattdessen war ich mit dem Kind raus. Frische Luft tat auch gut.

Abends ergab es sich dann, dass wir noch spontan bei einer befreundeten Familie landeten. Während die Kinder spielten, unterhielten sich die Erwachsenen. Irgendwann wurde eine Flasche Wein geöffnet und ich trank zwei Gläser.

Ich habe kein wirklich schlechtes Gewissen ob meines Alkoholkonsums, vor allem so generell nicht, aber irgendwie frage ich mich, ob das nötig war heute. Es war nett. Es hatte sich in den Situationen so ergeben, aber hätte es wirklich sein müssen? Muss(te) ich wirklich Alkohol trinken? Was wäre passiert, wenn ich es nicht getan hätte? Was würde passieren, wenn ich gar keinen Alkohol mehr trinke? Würde ich das wollen? Würde es mir fehlen? Und was genau würde mir fehlen?

Das alles beschäftigt mich schon eine Weile. Auch verstärkt durch diese Kampagne.

Endlich

Endlich habe ich einen Organspendeausweis. Immer wieder habe ich daran gedacht, aber nie gemacht. Doch dann ein Tweet, der darauf aufmerksam machte, dass man den Organspendeausweis als praktisches Plastikkärtchen bestellen kann. Umgehend gemacht.

Heute noch kurz überlegt, ob ich wirklich alles spenden will. Nein, will ich nicht. Innere Organe sind kein Problem für mich – sollten sie für eine Spende infrage kommen. Aber das Gesicht kann ich mir nicht vorstellen. Das will ich auch nicht meinen Hinterbliebenen antun.

Jetzt sollte ich mich auch mal um eine Patientenverfügung kümmern. Und testamentarisch festlegen, wie ich beerdigt werden möchte.

In Bewegung

Stillstand ist nichts für mich. Auch wenn ich mir manchmal wünsche, einfach mal in Ruhe vor mich hin leben zu können. Aber letztlich kann ich das wohl nicht. Oder ich habe noch nicht den Zustand erreicht, der wirklich Ruhe für mich bedeutet.

Seit der Alpenwanderung bin ich wieder (deutlich mehr) in (physischer) Bewegung. Ich merke, wie gut mir das tut und wie sehr mir das gefehlt hat. Und dann denke ich an letzten Sommer und wie sehr mich das halbwegs regelmäßige biken entspannt hat. Ich muss das noch mehr verinnerlichen.

Der midi-monsieur ist auch mehr in Bewegung – zum Aikido-Training ist ja nun auch zweimal wöchentliches Rugby-Training dazugekommen. Dazu sind wir wieder mehr draußen und fahren mehr mit dem Rad. Tut auch ihm gut. Vielleicht sollte ich ihm vor der Schule eine Runde Joggen schicken.

Für den midi-monsieur bewegen sich auch gerade viele andere Dinge. Entwicklungen, die zum Teil vielleicht überfällig waren und nun hoffentlich bald gut wirken. Andere Dinge entwickeln sich einfach, weil es wohl der Lauf der Dinge ist.

Im Job bin ich auch gerade sehr in Bewegung – geistig, aber auch Termine und zwischen Auftraggebern. Ich switche gefühlt täglich zwischen sieben verschiedenen Indikationen und mindestens ebensovielen Produkten. Gut, dass ich bei einem Großteil mittlerweile so tief drin bin, dass mir der Wechsel keinen Knoten mehr ins Hirn macht.

Doch, so gefällt mir das. Ruhe und Stillehalten ist wohl wirklich nichts für mich.

Achterbahn

Wenn man mich zur Zeit fragt, wie es mir geht, kann ich – für mich – überzeugt sagen: „Gut.“ Klar, gibt es auch Tage, an denen es mir nicht gut geht. Aber trotzdem kann ich „gut“ sagen. Denn das ist meine Grundstimmung. Es läuft gerade eigentlich ganz gut – für mich. Zumal ich ja auch weiß, wie es ist, wenn es mir wirklich schlecht geht. Aber als Optimistin sehe ich im Zweifelsfall das Glas immer halbvoll denn halbleer und bin der Grundüberzeugung, dass alles schon irgendwie wird.

Doch mein Optimismus ist getrübt. Noch hoffe ich, dass es nur eine dunkle Wolke ist, die sich irgendwann, hoffentlich bald, verzieht. Diese Wolke ist der Stress des midi-monsieurs. Immer wenn ich kurz durchatmen und mich darüber freuen möchte, dass es ihm ein My besser geht, passiert etwas, was ihn runterzieht. Und ich schaffe es nicht nachhaltig, ihm mit meinem Optimismus Mut zu geben.

Und so gut es mir geht, so sehr nimmt es mich mit, dass mein Kind leidet, dass ich ihm nicht helfen kann – zumindest nicht ausreichend.