Raue* Bretagne**

Also wirklich rau präsentiert sich die Bretagne hier im Finistère nicht: Das Wetter ist toll, das Meer hat nicht zu hohe Wellen, es weht ein Lüftchen. Die Landschaft ist aber deutlich anders als z.B. im Morbihan: hügeliger, schroffer, wilder und ja etwas unbezwingbarer. Oder zumindest nicht so leicht zu erobern, wie sich das eine Stadtpflanze wie ich so vorgestellt hat. Eine läuft nicht mal eben locker flockig zum Phare du Millier und eine fährt auch nicht mal eben 44 Kilometer über die Presqu’île de Crozon.

Menez Hom

Letzteres wäre vielleicht noch gegangen, wenn der RB und ich nicht unterschiedliche Räder und Trainingszustände hätten (das meine ich nicht böse, das ist einfach so). Aber es hätte auch mir ob der Streckenführung keinen Spaß gemacht. Denn Frankreich ist nun mal kein Fahrradland. Es ist das Land der Autofahrer und Wanderer. Paris ist da – wie bei vielem anderen – die rühmliche Ausnahme und Île de Ré ist tatsächlich auch die Fahrradinsel, die sie sein möchte. Aber sonst?! Keine bzw. kaum Radwege; mit dem Rad fährt eine halt auf den Land- und auch mal Bundesstraßen mit und die sind schmal und haben einen minifuzzikleinen Seitenstreifen. So richtig sicher fühlt eine sich da nicht.

Aber das ist uns nicht so bewusst, als wir uns an einer kleinen Badebucht zwischen Crozon und Camaret-sur-Mer auf die Räder schwingen. Ja, mit einem Anstieg anzufangen ist fies und dass wir dann kurz auf Wegen fahren, die ich mit dem Mountainbike gut bewältigen kann, aber nicht für den Breezer vom RB gemacht sind, ist auch nicht gut für die Moral. Aber dann kommt viel Asphalt und die ersten 7 Kilometer bis zum Pointe de Penhir sind geschafft.

Radidylle mit Jaques am Beg Penn Hir

Ausgesprochen hübsch da:

Die Strecke geht auf und ab, ist aber recht gut zu fahren. Bis Else meint, wir könnten doch ein kurzes Stück auf dem Sentier Cotier zurücklegen. Die Aussicht war toll:

Camaret-sur-Mer

Der Weg eigentlich auch. Nur nicht für Fahrräder geeignet. Selbst Schieben war schwierig und nervig.

Wir machen eine kleine Crêpes-Pause, die etwas länger wird, weil mein Vorderrad platt ist.

Vorderreifen zu wechseln ist ja zum Glück ein Kinderspiel (Foto: RB)

Der Ersatzschlauch ist aber schnell drin.

Eigentlich ist die Moral ganz gut. Doch dann müssen wir die Route de Montage hoch, die ihrem Namen alle Ehre macht. Und auch was danach kommt, ist nicht motivierend. Lange zähe Anstiege in der Sonne… nein, ich verstehe den RB schon sehr, dass er nicht mehr mit mir spricht. Ich hätte auch verstanden, wenn er mir das Rad an den Kopf geworfen hätte.

Zum Glück ist die Strecke so geplant, dass wir an mehreren Stellen abkürzen können.

Vor dem letzten vorletzen blöden Anstieg werfen wir noch einen schönen Blick gen Norden und fahren dann quer durch zurück.

Der weiße Streifen am Horizont ist Brest.

Die letzten Kilometer lässt mich der RB vorfahren. Am Auto schwitze ich nochmal Blut und Wasser, bevor der RB ankommt. Denn: Ich habe den Autoschlüsselnicht mehr bei mir. Ich bin mir sicher, der RB wird mich – zurecht – an mein Rad binden und im Meer versenken.

Als der RB ankommt, ist er platt wie mein Reifen zwischendurch. Aber er hat den Autoschlüssel. Phew!

Seine Laune ist so schlecht wie mein Gewissen. Wobei ich natürlich auch nichts für das Höhenprofil kann. Und das Else nicht weiß, wie gut oder schlecht französische Feldwege beschaffen sind und dass deutsche Standards in Frankreich nicht gelten, konnte ich ja auch nicht ahnen.

Trotzdem tut es mir leid, dass es so doof für ihn war*** und es täte mir noch leidera, wenn ich ihm jetzt den Spaß am Radfahren verleidet habe. (Habe ich aber wohl nicht. Nur solche Touren machen wir nie wieder vorerst nicht nochmal.)

——————-
* rude (franz./engl.)

** breizh (bretonisch)

*** Ich hätte mich da schon durchgebissen. Wobei ich dieses Fahren an der Straße ziemlich unangenehm finde.

Obligat

Gestern räumten der RB und ich ein Missverständnis hinsichtlich der Urlaubsplanung aus dem Weg. Das ist aber auch vertrackt mit diesem Reden: Ich dachte nämlich, dass der Besuch in der Eddu-Destillerie für ihn unter die Kategorie „Da war ich schon, wenn wir dran vorbeikommen und es passt, gucke ich sie mir gerne nochmal an“ fällt. Dem war aber nicht so: Er hatte sie noch gar nicht gesehen und wollte da unbedingt hin. Damit stand dann auch ein Programmpunkt für heute fest. Und dadurch auch grob die Gegend, in der wir uns aufhalten würden. Wir überlegten ein paar Dinge drumherum, von denen zwei ein Muss meinerseits waren, andere wiederum „ja, wenn’s klappt, ist’s schön, wenn nicht, ist’s auch nicht schlimm.

Nach dem Frühstück fuhren wir los gen Süden.

Old-School-GPS*

Meine Laune war semi und dann hatte ich auch noch die Fahrradschlüssel vergessen. Dazu steckte mir die Wanderung vom Tag zuvor im Körper – nicht schlimm, aber mein Körper arbeitete und da muss ich mich entweder gleich wieder bewegen oder brauche meine Ruhe, aber im Auto sitzen war halt doof. Doch dann machte mich der RB auf ein Schild aufmerksam, fuhren ihm nach und meine Laune besserte sich.

Hübsches kleines Museum, interessante Geschichte. Nichts für Vegetarierinnen und Veganerinnen.

Dann hatte ich Hunger. Ich fragte Googel und bekam eine Antwort. Eine – wie sich herausstellen sollte – sehr gute Antwort.

Ausblick beim Essen, das auch noch sehr gut war.

Dann wurde es Zeit zur Destillerie zu fahren, …

Warum die Brennerei Distillerie des Menhirs heißt

… damit wir die Führung noch mitmachen konnten.

Auch interessant. Ich mag es ja zu lernen, wie leckere Dinge entstehen. Was für eine Geschichte dahinter steckt, was das jeweilige Produkt besonders macht.

Doch nach dem Part des Anges und der Dégustation brauchten wir frische Luft. Und die bekommt eine ja bekanntlich am Wasser bzw. Meer.

Tja und weil Seeluft und Bewegung in ebendieser hungrig macht, fragte ich wieder Google, was es uns denn diesmal empfehle (der RB war schon so hungrig, dass er nicht mehr entscheidungsfähig war) und wir wurden wieder nicht enttäuscht. Direkt am Pointe de la Torche gab es wunderbare Moules Frites mit Crêpes zum Dessert, sodass wir wieder ausreichend gestärkt ware, um diesen schönen Küstenpunkt bei beginnendem Sonnenuntergang zu genießen.

Ich habe nur gehachzt und geseuzft, weil es so schön war.

————————————-
* Das Navi im Auto kann nur Deutschland, Belgien, Schweiz und Österreich. ^^

GR34

Zum Urlaub in der Bretagne gehört Meer. Und weil der RB und ich heute auf gar keinen Fall Auto fahren wollten, aber auch noch nicht mit den Rädern*/** loswollten, machten wir uns nach dem Frühstück zu Fuß auf den Weg Richtung Meer.

Ich hatte bereits im Vorfeld geguckt, was so gut anlaufbare Ziele rund um Douarnenez sein könnten und entsprechend mit Else zusammen Routen vorbereitet. So zum Beispiel der Phare de Millier, den uns unser Vermieter auch sehr ans Herz legte.

Einfache Entfernung: 14 Kilometer. Nunja, 28 Kilometer an einem Tag sind recht sportlich, aber irgendwie zu schaffen. Vielleicht, eventuell, möglicherweise. Aber zum einen nicht in unserem Lauf-Trainingszustand und zum anderen nicht, wenn das Höhenprofil aussieht wie ein Herzrhythmusstörungs-EKG. Aber das wussten wir ja noch nicht, als wir losgingen:

Kaum waren wir aus Tréboul raus, waren wir auf dem Sentier Côtier – Teil des GR34*** – und es ging auf einem meist sehr schmalen Weg auf und ab und auf und ab.

Der Weg ist wunderschön und der Blick aufs Meer noch vielviel schönara, aber wir waren dann doch ganz froh, dass …

… Obelix einen Hinkelstein aufgestellt hatte, …

… um einen günstigen Punkt zu markieren, an dem wir unsere Wanderung beenden konnten. Wir musste ja auch wieder zurück. Wir gingen auch nicht den gleichen Weg retour, sondern verließen die Küste und gingen an der Straße lang. Nicht schön, aber dafür ging (es sich) schnell.

Und nach einem Drink am Museums-Hafen lief uns Üffes über den Weg.

Üffes, die Hummer-Langustine

Naja, das Plüschtier lag halt in dem einen Laden rum und wollte mitgenommen werden. Ich war spontan überzeugt, dass es eine Langustine sei, aber

Zumindest war sich die TL einig, dass es ein Männchen sei. Also brauchte er noch einen Namen und da kam eins zum anderen: Unser Vermieter heißt Yves, den ich recht schnell – also während der Buchung per e-Mail – Üffes nannte, zumindest wenn ich dem RB erzählte, was Üffes hinsichtlich unserer Buchung geschrieben hatte. So ganz nett und entspannt. Dann lernten wir gestern Yves in echt kennen und ja, er ist sehr nett und sehr bemüht, aber auch sehr anstrengend. Er redet sehr viel und kommt nicht zum Punkt bzw. vom Hundersten ins Tausendstel. Der RB wird müde vom Übersetzen und Versuch zu folgen und ich bereue erstmals in meinem Leben, gut Französisch zu können. Naja und weil „Üffes“ nunmal zu diesem Urlaub gehört und die Hummer-Languste auch und Namen auch neu besetzt werden müssen, heißt das blaue Plüschtier Üffes.

Zum Tagesabschluss gab es leckerstes Essen am Port du Rosmeur und einen Spaziergang zur blauen Stunde.

——————————-
* Da wir ja eh mit dem Auto gefahren sind, haben wir unsere Räder einfach mitgenommen.

** Dafür werden wir uns noch dankbar sein im Laufe des Tages.

*** Grande Randonnée

Back in Breizh

Wer mir (und/oder dem RB) auf instagram und/oder Twitter folgt, hat es vermutlich schon mitbekommen, dass wir unsere Fotos und Tweets zur Reise unter #rudebreizh (gesprochen rüd’brähß) veröffentlichen.

Heute fahren wir also endlich in die Bretagne. Der Mont Saint Michel ist ja so ziemlich hart auf der Grenze, gehört habe nun mal noch zur Normandie. Und weil wir ja nicht am Mont Saint Michel übernachtet haben, weil es so praktisch auf dem Weg liegt, sondern weil wir es uns auch angucken wollen. Aber erstmal freuen wir uns nachts über den wirklich tollen Sternenhimmel. Es waren so viele Stern zu erkennen, dass wir sie schon nicht mehr richtig wahrnehmen konnten. Wow. Da wird einer erstmal bewusst, wie stark die Lichtverschmutzung über Frankfurt* ist.

Pünktlich zum Sonnenaufgang werde ich wach und kann kurz den Blick aus dem Chambre-d’Hôtes-Fenster genießen und einfangen.

**

Ich schlafe aber nochmal ein. Später dann in relativer Ruhe frühstücken, Sachen verstauen und ab zum Mont Saint Michel. Huiiii, da hat sich viel verändert. Zumindest, was die Zufahrt anbelangt. Damals, vor fast 11 Jahren, war das noch nicht so organisiert mit Parkplätzen und Bus- bzw. Kutschen-Shuttle zum Berg selbst. Um den Parkplatz kommen wir nicht herum, aber wenigstens können wir über den neuen Steg laufen.

Wir laufen auch ein bisschen über den Berg, aber wollen beide nicht ins Kloster selbst, sodass wir auch relativ schnell wieder auf dem Weg zum Auto sind. Herrje, auf einmal zieht sich der Weg über den Steg. Mir ist heiß, weil die Sonne brennt und irgendwie waren das auch zu viele Menschen auf viel zu kleinem Raum. Ich freue mich sehr auf wenige Menschen**** und viel Meeresrauschen in den nächsten Tagen.

Wir fahren weiter mit einem leider vergeblichen Abstecher nach Dinard, machen kurz Pause…

… und fahren dann quer durch die Bretagne bis nach Douarnenez. (Die Anfahrt ist noch recht spannend, da wir ewig nicht das Meer sehen und es extrem hügelig ist. Wir sind beide etwas verwirrt. Außerdem fahre ich die Etappe ins Städtchen rein und das ist eher suboptimal für meine Laune*****.) Wir werden aber herzlich am Chambre d’Hôtes empfangen und so bin ich recht schnell wieder entspannt.

Zu essen bekommen wir auch noch.

Und weil das gestern mit der Romantik ja so gut ging, heute gleich wieder bei einem Nachst-Spaziergang entlang der Sardinen-Route.

—————————–
* Ja, nichts Neues. Aber ich finde es ja totzdem erstaunlich, dass wir überhaupt Sterne über Frankfurt sehen.

** Weil so schön, diesmal kein Zuschnitt auf 1:1

*** Jedes Schild (dieser Art) hat eine Geschichte.

**** Am liebsten gar keine außer dem RB.

***** Ich hasse Stadtverkehr wirklich und nicht auf die Karte gucken zu können, weil das Navi vom Auto keine Frankreichkarte geladen hat, stresst mich zusätzlich.

****** Obwohl hier sowohl die herzhaften Galettes aus Buchweizenmehl als auch die süßen Crêpes aus Weißenmehl „Crêpes“ genannt werden.

Romantik-Profi

Nach eine höchst durchwachsenen Nacht wegen fremdem Haus, fremdem Bett, schnarchendem RB und juckendem Tattoo brechen wir zeitig im Saarland auf.

Schon schön, wenn einer den Grenzübertritt nach Frankreich nur daran merkt, dass andere Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten und das Handy vorrübergehend nicht weiß, ob sie sich noch ins deutsche Netz einwählen kann oder ins französische muss.

Ich bin die meiste Zeit Beifahrerin. Und das ist auch ganz gut so. Ich finde Autofahren immer anstrengender und hatte auch schon etwas Horror vor meinem Fahrtpart, denn

Aber mit Tempomat fährt es sich ja dann doch sehr entspannt auf französischen Autobahnen.

Natürlich machen wir unterwegs Pique-Nique* – allerdings mit saarländischen Zutaten. Aber ich bin froh, dass wir gestern noch daran gedacht hatten.

Die Stecke zieht sich. Und mal so unter uns: Französische Autobahnen sind furchtbar langweilig – so was die Umgebung anbelangt. Daher bin ich sehr sehr froh, dass sich bei der Routenplanung eine Abwechslung ergeben hat.

Da freute ich mich tatsächlich sehr drüber. Und kurz vor der Brücke haben der RB und ich auch noch einen Fahrerinnenwechsel gemacht, damit ich die Brücke auch fotografieren kann.

Aber weil die Brücke so toll ist, haben wir direkt vor der Péage-Station auf dem Parkplatz angehalten und haben genutzt, dass wir näher dran konnten und von der Panoramabrücke fotografieren. Schöne, elegante und seeehr steile Brücke. Ja, Brücken können die Franzosen.

Dann war es auch nicht mehr so weit. (Bekanntlich zieht sich ja die letzte halbe Stunde einer Fahrt wie Kaugummi.) Doch kaum am vermeintlich gebuchten Chambre d’Hôtes angekommen, stellte sich heraus, dass mein ungutes Gefühl wegen der Buchung nicht falsch war: Die Buchung war nicht richtig durchgegangen und entsprechend nicht als „confirmé“** vermerkt. Die Unterkunft hatte uns nicht eingeplant und kein Zimmer mehr. Aber ein Telefonat und wir hatten wieder ein Zimmer.

Wo Andy Warhol vermutlich nicht gewohnt hätte***

Das Schöne am unfreiwilligen Umzug: Wir sind näher am Mont Saint Michel.

Ich werden noch Romantik-Profi.

————————-
* Ja, das muss ich französisch schreiben, denn in Frankreich fährt eine Punkt 12h30 (bis 13h30 geht auch) einen Rastplatz an – am besten einen OHNE Tankstelle+ – und sucht sich okkupiert dort einen Pique-Nique-Tisch, um in Ruhe (!!!) zu essen.
+ Eigentlich ALLE Rastplätze, also auch die OHNE Tankstelle, haben in Frankreich Toiletten und gerade die ohne Tankstelle sind meistens so gelegen, dass von der Autobahn weg viel Grün ist und halt recht viele Pique-Nique-Bänke.

** bestätigt

*** Das Zimmer war wirklich gut!

T4

Seit ich mit dieser Tätowiererei angefangen habe, schwirrt mir im Kopf rum, dass ich gerne ein Tattoo zur Reminissenz an meine Heimat hätte. Und im Gegensatz zu allen (!) anderen Menschen in meinem Leben, fällt mir zu Bielefeld ja auch tatsächlich mehr ein als nur „Die Stadt gibt es doch gar nicht.“ Es gibt nämlich durchaus viel.

Eine zeitlang liebäugelte ich mit dem Sparrenburgturm – zusammen mit dem Westhafentower* aka dem Gerippten in den entsprechenden Proportionen. Ich hatte schon die Maße der beiden Türme recherchiert und umgerechnet. Aber so ganz gekickt hat mich das Motiv halt nicht. Allerdings war klar, an welche Stelle.

Vor einer Weile waren der RB und ich abends unterwegs. Wir flachsten, ich gab ihm im Spaß einen Hipdip** und da nannte er mich „Rüpeleule“. Ich spann das weiter bzw. übersetzte es und da setzte sich die „rude owl“*** in meinem Kopf fest und ich meinte spontan: „Ach, das wäre doch ein cooles Tattoo.“

Ich dachte darüber nach.

Ich malte den Schriftzug auf.

Ich hatte eine Eingebung: Wenn ich es in Großbuchstaben schreibe, dann steht OWL nicht nur für Eule, sondern auch für Ostwestfalen-Lippe. Und auf einmal war der Schriftzug keine „komische Idee“ mehr, sondern (auch) mein Heimat-Tattoo. Zumal es perfekt an die Stelle passt, die ich dafür auserkoren**** hatte.

Es dauerte noch ein bisschen, bis ich die für mich perfekte Schrift gefunden hatte. Denn irgendwas stimmte immer nicht: Der Kopf vom R zu groß, beim W war der mittlere Zacken so hoch wie die äußeren Striche, das D sah aus wie ein O, das O zu schmal. Hach, da kann eine ja Tage mit zubringen. Aber ich wurde fündig.

Schnell war auch klar, wer des tätowieren sollte.

Und heute war es dann soweit.

Fabiano***** hat sein eigenes kleines Studio, das mir echt gut gefällt, noch nicht so lange. Aber er hat durchaus Erfahrung. Außerdem sehe ich ja vier seiner Arbeiten täglich.

Wir besprachen ein anderes Tattoo, das er demnächst auf meinen rechten Arm bringen darf, testeten kurz, ob meine Wunschbreite oder doch der etwas breitere Schriftzug besser passt und dann ging es los:

Tattoo in progress******

Die paar, die wussten, wo ich mich diesmal tätowieren lassen wollten, hatten mich ob der Schmerzen gewarnt, aber auch diesmal ging es ziemlich gut. Problematisch war vielmehr, dass das Aufbringen der Outlines teilweise gekitzelt hat und ich mich deswegen sehr anspannen musste. Und ja, das Ausmalen einiger Buchstaben war recht unangenehm und ich war auch froh, als das R (es wurde von unten nach oben gearbeitet) endlich fertig war.

Jetzt freue ich mich schon darauf, wenn der Arm unter die Nadel kann. Denn Fabiano arbeitet echt gut, sorgfältig, so sanft wie möglich und hat einen guten Blick für Details.

———————————
* Das ist neben dem Kronenhaus mein liebstes Frankfurter Hochhaus. Und neben dem Kronenhaus wäre der Sparrenburgturm noch kleiner geworden.

** Mir fällt kein deutscher Begriff dafür ein.

*** Und wer jetzt nicht weiß, wofür RB stehen könnte, der folge bitte diesem Link.

**** Das ist – wie bei den anderen Tattoos auch – so ein Gefühlsding bei mir.

***** Das ist wohl Werbung, aber das Tattoo habe ich selbst bezahlt.

****** Das Bild vom Stencil habe ich noch selbst gemacht, die anderen hat der RB gemacht.

Ohne Sorgen

Höhö, diese Überschrift ist so platt, wie Sanssoucis kitschig ist. Aber gut. Wenn eine in Potsdam ist, sollte sie mal Sanssoucis gesehen haben.

Der RB und ich können nun sagen: „Wir haben Sanssoucis gesehen und waren auch im großen Park ‚lustwandeln‘.“ Vom Schloss durch den wirklich schönen Park zum Neuen Palais, an Schloss Charlottenhof vorbei und dann auch wieder raus. Joah, hübsch, zum Teil hübsch-hässlich, und vermutlich nichts, was ich mir nochmal ansehen möchte. Barock und Prunk sind nicht so meins (bzw. unsers).

Von da aus ging es wieder in die Innenstadt. Erstmal was essen. Dann die letzten Eindrücke sammeln:

Potsdam ist schon schön. Aber sehr geleckt. Ein bisschen zu geleckt und ein bisschen zu viel Disney-Kulisse. Das Preußisch-Militärische scheint auch viel durch – massige Bauten, große (Aufmarsch-)Plätze. Aber einer Stadt mit so viel Wasser und Grün (und einem Lakritzladen*) verzieht eine viel.

(Spätestens zum Ultrash XIII fahren wir wohl wieder hin.)

—————————————
* und einer Bar, in der es wirklich guten Gimlet gibt und in der Sven van Thom gespielt wird

Pedal de deux

Wer feiern und demonstrieren kann, die kann auch Fahrrad fahren. Schließlich hatten der RB und ich extra ein verlängertes Wochenende aus unserem Festivalbesuch gemacht, damit wir uns auch Potsdam angucken können. Und nach meinem Kurzbesuch im April war recht klar, dass sich die Stadt per pedale deutlich umfangreicher und – zumindest aus meiner Sicht – entspannter erkunden lässt.

Zuerst überlegten wir für alle Tage Räder zu mieten, aber dann ergab sich das TweepMeet am Freitag und die Demo am Samstag und so war klar, dass wir wirklich erst am Sonntag radeln würden (die Strecke zum Festivalgelände konnten wir problemlos zu Fuß gehen). Und weil der Fahrradverleih* auch Tandems anbietet, überkam es mich und ich reservierte eins für den RB und mich.

Zum Abholen waren wir etwas später dran als vereinbart, weswegen ich dort anrief. Angeblich wäre meine Reservierung nicht im System, aber es wäre noch ein Tandem vor Ort. Aber ganz vielleicht zu groß. SOWAS kann bei mir ja schlechte Laune verursachen! Aber ich fuhr tapfer nicht-grummelnd mit dem RB per Bus zum Verleih. Ein bisschen hin und her, kurze Probefahrt – der RB vorne, ich hinten. Fühlte sich für mich, weil ich nichts sah und nicht lenken konnte, gaaaanz schlimm an, aber wir passten zumindest zusammen auf das Rad …

Foto-Credits: RB

… und wollten das Abenteuer wagen. Es ging kurz nochmal zum AirBnB, um Getränke und Notfallverpflegung aufzuladen. Dort versuchten wir dann aus mehreren Gründen, ob es nicht doch besser passen würde, wenn der RB hinten und ich vorne sitzen würde. Und ja, so war es besser**.

Wir fuhren los. Zunächst etwas wackelig und mir waren das Bremsen und vor allem Wiederanfahren nicht ganz geheuer. Aber wir groovten uns unter den interessierten Blicken „aller“ anderen Spaziergängerinnen und -fahrerinnen ein.

Erster Halt nach gut 4 Kilometern …

Wir fuhren an der Havel, der Babelsberger Enge und Glienicker Lake entlang auf die Wannsee-Insel. Auch da hatten wir die meiste Zeit beim Fahren durch den Wald Wasser an unserer Seite.

Wir fuhren an der Max-Liebermann-Villa vorbei und ich setzte Grüße nach Irland ab. Doch das wunderbare Fräulein war gar nicht in Irland, sondern ganz in unserer Nähe, was sich herausstellte, als wir gerade die Gedenkstätte der Wannsee-Konferenz*** besichtigten. Ein wunderschön gelegener Ort. Aber ein schlimmer Ort. Ein beklemmender Ort.

Dann fuhren wir zurück zur Max-Liebermann-Villa, die zwar auch Geschichte zu erzählen hat, aber trotz allem die Lebensfreude Liebermanns, mit er er diesen Ort geprägt hat, ausstrahlt. Es ging zurück, weil direkt am Wasser an einem Tisch mit vier typischen metallenen Gartenstühlen Mademoiselle ReadOn auf uns wartete und uns mit dieser besonderen Herzlichkeit begrüßte, die aus ihren Texten strömt.

So schön, sie in Echt kennenzulernen und mit ihr zu reden****. Es ist ein Wahnsinn, wie viel Großmut, Geduld, Fürsorge, Selbstlosigkeit und Liebe in einem Menschen stecken.

Dann fuhren wir noch ein kleines Stück zusammen, bis wir wieder auf unserer Tour waren. Wir fuhren weiter entlang der Inselküste, erhaschten einen Blick auf die Pfaueninsel, freuten uns, dass wir ein Mountainbike-Tandem hatten, mit dem wir auch durch die meisten Sandplacken kamen, und machten kurz Halt am Krughorn:

Den RB drückten der Hunger und die müden Beine, aber nun war es nicht mehr weit bis Potsdam. Der Weg führte uns noch über die Glienicker Brücke, zum Pfingstberg (rauf und wieder runter), einmal quer durch Alexandrowka und dann Richtung Innenstadt.

Eigentlich hatte die Routenplanung noch einen Abstecher nach Sanssoucis vorgesehen, aber dann trafen wir am Brandenburger Tor*****, den einzigen Potsdamer, den wir kennen, und gingen mit ihm und seiner Freundin essen und trinken.

Die nächsten Touren – da sind wir uns einig – fahren wir lieber auf getrennten Rädern, aber es wird auch bestimmt nochmal eine Tandemfahrt geben, sollten wir die Möglichkeit haben.*******

——————————-
* vermutlich Werbung, auch wenn wir die Mietgebühr selbst gezahlt haben

** Zumindest für mich

*** Das Haus der Wannsee-Konferenz ist kostenlos (Spenden) zugänglich. Das finde ich ehrlich gesagt sehr gut und sehr wichtig.

**** Ich wollte zunächst „plauschen“ schreiben, aber es war mehr als ein Plausch.

***** Ja, die Potsdamer haben ein eigenes.

****** Zuzüglich 3,4 Kilometer für die Rückfahrt zum AirBnB.

******* Wenn ein Pärchen bis zur Tandemfahrt nicht klar miteinander kommuniziert, wird es das spätestens dann lernen oder sollte über Trennung nachdenken.

Beeindruckend

Nachdem wir gestern spät im Bett sind, müssen wir heute früh raus.

Wir sind um 11h00 in Berlin zum Frühstück verabredet. Mit meiner Nichte, die da seit fast zwei Jahren lebt und wir uns bestimmt drei Jahre nicht gesehen haben.

Ich bin schwer begeistert, was für eine coole und taffe Frau aus ihr geworden ist. Und weil sie so cool und taff ist und noch deutlich engagierter als ich, kommt sie natürlich mit zur Demo.

Auf dem Weg zum Demostartpunkt nahe Alex.

Meine zweite Demo in Berlin. 12.000 wurden gezählt. Eine beeindruckende Zahl – auch (oder besonders) für Berliner Verhältnisse. Es gab gute Beiträge. Gute Transparente und Schilder. Und vor allem eine gute, insbesondere nicht aggressive Stimmung. Und ich hätte es wohl nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können, wenn der RB und ich nicht hingegangen wären (und es ist ja nicht so, als hätte es kein Alternativprogramm gegeben*).

Dann ging es wieder zurück nach Potsdam. Mir hatte das Laufen in der Sonne zugesetzt und ich musste mich erstmal hinlegen. Der RB war zu heiß auf den 2. Tag vom Festival und ging schon mal vor. Ich ging erst gut zwei Stunden später hinterher.

Meine Beine und ich … das ist auch so ein Kapitel in meinem Leben.

Heute fanden die Konzerte draußen statt und ich kam rechtzeitig zu Band 3… Nunja, der Sound war gut, aber die Stimme der Frontfrau war (leider) nicht schön. Der RB und ich nutzten den Moment, um das Gelände zu erkunden.

So als Hochbeet find ich Autos gut**

Band 4 war laut, aber gut. Vorausgesetzt eine mag Punk/ Oi.

Brigadir spielte, bis es dunkel wurde, um zum letzten Song Pyros zu zünden.

Der krönende Abschluss – für mich und aus meiner Sicht auch fürs Festival – waren Rhoda Dakar & The Chancers.

Eine beeindruckende Lady des 2Tone (und sie hatte so tolle Schuhe an)

Deutlich früher und deutlich weniger betrunken als am Tag davor gingen wir ins AirBnB, um für den nächsten Tag und das nächste Abenteuer fit zu sein.
———————–
* Fußballspiel

** Keine Diskussion über Öl, Metal, Gummi etc.