Auge um Auge

Ich habe eigentlich ein großes Herz für Apothekerinnen. Berufsbedingt kenne ich mich ein bisschen mit der Gesetzeslage und dem Haftungsmist aus, der sie betrifft. Hätte ich früher gewusst, dass eine Pharmazie studieren kann, hätte ich das getan.

Auch aus diesem Grund ärgere ich mich immer, wenn eine Apothekerin ihren Job nicht ernst nimmt. Sei es, dass sie Glaubulis verkaufen, sie – trotz besserem Wissen – als Naturheilmittel positionieren oder sie ihren Beratungsauftrag nicht ernst nehmen:

Der Job einer Apothekerin ist stets eine Gratwanderung. Und schnell können auch mal Kompetenzen überschritten und halbe Diagnosen gestellt werden. Diagnosen sind aber – zurecht – Aufgabe des Arztes. Aber auch das ist ein schmaler Grat – insbesondere in Zeiten freiverkäuflicher Medikament: Die Patientin fordert ASSParacetamolIbu gegen KopfRegelZahnschmerzen und bekommt diese für gewöhnlich. Woher weiß die Patientin oder die Apothekerin, dass die Schmerzen nichts Schlimmeres bedeuten. Vielleicht sogar was, bei dem ASSParacetamolIbu kontraindiziert sind?! Es ist schwierig.

Ja, und vielleicht war der notdiensthabenden Apothekerin gerade auch der Grat zu schmal, als der RB* vor ihr stand und um ein Mittel bat, dass mein gereiztes linkes Auge beruhigen möge. Es fiel das Wort „Bindehautentzündung“, denn es fühlte es sich so an, als könne sich daraus eine entwickeln. Daher wollte ich etwas zur Beruhigung** des Auges. Ich habe da Tropfen der Wahl, mit denen ich gut zurechtkomme, bis ich zum Augenarzt meines Vertrauens gehe(n kann).

Der RB schilderte also das Problem und wurde sehr unfreundlich abgebügelt, dass ich mit einer Bindehautentzündung zum Arzt gehen solle; antibiotische Tropfen gebe es nur auf Rezept. Ach.** Ich hatte ihm vorher meine Tropfen der Wahl auf einen Zettel geschrieben, aber er wurde weiter abgebügelt, sie wisse, welche Tropfen er haben wolle. Die seien nicht gegen Konjuktivits und bei bakterieller Konjunktivits kontraindiziert***. Und nein, sie würde ihm nichts verkaufen. Auch nichts zur Beruhigung.

Unverrichteter Dinge kam er wieder und war – zurecht – etwas ungehalten. Ich war immer noch unleidlich, weil das Auge sich einfach unangenehm anfühlte: Es brannte, war etwas geschwollen und tränte immer wieder munter vor sich hin. Richtig rot war es allerdings noch nicht. Wenn wirklich Bindehautentzündung dann noch im frühen Stadium, ich tippte mehr auf Zug bekommen von der Klimaanlage im Bus.

Weil ich fürchtete, dass die Nacht mit dem Auge nicht sonderlich lustig würde, rief ich bei einer anderen Notfallapotheke**** an. Eine freundliche Apothekerin am anderen Ende. Ich schilderte das Problem, nannte ihr die Tropfen, die ich gerne hätte. Ja, die würde sie auch empfehlen. Damit könnte ich zumindest über die Nacht kommen und morgen dann zum Augenarzt. Nein, deswegen würde sie sich auch nicht die halbe Nacht ins Bürger***** setzen.

Der RB schwang sich also nochmal aufs Rad und besorgte die Tropfen. Währenddessen schrieb ich die Landesapothekenkammer an, um nach einer Beschwerdestelle****** zu fragen.

Dann versorgte ich das betroffene Auge, blinzelte und – tadaaa – es beruhigte sich schnell.

———————————
* War recht unleidlich mit dem Auge und nicht willens irgendwohin zu fahren. Der RB war so lieb, es anzubieten.

** Denn dass ich für ein antibiotisches Mittel ein Rezept brauche, weiß ich selbst.

*** Stimmt nicht, ich habe es nachgeguckt.

**** Kurz überlegte ich, die 116117 anzurufen.

***** Ein Krankenhaus, in dem der kassenärztliche Notdienst im Rahmen der Notaufnahme bereitgestellt wird. Eine sitzt da auch gerne mal ein paar Stunden und zu guter Letzt guckt eine Gynäkologin aufs Auge. Danke, aber nein danke!

****** Ja, ich finde, dass so eine Art der Beratung „angezeigt“ werden sollte. Sei es, um darauf aufmerksam zu machen, dass es auch einen Diensleistungs- und Beratungsauftrag gibt, aber auch, um solche Missstände nicht einfach hinzunehmen.

4 Gedanken zu „Auge um Auge

  1. Da der Verschreiber Grad statt Grat Sinn verändert hier ein kleiner Hinweis.
    Und als Ausgleich für schlau daher schwätzen empfehle ich für Schottland/ Glencoe die Gratwanderung auf dem Aonach Eagach.
    Nur mit Bergerfahrung und frstem Schuhwerk. Dann aber traumschön

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