Schub

Als ich gestern auf der Straße vor dem Café den midi-monsieur aus etwas Entfernung erspähte, guckte ich ihn wohl ähnlich erstaunt an, wie er mich. Sein Grund war offensichtlich: Die komische Mama hat schon wieder eine andere Haarfarbe. Mein Grund war etwas subtiler: Das Kind war gewachsen.

Den Körpergrößen-Schub hatte er bereits vor den Ferien gemacht. Nun schien es, als sei er auch innerlich-mental nachgewachsen.

Er war noch derselbe, aber doch hatte sich was in seiner Attitüde geändert. Ich kann es nicht richtig beschreiben; am ehesten trifft es wohl „gereifter“ und „überlegter“. Er war weniger motzig und impulsiv. Naja, vielleicht auch einfach nur weniger motzig. Oft waren die Stunden nach der Übergabe vom Kv und auch noch die Zugfahrt sehr anstrengend. Er war extrem provokant und rotzig. Gestern kaum eine Spur davon (abgesehen vom Anfang, als er Hunger hatte, was sich mit einem Apfel lösen ließ).

Heute wurde dann ein weiteres Feature freigeschaltet präsentiert: erweiterte Selbstständigkeit. Er macht ja schon lange „seine“ Wege im Viertel – Schule, Aikido, Kumpel – allein. Seit zwei Jahren ist er Schlüsselkind. Und seit einiger Zeit geht er auch gerne kleine Besorgungen machen – Bäcker, Supermarkt. Bislang jedoch entweder zu Fuß oder mit dem Roller (letzteres immer mit Helm). Mit dem Rad traute er sich nicht und ich irgendwie auch nicht. Auch wenn ich wirklich keine Probleme habe, mit ihm durch Frankfurt zu radeln.

So mit ausgefallenem Termin, ohne Hort und ohne Hausaufgaben ist ihm am Mittag langweilig und er verkündet: „Ich will in den Park.“ Der Park ist nicht weit, aber durch eine große Ausfallstraße von uns getrennt und die Ampelschaltung ist eine Katastrophe. Nunja, irgendwann müssen wir damit auch mal anfangen – wobei es auch nicht wirklich das erste Mal ist.

Aber er will nicht einfach nur los, sondern ihm fällt von selbst ein: „Mama, ich brauche eine Uhr.“ Mist, auf dem falschen Fuß erwischt: Seine Uhr liegt seit ca. 100 Jahren auf der Kommode, weil die Batterie gewechselt werden muss. Ich frage ihn, ob er zum Juwelier im Viertel fahren möchte. Er will. Ich rufe beim Juwelier an, um zu fragen, wie viel es kostet. Ich gebe ihm das Geld, er nimmt die Uhr: „Mama, ich fahr dann gleich weiter in den Park.“ „Fährst?“ frage ich. „Ja, ich nehme das Rad.“ Mir wird kurz flau, lasse es mir aber nicht anmerken: „Nicht mit dem Roller?“ „Nee, dann kann ich im Park rumdüsen.“ Ja, das macht mit dem Fahrrad eindeutig mehr Spaß.

Ich wünsche ihm also Erfolg (mit der Uhr) und Spaß (im Park), lasse ihn fahren und bleibe mit meinen Mamagefühlen zu Hause. Ich atme ein paar Mal durch und dann ist auch erstmal gut. Denn letztlich hat er in der Vergangenheit immer bewiesen, dass ich ihm vertrauen kann, wenn es darum geht, ihm etwas zuzutrauen. Dass seine Vernunft so ausgereift ist, dass er weiß, dass er allein im Straßenverkehr nicht den Macker spielen muss und sonstwie cool tun muss. Dass er weiß, wie er sich zu verhalten hat.

Aber trotzdem bin ich erleichtert, als er um 15h42 (15h45 war ausgemacht) klingelt.

(Und bald fährt er dann wohl wirklich allein zum Rugby-Training.)

2 Gedanken zu „Schub

  1. Als mein damals-noch-nicht-sehr-großer-Sohn erstmals allein per Rad zum Training fuhr, habe ich auch Blut und Wasser geschwitzt – er musste über eine Kreuzung, wo ich paar Jahre vorher schauen musste wie ein junger Radler tödlich von einem rechtsabbiegenden LKW erfasst wurde. 😦
    Natürlich hatte ich -ebenso wie du- begründetes und angemessenes Vertrauen in mein Kind.
    Nur nicht in alle anderen…
    Wenn sie den Führerschein haben, geht es erstmal wieder von vorne los 🙂

    LG
    Marie

    PS: habe festgestellt, dass du auf _der_ Gartyparty zu Gast bist… ich auch! Cool, da kenne ich ja außer Frau äh Mutti noch jemanden virtuell!

  2. Genießen! Es ist soooo toll, wenn sie das, was sie gern allein machen wollen, auch können! (Im Gegensatz zu Zweijährigen beispielsweise…) Das hilft tatsächlich allen Beteiligten – den Eltern bringt es Entlastung und den Kindern (mehr) Selbstvertrauen und Sicherheit.

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