Latent unmündig

Es ist so weit: Heute wurde eine Frauenärztin dafür verurteilt, dass sie über Schwangerschaftsabbrüche informiert. Nicht für das Durchführen solcher, sondern für die reine Information darüber. Dahinter steckt §219a*, der es möglich macht, diese Information als Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu interpretieren und entsprechend zu ahnden.

Ganz ehrlich, dass es die §§218/219ff überhaupt noch gibt, ist einfach so dermaßen bezeichnend dafür, wie der Staat Frauen sieht. Und zeigt einmal mehr, dass der Feminismus noch viel zu tun hat. Denn wie kann es angehen, dass Frauen sich vom Gesetzgeber (und damals sicherlich ausschließlich Männer) vorschreiben lassen müssen, was sie mit ihrem Körper machen, was mit ihrem Körper passieren darf.** Der Körper einer Frau gehört eigentlich nicht ihr, sondern dient einem Zweck.

Aber vermutlich müssen Frauen dankbar sein, dass §218*** um §218a ergänzt wurde, der Frauen unter bestimmten Bedingungen Straffreiheit beim Abbruch einer Schwangerschaft zusichert. Was ist das bitteschön für eine widerliche Arroganz? Gibt es irgendwas auch nur ansatzweise Vergleichbares für Männerrechte?

Und dann kommt §219, der die gemäß §218a erforderliche Beratung sehr genau beschreibt. Und mir reichen schon die ersten Worte:

(1) Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen […]

Der Staat stellt letztlich das Recht des ungeborenen Lebens höher als das der Mutter. Ich meine, es ist sicherlich total löblich, dass der Staat schon so früh an all „seine“ Kinder denkt. Einfach total fürsorglich.

Und da platzt mir echt der Kragen: Denn irgendwie ist es der einzige Moment****, in dem sich der Staat wirklich um die Kinder kümmert.

Betrachtet man mal alles, was danach kommt, wird einer gewahr, wie unwichtig dem Staat die Kinder letztlich sind und dass diese Kackparagraphen nur der weiteren Kleinhaltung der Frau dienen.

So ist trotz aller Mutterschutz- und Elternzeitgesetze für Frauen der Wiedereinstieg in den Beruf nach Schwangerschaft erschwert. Aber „mehr“ kann der Staat da sicherlich nicht machen.

Auch die Kitaplatz-Garantie bis U6 ist ja schön und gut, aber den Staat interessiert es nicht, wie diese Plätze aussehen, wie es um die Qualität der Kitas bestellt ist. Auch dass die Kosten nicht einheitlich sind, ist nicht mehr seine Sache. Von umfassenden und lebensnahen Betreuungszeiten mal ganz zu schweigen. Darum herum organisiert in den meisten Fällen die Mutter.

Was danach kommt, ist auch nicht besser: Das Bildungssystem ist eine Katastrophe, weil länderspezifisches Flickwerk. JEDES Bundesland und letztlich jede Kommune kocht ihr eigenes Süppchen in ihrem heiligen Gral. Es besteht ein massiver Lehrermangel und Geld für Ausstattung ist auch nicht vorhanden. (Blöd nur, dass PISA und Co***** für ganz Deutschland gelten und damit letztlich auch den Staat repräsentieren.) Was das mit den Kindern macht, ist egal. „Irgendwie ist ja noch (fast) jeder durch die Schule gekommen.“ Nur ab und an kommt der Staat übergeordnet mit so tollen Ideen wie Inklusion****** und G8 um die Ecke.

Richtig problematisch wird es, wenn sich Eltern trennen. Da sieht man deutlichst, wie viel dem Staat seine Kinder wirklich wert sind. Wer schon einmal ein Sorgerechtsverfahren mitgemacht hat, weiß, dass die Rechte der Kinder auf einmal nicht mehr so viel zählen. Es ist egal, wie es dem Kind geht. Wenn das Kind etwas nicht will, muss es für gewöhnlich trotzdem. Aber wenn der Elternteil, der nicht beim Kind lebt, nicht mehr will, dann darf er tun und lassen, was er will. Und der Elternteil, der das Kind hat (mehrheitlich Frauen), muss alles mitmachen.

Auch Unterhalt ist so eine perfide Sache. Natürlich ist erstmal der Elternteil für den Unterhalt verantwortlich, der nicht beim Kind lebt. Wer bei Nicht-Zahlen nicht direkt Unterhaltsvorschuss beantragt, hat das Nachsehen. Und dass darauf dann auch noch das Kindergeld angerechnet wird, ist auch so ein Unding. Bezeichnend ist ja auch, dass der Staat Jahrhunderte braucht, um den UHV endlich bis 18 Jahre auszuweiten (als würden Kinder ab 12 Jahren keine Kosten mehr verursachen). Unterm Strich gilt für die Frau: Je weniger Geld, desto mehr Stress, desto weniger wird sie wohl aufmucken.

Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass Alleinerziehende schon längst Steuerklasse 3 hätten, wären mehr Männer betroffen. Aber auch damit kann man Frauen (bei denen nunmal die Kinder mehrheitlich bleiben) noch schön stressen und klein halten.

Und weil all das auch darin seinen Anfang nimmt, ob und wie frei und selbstbestimmt sich eine Frau auf eine Schwangerschaft bzw. ein Kind einlassen muss, und es auch einfach nicht angehen kann, dass der Staat Frauen weiterhin – wenn auch bemüht unoffensichtlich – latent unmündig hält, bin ich Kristina Hänel sehrsehr dankbar, dass sie den langen Weg durch die Instanzen gehen will, um mit dem „Kippen“ von §219a einen Anfang zu machen, der hoffentlich auch all die anderen Schwangeschaftsabbruchparagraphen mit in den Abgrund reißen wird.

Kristina Hänel kann hier unterstützt werden.

——————
* Diesen Paragraphen gibt es schon lange. Er wurde jedoch in den 1920er Jahren bis 1933 quasi ausgesetzt und erst durch das NS-Regime wieder eingeführt und hat seitdem Bestand.

** Dazu passt auch so vieles andere, was zum Teil – zum Glück – mittlerweile abgeschafft wurde: u.a. eheliche Pflichten (aka Beischlafpflicht), keine Strafverfolgung bei Vergewaltigung in der Ehe.

*** Der besteht nämlich immer noch und besagt wie eh und je, dass Schwangerschaftsabbrüche Straftaten darstellen.

**** Aber warum auch nicht: Die Kinder sind noch nicht da, machen noch keine Scherereien, verursachen noch keine Kosten und praktischerweise kann man damit auch gleich noch das Patriarchat stärken die hochemotionale Situation der Frau ausnutzen, um sie weiter klein zu halten.

***** Ich mag solche Vergleiche ja nicht.

****** Ich bin für Inklusion. Aber sie funktioniert nicht gut, wenn die inklusive Beschulung in das bestehende Schulsystem einfach reingestopft wird. Es hätte eine komplette Reformierung des Schulsystems geben müssen.

2 Gedanken zu „Latent unmündig

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