Korrelation

Wir lesen immer noch Jim Knopf. Natürlich, das Buch hat ja auch 27 Kapitel. Heute also Kapitel 16, aus dem ich folgendes zitieren möchte:

‚Nun‘, meinete Herr Tur Tur, ,[…] Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus, und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig, und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist. So unvernünftig sind die Menschen bedauerlicherweise oft.‘

Ich weiß, dass mich die Bücher meiner Kindheit geprägt haben. Ich in mit sämtlichen Kinderwerken von Astrid Lindgren, Erich Kästner und Michael Ende aufgewachsen. Sie haben mich gelehrt, dass Mädchen stark sind, dass es nicht immer allen gut geht, dass Dinge passieren können, die Welt verändern, dass man seinem Herz folgen soll, dass es immer wieder gilt (eigene) Grenzen zu überwinden, dass man sich trauen kann und soll, dass wir Menschen sind, einfache Menschen, von denen keiner besser oder schlechter ist als der andere, dass wir auf die Welt, in der wir leben, aufpassen müssen. Und nein, das lehren diese Bücher nicht mit der übergroßen Moralkeule, sondern nebenbei oder gar unterbewusst.

Machen das heutige Kinder- und Jugendbücher noch? Ja, Harry Potter macht das sicherlich. Aber die Darstellung zwischen Gut und Böse ist da doch deutlicher. Die Moralkeule ist deutlich sichtbarer. Ansonsten bin ich raus. (Sicherlich komme ich wieder rein, sobald der midi-monsieur mehr liest.)

Mich würde ja interessieren, ob eine Korrelation zwischen dem Wahlverhalten und den Büchern der Kindheit besteht. Gibt es dazu Untersuchungen? Sind Soziolog*innen, Politolog*innen, Linguist*innen anwesend, die sich mit sowas beschäftigen oder wissen, wer sich damit beschäftigt bzw. beschäftigen könnte?

Und wie ist das generell bei Euch: Habt Ihr die Kinderbuchklassiker der 1970er und 1980er Jahre von Lindgren, Kästner und Co gelesen? Habt Ihr sie in guter Erinnerung?

11 Gedanken zu „Korrelation

  1. Ich habe viele davon gelesen und habe sie auch in guter Erinnerung. Ob sie mich geprägt haben, kann ich allerdings nicht sagen, weil ich es schlicht nicht weiß. Fremdenhass war bei uns nie wirklich ein Thema. Mein Vater kommt ursprünglich aus Polen, aber ich habe nie irgendwelche Anfeindungen deswegen miterlebt und meine Eltern haben sich nie negativ in irgendeine Richtung geäußert, außer gegen Nazis. Was modernere Kinderbücher angeht, habe ich einige aus der Fantasy-Sparte gelesen. Ich mochte eigentlich alles von Ralf Isau, auch wenn die Neschan-Trilogie sehr religiös daherkommt, geht es doch darum, dass alle gleich viel Wert sind und man eben kämpfen muss. Und die Reihe „Der Kreis der Dämmerung“ finde ich sehr schön weil sie die Geschichte (ab 1900) gut erklärt und auch da gibt es das Böse, das alles bekämpfen will und immer in Verbindung mit denjenigen gebracht werden kann, die die Ursache für die Kriege waren. In der Neschan-Trilogie geht es übrigens um die Kubakrise.
    Außerdem kann ich auch noch die „Uralte-Metropole Reihe“ von Christopf Marzi empfehlen. Die fand ich auch sehr schön. Ab welchen Alter die Bücher sind, musst du allerdings selbst herausfinden, ich habe die alle gelesen, als ich schon „erwachsen“ war. Und wahrscheinlich wolltest du gar keine Buchempfehlungen 😀

  2. Ja, das sind auch meine Bücher! Und sehr geliebt. Bei Kästner finde ich den moralisierenden Anspruch schon sehr deutlich. Allerdings fand ich das schon immer ok, weil er es explizit dazu sagt.
    Geliebt habe ich auch James Küss sehr.
    Später kamen für mich noch Sigrid Heuck und Willi Fährmann dazu.
    Zu den heutigen Büchern: auch Cornelia Funke behandelt ja Grundsätzliches.
    Wir bleiben ansonsten sehr bei den Klassikern, und ich bin froh, dass die Kinder sie genau so lieben wie ich.

  3. Weil du die Frage nach Kinderbüchern im Osten gestellt hast: Im Laden waren gute Bücher schwer zu kriegen, aber zumindest unsere Dorf-Bibliothek war ganz gut ausgestattet. Ich hab viel Karl May gelesen und ich liebe, die Bücher von Wolkow (eine Dorothy im Lande Oz-Adaption).

    Ich hatte aber auch Ronja Räubertochter von Lindgren, von Michael Ende kannte ich nur die Filme, von James Krüss immerhin Timm Thaler (ich habe James Krüss erst im Erwachsenenalter kennengerlernt und mich hinein verliebt).

    Abgesehen davon gab es viele schöne Ost Kinderbücher, massenweise wunderschön illustrierte Märchenbücher mit Märchen aus aller Welt. Wenn ich mich an die Kinderliteratur zurückerinnern, war da vieles dabei, was die Freundschaft mit Kindern aus anderen Ländern beschwor, unabhängig von ihrer Hautfarbe. Völkerfreundschaft und Verständigung, die – wie wir gelernt haben – der Sozialismus ja besser macht als der Kapitalismus, der auf Sklaverei und Rassentrennung beruht. Wir haben auch Spenden gesammelt für hungernde Kinder in Afrika und gehofft, dass Nelson Mandela freikommt… Und viele Kinderbücher und -filme waren beispielsweise „fortschrittlicher“ was Frauenbild und Selbstverständlichkeit der arbeitenden Mütter angeht.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Wahlverhalten daran liegen soll. Aber ich kann auch nicht erklären, woran es liegt, ich hab viele Gedanken dazu, aber es liegt vermutlich eh nicht an einem Punkt sondern am Zusammenspiel von vielen Dingen.

  4. Also das Wahlverhalten würde ich auch nicht an den Kinderbüchern fest machen. Auch in meiner Kinderzeit wurden die Karl-May-Bücher verschlungen. Sie sind zwar sehr deutlich schwarz-weiß gezeichnet, aber es git auch dort ja die Freundschaften mit den Fremden.
    Die komplette Wolkow-Reihe habe ich verschlungen.
    Manchmal denke ich, dass diese erzwungene Völkerfreundschaft vielleicht auch dazu geführt hat, dass alles Fremde im Osten deutlicher abgelehnt wird.

    • Nein, festmachen bestimmt nicht. Aber vielleicht gibt es halt eine Korrelation/ Tendenz.
      Natürlich ist das (soziale) Konstrukt, in dem dieses oder jenes Buch gelesen wird, natürlich sehr komplex und wiederum geprägt von vielen anderen Einflüssen und Erfahrungen.
      Aber ich glaube trotzdem an die „Macht der Bücher“.

      • Aber dann vielleicht eher daran, „ob“ gelesen wird/wurde und nicht das „Westbücher“ moralisch besser sind als „Ostbücher“… ich weiß, so extrem hast du es nicht ausgedrückt, aber es schwingt doch ein bisschen mit, dass gewisse Werte nur von Ende, Lindgren, Kästner & Co. vermittelt werden können. Die wurden hier vermutlich auch gelesen und es wurden halt auch viele andere Bücher gelesen, die auch zur Akzeptanz von anderen aufriefen.

        Gravierender für die Angst vor Fremden dürfte eher sein, dass lange Zeit der Kontakt nicht gegeben war, weil man eben nicht mal eben nach Mallorca oder Ägypten… reisen konnte und das Fremde eher Theorie blieb. Und dann stehen die Fremden plötzlich da und ändern das Straßenbild. In keinem Vergleich zu Frankfurt, Köln oder Berlin – das ist mir völlig klar – aber das macht die Ängste vieler nicht kleiner. Und es spielen noch so viele andere Dinge mit… ich verstehe allerdings auch nicht, wie man Konsequenz oder als Protest gegen all das ausgerechnet Nazis wählen kann :p

      • Ich will gar nicht in West- und Ostliteratur unterscheiden. Das kann ich nämlich gar nicht, weil ich nicht weiß, was im Osten gelesen wurde.
        Ich hätte es vielleicht offener formulieren sollen: Gibt es eine Korrelation zwischen der Literatur der Kindheit und der späteren politischen Einstellung. Wobei ich mir verbitten würde, Rückschlüsse à la „Nicht XYZ gelesen, also rechts/links“ zu ziehen. Es wäre nur ein Faktor von vielen.

  5. Also, die Korrelation mit Wahlverhalten halt‘ ich für gewagt oder eben nicht existent.
    Und ja, mit Ausnahme von Ende hab‘ ich auch alle durchgemacht – verschlungen sozusagen. Und Karl May – der hat mich irgendwie geprägt. Trotz allem, was darüber zu sagen ist. –
    Und gottseidank hat sich die Lesewut – mit etwas sanftem Druck nachgeholfen – auch auf meinen Sohn übertragen: Harry Potter (Motto: Zuerst lesen, dann Film gucken – wirkt Wunder), Percy Jackson, Warrior Cats – gut, dass es auch im Heute solche Reisser gibt, die man bändeweise verschlingen kann…

  6. Pingback: Vordergründige Langeweile | Groß-Stadt-Ansichten

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