Bequemlichkeit

Frau Brüllen sorgte dafür*, dass ich mich heute nicht nur hinsichtlich der #Weltkrigesbombe in Frankfurt sorgte und teilweise aufregte, sondern auch darüber echauffierte, dass Frauen, die eigentlich gute Voraussetzungen (bildungsnahes Elternhaus, Abitur, Wunsch zu studieren) haben, einen Mann kennenlernen, das Hirn ausschalten und sich für eine Beziehung/ ein Familienleben entscheiden, das die Bemühungen der letzten 50 Jahre ad absurdum führt.

Nein, natürlich kann ich keiner Frau vorschreiben, wie sie ihre Beziehung zu führen hat. Aber hin und wieder darauf hinweisen, wie sehr sich die eine oder andere in die Tasche lügt, sollte man durchaus schon.

Und das ist mein Dilemma an Theresas Dilemma. Denn sie hat kein Dilemma als Frau, sondern ein Dilemma mit ihrer selbstgewählten Entscheidung. Wohlwollend könnte man noch von jugendlichem Leichtsinn bzw. jugendlicher Unwissenheit sprechen, aber ganz ehrlich: NEIN. Ich bin es leid, zu „entschuldigen“, dass vermeindlich gebildete Frauen nicht absehen können, was passiert, wenn sie keine Ausbildung beenden. Oder wenn sie komplett zurückstecken, damit der Mann seinen Stiefel durchziehen kann, und für sie nur der (latent prekäre) 450-Euro-Job bleibt, der essentiell für die Familie ist, aber noch auf die ganze Familien- und Hausarbeit draufkommt.

Ich hätte mich nicht so über den Text und Theresa aufgeregt, wenn sie zu ihrer Entscheidung pro Familie stehen würde und nicht ihren verpassten Chancen hinterhertrauen und ihrem Mann die gegebenen Chancen neiden würde. Ich weiß, dass Beziehungen Komisches mit einem anstellen können, aber dennoch unterstelle ich jetzt einfach mal, dass sie die Entscheidungen bei vollem Bewusstsein getroffen hat.

Wenn Theresa also sagen würde „Ja, ich will für die Familie da sein“ und dann ein Dilemma mit dem System hätte, das ihre Care-Arbeit nicht würdigt – denn das ist ein wirkliches Dilemma -, dann wäre ich mit ihr mitgegangen.

Denn das ist tatsächlich eine Krux: Wir haben heute viele Optionen, wie wir unsere Paarbeziehungen und unser Familienleben gestalten wollen. Auch das ist ein Verdienst der feministischen Bewegungen des vergangenen halben Jahrhunderts. Wir können wählen zwischen Kinder oder nicht, Ehe oder nicht, beide arbeiten voll, beide arbeiten Teilzeit, eine*r arbeitet TZ, eine*r VZ, eine*r ist ausschließlich für den Unterhalt und eine*e für Haushalt (und Kinder) zuständig.

Doch letztlich ist nur eine wirkliche Gleichberechtigung gegeben, wenn beide so erwerbstätig sind, dass sie auch ohne den anderen überleben könnten.** Sobald das nicht gegeben ist, besteht wieder eine Abhängigkeit wie in den 1950er. Sobald sich Familien für das klassische Ein-Ernährer-Modell entscheiden, hat der Part, der die Care-Arbeit leistet, das Nachsehen: Am Ende vieler Jahre steht sie (selten er) ohne Rente und finanziell absolut abhängig vom Ehepartner da.

DAS ist aber auch kein Dilemma mehr, sondern ein existentielles systemisches Problem. Denn welche Möglichkeiten haben Paare, denen das Ein-Ernährer-Modell wichtig ist? Dieses Modell zwingt mehr oder weniger zur Ehe, weil sonst der nicht-verdienende Part komplett vor dem Nichts (z.B. keine Krankenversicherung) stünde. Aber muss bzw. sollte der Verdiener ein Gehalt an den anderen zahlen? Oder wenigstens für eine Rentenversicherung? Dafür könnte zumindest der finanzielle Vorteil aus Steuerklasse 3/ Ehegattensplitting verwendet werden. Aber ist es nicht letztlich Aufgabe des Systems, Familien – egal in welcher Form – so zu fördern, dass sie sich wirklich frei entscheiden können?

Und was ist mit Daniel?

Ich kenne nur wenige Männer, die von sich aus zurückstecken würden, damit die Frau Karriere machen sich mit Abinachmachen und Studieren selbstverwirklichen kann. Das ist genehm(igt), solange der Mann selbst nicht zu kurz kommt und die Frau den Mann nicht (übermäßig) übertrumpft.

Auch wenn vom Feminismus mittlerweile die meisten Männer etwas gehört haben, so haben ihn nur sehr wenige verinnerlicht. Was ich ihnen auch nur bedingt verdenken kann. 50 Jahre sind nichts. Gerade mal eine Generation. Und wie sollen Männer etwas verinnerlichen und umsetzen, das zum einen ihre bequeme und anerzogene*** Welt durcheinander bringt und das zum anderen auch noch nicht einmal alle Frauen verinnerlicht haben und anscheinend auch nicht allen wichtig ist****.

Natürlich hätte er sagen können, dass er sich um seine Kinder, die er mit in die Beziehung brachte, primär selbst kümmert. Er hätte darauf bestehen können, dass Theresa ihre Ausbildung zu Ende macht (und bis dahin ausreichend verhüten). Er könnte insistieren, dass die jüngste Tochter bereits in die Kita geht und somit seine Frau endlich Zeit zum Studieren hat.

Theresa und Daniel müssten sich selbst und gegenseitig viel mehr in die Pflicht nehmen. Aber es scheint, dass die Bequemlichkeit – bei beiden (!) – letztlich obsiegt. Das ist nicht zwingend schlimm, aber es ist verwerflich, wenn man nicht dazu steht.

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* Den ganzen Thread zu lesen, lohnt sich:

** Damit meine ich nicht die ausgemachte Gleichberechtigung zwischen den (Ehe-)Partnern. Auch im klassischen Ein-Ernährer-Modell kann Gleichberechtigung bestehen, wenn beide Partner die Arbeit des anderen wirklich anerkennen, wertschätzen und nicht neiden.

*** Seien wir mal ehrlich, während viele Frauen meines Alters durchaus mit feministischem Gedanken erzogen wurden, konnten die Mütter bei den Söhnen nicht immer aus ihrer Haut.

**** Zur Not sucht er sich halt ein Mäuschen für Heim und Herd. Und bevor frau DEN Mann an so eine verliert, macht sie das Spiel halt mit. „Bestimmt“ wird er sich mit der Zeit ändern. *hust*

4 Gedanken zu „Bequemlichkeit

  1. Hab den Artikel jetzt auch mal gelesen.

    Fazit: Autsch, Mädel (Theresa). Willkommen im Leben.

    Und: ich erlebe diese Jahrgänge leider häufig als weltfremd und völlig überfordert mit den Wahlmöglichkeiten für ihr eigenes Leben.

    Sie tut mir aufrichtig leid, denn die richtigen Dramen werden ja erst noch kommen, die sie momentan noch nicht erkennt.

  2. Ich hatte den Artikel schon gesehen, habe ihn aber erst nach eurer Diskussion gelesen – und es sofort bereut. Nach einigem Nachdenken, bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Theresa hat leider viel zu früh Kinder bekommen, nämlich bevor sie offensichtlich wusste, was sie will, bzw. sie dachte, sie will den Kindheitstraum (hat sich schon immer vier Kinder gewünscht). Dazu kommt genau wie bei dir, der Impuls ihr zu zurufen, steh dazu.
    Was mich allerdings nervt ist der reflexhafte Ruf nach „Herdprämie“ oder ähnlichem. Warum soll ich, die ich mir den Stress mit Beruf und Familie gebe, ihre Entscheidung mit meinen Steuergeldern unterstützen? So lange nicht genug Geld für Kitas, flächendeckende Ganztagesschulen und/oder Horts in einer guten Qualität da ist, solange bin ich dagegen.

  3. Den Spiegel-Artikel kann ich nicht lesen, weil ich zu den journalismustötenden Spezies der AdBlockNutzer gehöre, daher kann ich nur Deine Ausführungen aufnehmen.

    In meiner Umgebung erlebte ich es mehrfach in der beschriebenen Weise und immer hatte ich den Eindruck das der Sichtpunkt der Bequemlichkeit ein erheblicher Teil der Situation ausmacht bzw. beteiligt ist. Und auch erlebte ich, das die Frau zumindest nach außen hin recht häufig der Ausgangspunkt der Entscheidung ‚Familie statt Karriere‘ ist. Die Gattin hatte zu Kleinkindzeiten mir mal halbspasshalber an den Kopf geworfen ‚Du kannst das nicht, Du machst das nicht richtig‘. Stimmte aber nicht, ich hatte es nur auf meine Weise gemacht, die sich halt von ihrer unterscheidet. Will sagen, dass da schon 2 zur Entscheidung gehören, doch allem Feminismus zum Trotz, frau muss es auch wollen und dann durchziehen.

  4. Ich setze jetzt das dritte Mal zu einem Kommentar an – die Thematik ist so vielschichtig – und beschränke mich auf Anmerkung Nr. 1:
    Bei dem Programm, was die Frau fährt, wäre ich auch überfordert. Nach meinen Erfahrungen gibt es nur sehr wenige Menschen, die auf so vielen Hochzeiten gleichzeitig auf hohem Niveau tanzen können und sich dabei wohl fühlen.
    Und Anmerkung Nr. 2:
    Frau hat zumindest theoretisch immer die Wahl, aber eine Vielzahl !!! von Faktoren beeinflusst ihre Entscheidungen und dann ist es eben doch nicht immer schwarz oder weiß, sondern viele Farben grau.
    Auf jeden Fall aber sollte frau sich immer einmal mehr fragen, warum sie Dinge machen oder lassen will – und, da stimme ich deiner Überschrift zu – nicht bequem in ihren Entscheidungen sein. Eine Erkenntnis, die ich, BJ 1964, erst unter hormonell bedingtem Östrogenmangel zu schätzen gelernt habe.

    Beste Grüße nach Ffm,
    Marie

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