40 Jahre

Am 1. Juli 1977 (ich war fast 6 Monate alt) trat in Westdeutschland das „Erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts“ in Kraft. Das ist gerade mal 40 Jahre her. Das ist NICHT lange. (Und das sage ich nicht nur, damit ich mich nicht alt fühle.)

Dieses Gesetz ist DAS Gesetz, das uns „modernen Frauen“, die Wahlmöglichkeiten im Leben ermöglicht, die wir heute haben. Das uns das Recht sichert, arbeiten zu gehen, ein eigenes Konto zu haben, NICHT per Gesetz für Haushalt und Familie zuständig sein zu MÜSSEN und auch den eigenen Namen bei Heirat zu behalten*. Insbesondere, wenn wir in einer Ehe leben wollen. Aber letztlich ist durch dieses Gesetz der Weg geebnet worden dafür, dass wir Frauen uns auch problemlos gegen die Ehe entscheiden dürfen, dass wir (fast) ohne Stigmatisierung alleinerziehend sein dürfen, dass wir allein leben dürfen, dass wir nicht schief angeguckt werden, wenn unser oberstes Ziel nicht ist, als Heimchen am Herd zu enden. Letztlich, dass Frauen und Männer – ob verheiratet oder nicht – gleichberechtigt sind.

Und dieses Gesetz besteht erst seit 40 Jahren.**

Ich finde, dass wir das nicht genug würdigen können. Wir können auch der Generation vor uns – bei vielen sind es die eigenen Mütter – nicht genug danken, dass wir – sofern wir verheiratet sind – nicht mehr von der Gunst des Mannes abhängig sind. Und zwar gefühlt für alles.

Wir „modernen Frauen“ kennen es gar nicht anders, als dass Frauen und Männer offiziell und qua Gesetz gleichbrechtigt sind. Und während in der einen oder anderen Herkunftsfamilie diese Neuerung sicher nicht gelebt wurde, so hatte dennoch jede Frau (und letzlich auch jeder Mann), die nach 1977 geboren wurde oder heiraten wollte, die Möglichkeit, den Gleichberechtigungsgrundsatz in ihrem Leben zu verankeren. Doch – und es mag an der Sozialisierung liegen – sind viele Beziehungen noch immer nicht gleichberechtigt***. Gründe dafür gibt es viele, aber es ausschließlich dem Patriarchat zuzuschreiben, ist mir zu einfach. (Und nun zitiere ich mich selbst:)

Wir vermeintlich modernen Frauen – also diejenigen, deren Mütter die 1968er bewusst miterlebt haben – setzen uns da allzu gerne aufs hohe Ross. Ganz ehrlich: Unserer Generation geht es einfach zu gut. Wir haben es uns jahrelang bequem gemacht mit dem, was unsere Mütter erreicht haben. Uns wurde jahrelang gesagt, dass wir emanzipiert seien. Dabei ruhen wird uns auf Lorbeeren aus, von denen wir noch nicht mal wissen, wer sie gepflanzt hat. Gießen und pflegen? Warum denn? Die sehen doch noch ganz gut aus. Und solange ICH machen kann, was ICH will, und MIR nichts angetan wird, was ICH nicht will, ist es doch egal, wie es meiner Nachbarin geht.

Ich glaube, dass Frauen noch mehr fordern sollten. Es gibt, glaube ich, nur wenige Männer, die von sich aus die tradierten Rollenbilder*** verlasse. Aber ich glaube, dass es ein paar mehr Männer gibt, die es täten, wenn Frauen es vehementer einfordern würden.

Ähnliches gilt auch im Job. Da sind Frauen nicht Arbeitnehmer zweiter Klasse, sondern genauso gleichberechtigte Arbeitnehmer wie Männer.

Wir sind die Frauen, die die Rechte, die uns unsere Mütter von 40 Jahren erkämpft haben, weiter mit Leben füllen müssen. Unsere Mütter erlebten diese Rechte zum Teil nur theoretisch. Wir sind die Praxis. Und wir müssen diese Rechte praktizieren, damit sie nicht wieder „nur“ ein theoretisches Konstrukt werden, um irgendwann wieder obsolet zu sein.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und 40 Jahre sind keine Zeit, um aus einem Gesetz eine „neue“ Gewohnheit zu machen.

——————————-
* Bis 1977 war der Ehe- und Familienname IMMER der Name des Mannes; ab 1957 waren Doppelnamen für die Frau gestattet. Dass Ehepartner getrennte Namen führen dürfen, ist erst seit 1993 verbrieftes Recht.

** Das Frauenwahlrecht gibt es übrigens seit 1918. Also im nächsten Jahr 100 Jahre.

*** Nur, dass die die Frau auch arbeiten geht, ist keine wirkliche Gleichberechtigung. Dass es immer noch mehrheitlich Frauen sind, die für Care-Arbeit in Teilzeit gehen, ist erst recht keine Gleichberechtigung. Und dass letztlich der Haushalt (neben dem Job) immer noch an den meisten Frauen hängen bleibt, hat gar nichts mehr mit Gleichberechtigung zu tun.

5 Gedanken zu „40 Jahre

  1. Pingback: Wanzen und Tiger | Groß-Stadt-Ansichten

  2. Pingback: Groß-Stadt-Ansichten

  3. Ich möchte an der Stelle reflexartig einfügen: das gilt für den Westteil Deutschlands. Es ist schade, dass bei Rückbetrachtungen der deutschen Geschichte der Nachkriegsteil immer ein Teil vergessen wird. Es geht mir gar nicht darum, Ost und West an der Stelle gegenüberzustellen, aber es würde reichen, irgendwo mal Westdeutschland oder BRD zu schreiben 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s