Gedanken

Ich bin so unfassbar … ja, was eigentlich … traurig, wütend, enttäuscht, auch ein bisschen verzweifelt und vor allen Dingen verständnislos. Die Bilder der letzten Nacht und vor allem die von heute morgen aus der Schanze bewegen mich sehr. Es sind erschütternde Bilder, die ein Bild von Hamburg und letztlich auch Deutschland um die Welt transportieren, das sicherlich nicht nicht wahr ist (sonst gäbe es die Bilder nicht), aber nur einen Bruchteil zeigt. Denn auch wenn gerade Hamburg manchmal etwas nordisch und steif ist, so ist es vor allem tolerant und weltoffen.
Aber die Katastrophenbilder sind so omni- und überpräsent, dass alles, was friedlich verläuft, fast gar nicht wahrgenommen wird.

Und ich frage mich, warum die Ausschreitungen in Hamburg so dermaßen aus dem Ruder liefen. Wer oder was ist Schuld?
Fängt es dabei an, eine politisch höchst brisante Veranstaltung wie den G20 in einer Stadt wie Hamburg machen zu müssen?
Waren die Sperrzonen zu groß, zu restriktiv, dass sich durch die daraus resultierende Verdichtung (Hamburg wird zudem durch Elbe und Alster zusätzlich verengt) die Stimmung dermaßen aufheizen konnte?
War die Hand der Polizei „zu hart“? Hätte sie bewusste Provokationen dulden müssen zwecks Deeskalation?
Und was reitet solche Protest-Hools*, denen es definitiv nur noch um Gewalt und nicht um inhaltliche Kritik und friedlichen Protest geht? Was haben die nicht gelernt? Wie kann man so dermaßen respektlos und gewaltbereit sein?

Ich will und kann die Arbeit der Polizei nicht wirklich beurteilen. Ich war – wie die meisten – nicht vor Ort. Möglicherweise ist da was schief gelaufen; falsche Entscheidungen zum falschen Zeitpunkt.
Aber ich möchte auch nicht in der Haut der Polizisten vor Ort und denen stecken, die mit zum Teil langjährigen Erfahrungen, die Situationen ein- und abschätzen müssen, Kommandos erteilen, Verantwortung für Einsatzkräfte, für die vielen friedlichen Protestierenden, für die Stadt, für die Anwohner und letztlich auch für die Protest-Hools übernehmen.
Wer bin ich, mir anzumaßen, beurteilen zu wollen, ob alles richtig oder falsch gelaufen ist? (Aber wir sind ja auch alle Bundestrainer – vor allem, wenn „unsere“ Jungs verlieren.)
Die Polizei bzw. alle, die am Sicherheitskonzept für diese Veranstaltung beteiligt waren, täten vermutlich gut daran, die Situation(en) so transparent wie möglich aufzuklären und auch ggf. Fehler zuzugeben.

Was die Protest-Hools anbelangt, bin ich wirklich ratlos. Ich versuche einen Nenner Ansatzpunkt zu finden und betrachte das Verhalten als Elter und als ansatzweise reflektierter Mensch. Und ich frage mich, an welcher Stelle was passiert sein muss, damit sich (junge) Menschen so dermaßen radikalisieren, es nicht mehr schaffen, ihre Wut – auf was auch immer – so zu kanalisieren. Was muss passieren, dass Kinder zu so gewaltbereiten und respektlosen Menschen werden? Ich habe nicht das Gefühl, dass es dem sogenannten schwarzen Block um Inhalte geht. Es geht um Gewalt, um sinnlose, völlig ungerichtete Gewalt. Gewalt ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Respekt vor anderen und auch ohne Respekt vor dem Besitz anderer. Gewalt, die keiner – und wohl auch nicht die Ausübenden selbst – verstehen kann und die keiner gutheißt. Und vor allem Gewalt, die nichts, aber auch gar nichts bewirkt, außer dass „von der Sache“ abgelenkt wird und dass eine politische Richtung / Idee in Sippenhaft genommen wird und dadurch von einem (Groß-)Teil der Bevölkerung nicht (mehr) ernstgenommen wird.

Die Protest-Hools wollten dem FRIEDLICHEN, demokatischen und sicherlich auch berechtigtem Protest keinen Dienst erweisen. Aber sie haben ihm einen Bärendienst erwiesen.

Doch zum Glück haben sie den Protest nicht kaputt gemacht – wie die „Hamburg zeigt Haltung„-Demo heute zeigte.

—————————
*