Elternbeziehung (Teil M)

Die umtriebige Tante Emma hat eine Blogparade ins Leben gerufen. Zu einem sehr spannenden, vielschichtigen und höchst persönlichem Thema: Elternbeziehungen. Ich könnte einfach auf einen alten Artikel (oder den hier) von mir verweisen, aber das möchte ich nicht (nur). Und weil es beim Schreiben immer mehr wurde, kommt hier erstmal der erste Teil.

Mutti

Für viele ist es bezeichnend, dass ich meine Mutter bei ihrem Vornamen nenne. Für mich ist es einfach normal und hat weniger zu bedeuten, als viele darin sehen wollen. Ich weiß gar nicht, seit wann ich das tue. Gefühlt schon immer, aber ich vermute, dass es auch frühe Phasen gab, in denen ich Mama gesagt habe. Ich vermute Mami habe ich so gut wie nie gesagt. Irgendwann, so mit Mitte-Ende 20 gab es eine Phase, in der ich sie öfter auch Mutti genannt habe. Meine Brüder auch. Und der Ex auch. Wie das aufkam, weiß ich gar nicht mehr. Es war auf einmal da und es verschwand auch wieder.

Meine Mutter ist der reflektierteste Mensch, den ich kenne. Manchmal vielleicht sogar etwas überreflektiert. Da habe ich viel von ihr. Allerdings mit dem Unterschied, dass ich meine Reflektionen nicht immer und vor allem nicht schwermütig vor mir hertrage. In Bezug auf uns Kinder und unsere Erziehung hat sie oft gehadert und ihren Weg infrage gestellt. Was ich bis heute nicht verstehe – zumindest in Bezug auf mich. Was meine Brüder anbelangt im Großen und Ganzen auch nicht. Aber das sollen letztlich sie beurteilen und nicht ich (kann ich ja auch nur bedingt, da ich ja zu beiden keinen Kontakt mehr habe).

Wir drei sind recht unterschiedlich erzogen worden. Was ich in der Retrospektive oft mit einem Augenzwinkern kommentiere, aber letztlich verständlich finde. Zum einen weil wir drei unterschiedliche Personen sind und man nicht jedes Kind gleich erziehen kann und sollte. Außerdem bin ich sechs Jahre jünger als mein älterer Bruder und vier Jahre älter als der jüngere. Und ja, es gab auch einen Unterschied, weil ich ein Mädchen bin und die Brüder halt Jungs. Zum anderen habe ich sehr junge Eltern. Auch sie haben sich zwischen Kind 1 und 3 weiterentwickelt. Extrem würde ich sagen. Und dass sie beide Pädagogik studiert haben, hat sicherlich auch viel beeinflusst.

Was mich anbelangt, war die Erziehung meiner Mutter sehr geprägt von dem Gedanke, es anders als ihre Mutter – also meine Oma – zu machen. Auch wenn das dazu führte, dass ich in der Verwandtschaft *immer* aneckte, weil ich eben nicht das liebe, süße Mädchen war, das freundlich lächelnd, aber stumm in der Ecke mit Puppen spielte. Meine Mutter hat immer darauf geachtet, dass ich mich nicht verbiegen muss. Mir stand „alles“ offen. Sie hat mich nicht in meinen Interessen eingeschränkt und alles – sofern möglich – gefördert.

Ja, wir hatten unsere Reibereien. Die Pubertät war ein Kampf. Insbesondere die späte. Und wir waren beide sehr froh, dass ich mich dafür entschied, zunächst einmal nicht in der Nähe zu studieren, sondern dass ich ausziehen musste und wollte(!).

Doch dass der Abnabelungsprozess – trotz aller Eigenständigkeit – nicht vollständig vollzogen war, zeigte sich, als ich nach Abbruch des ersten Studiums wieder in die Heimatstadt zurückzog. Zwar nicht wieder zu meinen Eltern, sondern mit meinem damaligen Mann zusammen. Aber die Nähe war „tödlich“. Was allerdings erst richtig deutlich wurde, als ich meine Leben schrittweise umkrempelte: Ende der akademischen Karriere, Umzug nach Frankfurt, Trennung/ Scheidung.

Es kam zum Bruch zwischen meinen Eltern und mir. Einem heilsamen Bruch, der nötig war, um die Eltern-Kind-Erziehungs-Beziehung aufzubrechen. So wenig gut ich es finde, wenn Eltern versuchen, die (besten) Freunde des eigenen Kinds zu sein, so überzeugt bin ich davon, dass sich Eltern und Kind ab einem bestimmten Zeitpunkt als Erwachsene auf Augenhöhe begegnen sollten. Denn die Erziehung ist irgendwann abgeschlossen und dann stehen sich in erster Linie Menschen gegenüber, die sich auch genauso gegenseitig behandeln sollten.

Den Weg, den meine Mutter und ich bislang zusammen gegangen sind, war nicht immer einfach. Aber er war ein guter. Und er war richtig, denn er war nie davon geprägt, dass ich mich als Kind – oder gar Tochter – unterzuordnen hatte. Nein, ich bin nicht antiautoritär erzogen worden, aber ich bin emanzipiert, respektvoll und zur Eigenständigkeit erzogen worden.

Meine Erziehung des midi-monsieurs vergleiche ich nicht mit der, die ich erfahren habe. Sie ist nicht davon geleitet, dass ich etwas partout anders machen möchte. Wenn dann eher im Gegenteil: Ich hoffe, dass ich es schaffe, meinem Kind auch die Werte Respekt, Eigenständigkeit und Emanzipation mit auf den Weg zu geben. Aber ich überlege nicht, wie es meine Mutter gemacht hat und wie ich es gleich machen kann, sondern ich glaube, dass diese Werte einfach so in mir verankert sind, dass ich gar nicht anders kann, als meine Erziehung davon geleitet zu gestalten.

Ich bin froh, dass wir den Bruch hatten, bevor der midi-monsieur auf der Welt war (auch wenn ich da gerade mit ihm schwanger war). Ich kann nur mutmaßen, aber womöglich wäre es nicht zum Bruch gekommen. Und dann wäre die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir geprägt gewesen von mütterlichen Ratschlägen an ihre Tochter. Durch den Bruch haben wir ein super Verhältnis, in dem wir uns gegenseitig zur Seite stehen. Sie steht mir – wenn ich es möchte – mit ihrer professionellen Sicht und Erfahrungen als Mutter zur Seite. Lässt mich aber machen. Meine Art der Erziehung wird nicht kritisiert oder mit „bei uns damals“ kommentiert. Dadurch habe ich keine Probleme, sie um Rat zu fragen. Weil ich weiß, dass mein Weg akzeptiert wird.

Und um es kurz zu machen: Mama, Du bist die beste Mutter, die ich mir für mich vorstellen kann. Und ich hoffe, dass ich das für den midi-monsieur auch sein werde.

3 Gedanken zu „Elternbeziehung (Teil M)

  1. Mein Kommentar ist ja gar nicht hier gelandet…
    (Also umtriebig, hm?)

    Danke für Deinen Text und dass Du diese Geschichte aufgeschrieben hast. Ich bin froh, dass ihr den Bruch habt überwinden können und Euch wieder zusammgerauft hat. Vor allem für den kleinen Mann. ❤

    • Klar „umtriebig“ 😉 – im Sinne von aktiv. Meinte das mit Blick auf die Gastbeitragsserie und diese Blogparade.
      Es ist mehr als „zusammenraufen“ (zumindest nach meiner Wortdefinition). Zusammenraufen kann ich nicht. Das ist für mich ein fauler Kompromiss.
      Für den midi-monsieur ist es sicherlich gut, dass er Oma und Opa hat. Aber wenn es für mich nicht passen würde, würde ich mich nicht für ihn verbiegen. Siehe meine Brüder… nur weil ich es vielleicht schade finde, dass er ohne die Onkels (und Tanten und Nichten und Neffe) leben muss, sehe ich keinen Sinn darin, Kontakt nur für ihn herzustellen. Solange ich ihm erklären kann, warum es so ist, wie es ist, ist es mMn in Ordnung.

  2. Pingback: #Blogparade – Von der Beziehung zu den Eltern | Beiträge | Gemischtwaren | von allem etwas

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