Pille-palle?

Ich finde Werbung in Blogs nicht so toll. Aber wenn sie ordentlich gekennzeichnet ist, kann ich mir immer noch überlegen, ob ich den jeweiligen Artikel lesen will. Außerdem darf jede mit ihrem blog machen, was sie will.

Doch vor einiger Zeit war ich etwas (sehr) iritiert: Es gab mal wieder eine Werbewelle, die über mehrere werbefreudige Blogs schwappte. Soweit, so nervig.1 Problematisch war für mich allerdings:

Mein Beruf ist quasi die Vermarktung Bewerbung von Öffentlichkeitsarbeit2 für Medikamente. Das ist schon mal per se nicht immer einfach, weil ich ja für die „böse“ Pharmaindustrie arbeite. Dazu kommt, dass diese Arbeit in Deutschland (und großen Teilen Europas) recht stirkt reglementiert ist – und zwar durchs Heilmittelwerbegesetz3 in Deutschland und auf Europäischer Ebene durch die EU-Richtlinie 2011/62/EU. Juristische Fallstricke lauern überall und gefühlt steht man (also zunächst das Unternehmen selbst) immer mit einem Bein vor Gericht, weil man tatsächlich höllisch aufpassen muss, wer was wem und wie über ein Medikament erzählt.

Für diese Pille habe ich heute kein Bild

Ja, ich sehe vieles diesbezüglich strenger, weil ich in erster Linie für sogenannte Rx-Medikamente arbeite. Das sind Medikamente, die mindestens4 verschreibungspflichtig5 sind. Über solche Präparate darf nicht in der Öffentlichkeit – also der sogenannten breiten Öffentlichkeit – berichtet werden. Für solche Medikamente darf auch keine Werbung im TV und in frei zugänglichen Printmedien (und was es sonst noch so gibt, woran jede kommt) gemacht werden. (Zum Glück! Ich finde Werbung für Medikamente fast genauso schlimm wie für Zigaretten oder Alkohol.) Über solche Medikamente darf nur innerhalb der Fachkreise berichtet (und auch Werbung gemacht) werden. Und mit Fachkreise sind ÄrztInnen und ApothekerInnen gemeint. Selbst medizinisches Pflegepersonal zählt nicht dazu.

Grauzone

Was mit „nicht in der Öffentlichkeit [darüber] berichtet werden“ gemeint ist, ist, dass der Medikamenten-, also Produktname nicht genannt werden darf. Der Wirkstoffname darf genannt werden, wenn dieser nicht eindeutig auf ein bestimmtes Produkt verweist. Ansonsten darf nur die Wirkstoffklasse genannt werden. Ein Beispiel: Antibiotika sind eine Wirkstoffklasse. Penicillin ein bestimmter antibiotischer Wirkstoff. Da es aber viele verschiedene Präparate gibt, die Penicillin enthalten, darf man es – obwohl es verschreibungspflichtig ist – „überall“ nennen. Anders ist es oft bei neuen Medikamenten, die für gewöhlich Patentschutz haben. Da gibt es einen bestimmten Wirkstoff nur in einem bestimmten Medikament. Manchmal ist das Zeug so neu, dass es sogar eine eigene Wirkstoffklasse ist. Tja, dann hat die Pharmaindustrie tollen heißen Scheiß, von dem keiner – außer ÄrztInnen und ApothekerInnen – etwas wissen darf.

Wobei es da eine temporäre Grauzone gibt: Bei ganz neuen und wichtigen6 Produkten wird eine kurze Zeit nach Markteinführung geduldet, wenn auch mal (!!!) der Produktname genannt wird.

Aber es gibt doch Medikamentenwerbung

Bei OTC7-Produkten, also apothekenpflichtigen, aber frei verkäuflichen Medikamenten, sieht das anders aus. Die dürfen recht munter „überall“ – mit Bild (klassische Werbung) oder Text (PR) – beworben werden. Um rechtlich aus dem Schneider zu sein, sollte mindestens der berühmten Satz „Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ am Ende des Spots oder auf der Printanzeige kommuniziert werden, besser ist ein sogenannter Pflichttext8.

Diese Freiheit haben mittlerweile auch viele Unternehmen für ihre OTC-Mittelchen entdeckt. Denn diese Freiheit gilt nicht nur, wenn das Unternehmen selbst Werbung macht, sondern auch wenn es Werbung machen lässt. Sprich, wenn es Blogger dafür bezahlt, dass sie über ihr Produkt schreiben. Wichtig ist, dass im Blog der Post als Werbung gekennzeichnet ist und dass am Ende vom Text DER Satz bzw. ein Pflichttext steht.

Aus rechtlicher Sicht ist es also in Ordnung, dass Blogger sich dafür bezahlen lassen, dass sie Medikamentenwerbung machen. Aber meiner Meinung nach muss man nicht alles machen, nur weil es legal ist.

Ich finde die Einbindung von SocialMedia in Produktkampagnen (bei Medikamenten) grundsätzlich nicht so gut – vor allem, wenn Dritte, also z.B. BloggerInnen oder sonstige SocialMedia-Influencer, die nicht beim Pharmaunternehmen angestellt sind, dafür eingespannt werden. Eine solche Aktion würde ich nicht empfehlen. Denn dabei wird der persönliche Charakter eines Blogs ausgenutzt. Und auch wenn Werbung drüber steht, liest es wohl die „normale“ Blogleserin als Empfehlung der Bloggerin.

Ich kann nur hoffen, dass die Blogs ausreichend vom verantworlichen SocialMedia-Berater aufgeklärt wuerden: Kennzeichnungspflicht; wer ist verantwortlich, wenn irgendwem doch etwas am Text aufstößt.

Im Zweifelsfall gilt: Fragen Sie ihren Arzt oder … äh … Besser einen Anwalt fragen und sich überlegen, ob man wirklich für ein Medikament Werbung machen muss, will und sollte.

Nachtrag
Was übrigens gar nicht geht: Es darf kein kostenloses Arzneimittelmuster zum Testen zur Verfügung gestellt werden. Denn es sind immer noch Medikamente, die nach entsprechender Diagnose eingenommen werden sollten. Und Diagnosen stellt ein Arzt.

——————————————

  1. Wobei sich am Ende dieser Blog-Aktion sicher die verantworltiche SocialMedia-Beraterin ein Fleißsternchen beim Kunden abgeholt hat. Denn aus Kampagnensicht war die Aktion vermutlich ein Erfolg.
  2. Im Heilmittelwerbegesetzes wird kein nenneswerter Unterschied zwischen Werbung und PR gemacht.
  3. Der Wikipedia-Artikel fasst das ganz ok zusammen.
  4. Es gibt auch Medikamente, deren Abgabe genau dokumentiert werden muss und für die es spezielle Rezepte gibt.
  5. Verschreibungspflichtig heißt, dass das Medikament NUR mit einem Rezept ausgegeben werden darf. Nicht zu verwechseln mit apothekenpflichtigen9 Mitteln, die erstattet bzw. verschrieben werden können.
  6. Wichtig im Sinne davon, dass es für den Patienten einen besonderen Nutzen hat, z.B. manche Krebsmedikamente.
  7. OTC = over the counter; Medikamente, die der Apotheker frei herausgeben kann, aber die sich der Kunde nicht selbst nehmen kann.
  8. Eine Art Kurzfassung der Gebrauchsinformation aka Beipackzettel.
  9. Medikamente, die es NUR in der Apotheke zu kaufen gibt – also NICHT in der Drogerie. (Medikamente, die apothekenpflichtig sind, sind nicht unbedingt verschreibungspflichtig, aber umgekehrt wird immer ein Schuh draus.)

Quellen/ weitere Infos:

2 Gedanken zu „Pille-palle?

  1. Salut!
    Genauso und nicht anders.
    Nur eine minimale Ergänzung: Frei, also ohne den Einfluss von uns und unseren Kolleginnen, darf die Presse über alles Berichten, was sie möchte. Das muss sie in vielen Bereichen ja sogar, um mehr oder minder echte Skandale aufzudecken. Also darf sie frei neben den Wirkstoffen auch die Handelsnamen nennen. Oder wüsstest Du OHNE zu googlen den Wirkstoff von Contergan?
    Liebe Grüße
    Jette

    • Hallo!
      Das gilt aber auch nur, wenn es wirklich ein freier Bericht ist, der keinen werblichen also fördernden Charakter hat. Ansonsten wird es auch schnell heikel 😉
      Das Fass wollte ich nicht aufmachen. Habe daher auch noch ein paar andere Aspekte weggelassen.
      Lieben Gruß zurück
      PS: Ja, ich wüsste den Wirkstoff ohne Google. Aber das ist eine Berufskrankheit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s