Weniger allein

Mag sein, dass es kein guter Stil ist, nicht zu verlinken, aber so langsam bin ich es echt leid. Dieses ewige Gepiense (wie der Hesse es nennt) ist fast unerträglich. Ich weiß schon, warum ich meinen Feedreader vor einiger Zeit aufgeräumt habe. Aber so ganz verhindern kann ich nicht, dass hin und wieder ein link in meine TL gespült wird. Jajaja, ich muss ihn ja nicht anklicken. Und ich werde da noch an meiner Impulskontrolle arbeiten müssen. Aber nun ist es geschehen und ich habe Puls.

Vor einiger Zeit wurde sich über den Begriff „alleinerziehend“ beschwert. Er sei abwertend, diskriminierend und werde der Lage ja eigentlich nicht gerecht und überhaupt.

Nun wird sich darüber beschwert, dass Menschen diese Bezeichnung für sich beanspruchen, auf die er – so sagt die Alleinerziehenden-Sprachpolizei – nich zuträfe. Weil sie eine*n Partner*in (womöglich den anderen Elternteil) haben und ein bisschen alleinerziehend gibt’s nicht. Irgendwann drehen mir noch die Augen aus den Höhlen. Denn nach all dem, was ich so bislang gelesen habe, sind die Kriterien für „alleinerziehend“ folgende (und gefühlt muss man, wenn man sich alleinerziehend nennen will, alle Kriterien erfüllen):

  • Man muss mindestens ein Kind haben.
  • Man muss mit diesem/n Kind/ern allein wohnen.
  • Man ist in einer finanziell kritischen Situation. (V.a. weil der andere Elternteil nicht zahlt.)
  • Man liegt mit dem anderen Elternteil im Clinch.
  • Der andere Elternteil beteiligt sich in keinster Weise an der Erziehung, ist nicht präsent und macht einem das Leben schwer.
  • Man ist emotional instabil oder zumindest in einer emotionalen Ausnahmesituation.
  • Man hat keine*n Partner*in und wird auch nie wieder eine*n haben.

Ich weiß, dass es viele Alleinerziehende gibt, die viele oder sogar all diese Kriterien erfüllen. Was ich für die betroffene Person und v.a. die betroffenen Kinder auch wirklich schlimm finde. Aber das macht diese Menschen nicht alleinerziehender als andere.

Ich beispielsweise erfülle nur zwei, vielleicht zweieinhalb, dieser sieben Kriterien. Und das ist vermutlich mein großes Problem an vielen Alleinerziehenden-Diskussionen: Sie repräsentieren mich nicht. Ich finde mich da nicht wieder. Und habe sogar das Gefühl, dass ich als exotische Ausnahme der allgemeingültigen Alleinerziehendenregel gelte („Da hast Du aber Glück gehabt.“).

Und wenn ich dann lese, dass jemand, dessen Partner*in nur am Wochenende, nur einmal im Monat oder sonstwie total selten da ist und kaum bis gar nicht am Familienleben teilnimmt, sich trotzdem nicht alleinerziehend fühlen und nennen darf, weil sie ja nicht „allein“ ist, dann werde ich das Gefühl nicht los, dass da jemand das System Partnerschaft mit dem System Familie verwechselt. Eine funktionierende Partnerschaft (mit dem Kindsvater) bedeutet doch nicht automatisch geteilte Erziehungsarbeit (sollte es, aber ist halt nich immer so). Das „allein“ in „alleinerziehend“ bedeutet doch, dass ich etwas allein mache, aber nicht zwingend allein bin. Und warum definiert sich das Alleinsein überhaupt über die Abwesenheit eines Partners? Bin und mache ich automatisch nicht(s) mehr allein, wenn ich einen Partner habe?!

Im Umkehrschluss bedeutet das nämlich, dass ich ab dem Moment, in dem ich wieder in einer (glücklichen) Partnerschaft (definitiv nicht mit dem Kv) stecke, egal, wo der Partner ist, nicht mehr alleinerziehend bin – auch wenn der neue Partner nicht er Kindsvater ist. Mal abgesehen davon, dass ich es ja (s.o.) eh nicht bin.

Ja, ich finde auch, dass Alleinerziehende schlechter gestellt sind. Aber anstelle sich Grabenkriege darüber zu liefern, wer sich wie nennen darf, wer wie bloß nicht genannt werden will, oder komische halbherzige Petitionen zu starten, die außer einer kleinen Welle nichts bewirken, weil sich letztlich keiner mit beschäftigen muss, sollten wirklich wichtige Dinge angegangen werden: Steuerklasse III für Alleinerziehende; definitiver Vorzug bei der Vergabe von Kita- und Hortplätzen; dass es wirklich ums Kindeswohl geht; psychologisch geschulte Familenrichter; mehr unabhängige Erziehungsberatungen; keine Anrechnung vom Kindergeld bei Hartz IV etc.