Ruhig gestellt?

Vermutlich ist es nicht ungewöhnlich, dass sich das eigene Kind zu Hause und woanders so unterschiedlich präsentiert. Aber mit dem, was mir die Schule zum Sozialverhalten vom midi-monsieur spiegelt, habe ich das Gefühl, dass von zwei verschiedenen Personen die Rede ist. Und ich bin traurig und auch sehr wütend darüber.

Gerne würde ich hier mal den Wortlaut einiger Einträge über den midi-monsieur im Elternheft veröffentlichen. Es ist von „negativem Sozialverhalten“ die Rede; es wird „gedroht“, dass sich sein Verhalten in seinen Noten widerspiegeln würde; ihm werden „große Schwierigkeiten im emotional-sozialen Bereich“ und „fehlende Empathie“ attestiert. Und das mit einer Vehemenz und in einem Ton, der selbst mich schlucken lässt. Zumal ich mein Kind nicht so kenne. Ja, er ist auf den ersten Blick extrovertierter als andere, aber ich habe das nie negativ erlebt. Eigentlich weiß er für seine sieben Jahre ganz gut, wann er sich zurücknehmen „muss“. Er geht immer offen auf andere Menschen zu; nimmt Rücksicht auf andere – insbesondere Jüngere und Schwächere – und macht sich auch mal für sie stark. Und dieses Kind soll unempathisch sein?!

Ich kann verstehen, dass das Verhalten, das der midi-monsieur den Erzählungen nach (und er bestätigt es mir ja auch) im Unterricht an den Tag legt, im Klassenverbund stören kann. Ich erwarte keine Sonderbehandlung für mein Kind. Aber dennoch hat jedes Verhalten einen Ursprung und den kann man hinterfragen. Denn manchmal lässt es sich leicht lösen, wenn man es weiß und darauf eingeht.

Und ich frage mich allen Ernstes, welchen Zacken sich eine Lehrkraft aus der Krone bricht, wenn sie einem Kind, das klar und deutlich sagt, dass es sich im Unterricht langweile, Extraaufgaben gibt? Ist es wirklich verwunderlich, dass ein Kind auffällig wird, wenn es trotz Melden nicht drangenommen wird, weil die Lehrkraft ja wisse, dass das Kind den Stoff könne. Und ich kann mein Kind verstehen, dass er sich irgendwie sein Stück Aufmerksamkeit erzwingen haben möchte – und wenn er es nicht mit Wissen darf, dann macht er halt Quatsch: „Weißt Du, Mama, wenn ich so richtig schwere Aufgaben hätte, bei denen ich mich wirklich konzentrieren muss, dann hätte ich gar keinen Platz mehr im Kopf für Quatsch.“ Deutlicher kann man das nicht ausdrücken.

Aber weil ich weiß, dass man nie die anderen, sondern nur sich selbst ändern kann, kann ich nur das mit dem Kind angehen. (Und Gespräche führen und Gespräche führen und Gespräche führen.) Also versuche ich noch dichter an meinem Kind dran zu sein: So gut wie täglich spreche ich – mittlerweile mantraartig – mit ihm darüber, dass er sich im Unterricht bitte zurückhalten solle, dass es ihm egal sein solle, ob er drangenommen wird oder nicht.

Es scheint zu wirken, denn die Nachmittage, an denen er beim Nach-Hause-Kommen sagt, dass es ein guter Tag gewesen sei, werden mehr und mehr zum Regelfall. Auch er merkt, dass es ihm in der Schule besser geht, wenn er nicht in einer Tour aneckt und auffällt. Er ist entspannter.

Und doch habe ich ein schlechtes Gefühl dabei. Ich habe das Gefühl, dass mein Kind ruhig gestellt wird, um das Bedürfnis der Lehrkraft nach stressfreiem Unterricht zu befriedigen. Dass seine Bedürfnisse und Wünsche dadurch erst recht nicht erfüllt werden, weil durch die Ruhe, die nun besteht, keine Notwendigkeit mehr gesehen wird, auf ihn einzugehen.

Ich bleibe dran und beobachte und führe Gespräche.

12 Gedanken zu „Ruhig gestellt?

  1. Hallo,
    wurde da mal einen Test in Richtung Hochbegabung gemacht? Sicherheitshalber, das hört sich nach Unterforderung einerseits und Überforderung andererseits an

    LG
    Isa

  2. Ich habe mit beiden Kindern annährend 12 Schuljahre insgesamt durch und als Fazit bleibt:
    In dem Bundesland, in dem ich lebe (und in den meisten anderen wird es nur marginal anders sein), wird Potential stumpf liegen gelassen.
    Es ist nicht so, dass SchülerInnen grundsätzlich faul, abgelenkt oder doof sind, sondern vielmehr so, dass sie unter Umständen beschult werden, für die sich die Bildungspolitik und deren Macher im Fall einer Benotung eine glatte 6 abholen würden.
    Viel zu wenig wird in die Ausbildung investiert, Mangel an KiGa-Plätzen, Stundenausfälle in der Schule, Unterricht durch schlecht ausgebildetes Personal, Unterrichtaterialien aus der Steinzeit, überfüllte Klassen – natürlich kommen Kinder auch da durch.
    Aber welche Verschwendung von geistigem Potential! Man lässt es einfach liegen…
    Hier in diesem Bundesland sind Gymnasien politisch gewollt böse! Schlimme Bildungselite!!! Pfui! Stattdessen gibt es schöne Konzepte, nach denen Kinder mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen in Klassenverbänden zusammen lernen sollen. Ein hehrer Gedanke, dem ich mich noch nicht einmal von vornherein verschließe – aber damit nicht alle auf dem untersten Niveau herumdümpeln, braucht es Geld und Personal, was, große Überraschung, nicht locker gemacht wird.
    Stattdessen ist meinen beiden Kindern die Neugier aufs und der Spaß am Lernen gründlich ausgetrieben worden.

    Sorry für diese Verbal-Eruption, ich kann verstehen, wenn du soviel Galle vielleicht lieber nicht in deinem blog haben willst – wollte dich auch nur wissen lassen: ihr seid nicht allein…

    LG,
    Marie

  3. Hi,
    diese Situation kenne ich nur zu gut. Unserer großen Tochter ging es bereits im Kindergarten und in der Grundschule ähnlich, sie hat aber „Gott sei Dank“ die Gabe, sich sozial recht gut anpassen zu können ohne ihren Charakter/Meinung zu verlieren. Unser Kleiner eckte bereits ab dem ersten Tag in der Kita und erst recht ab der Einschulung massiv mit seinem Wissendurst, seinem Bedürfnis nach Diskussion und Gerechtigkeit an. Die Lehrerin in der 1. Klasse fühlte sich gestört, dass er nach kurzer Zeit lesen konnte. Sie fühlte sich auch gestört wenn er Fehler ihrerseits korrigierte, usw. Und auf Dauer konnte er sich auch nicht ständig zurücknehmen, da er das Umgehen mit ihm als höchst ungerecht empfand. Alle Gespräche mit Lehrern waren letztendlich sinnlos und Zeitverschwendung. Fazit der Grundschule war ein Kind, das jegliche Freude am Lernen verloren hatte. Die Situation besserte sich schlagartig, als er (wie schon seine große Schwester) aufs Gymnasium in eine Klasse für besondere Begabungsförderung/Hochbegabung wechselte. Hier in Bayern gibt es in jedem Regierungsbezirk mind. 1 Gymnasium mit extra Klassen der Begabungsförderung. Unsere Tochter gehörte zum ersten Jahrgang in Oberfranken und macht nächstes Jahr Abitur. Hier, in diesem Umfeld und unter „Gleichgesinnten“ fühlte sich unser Sohn zum ersten Mal richtig wohl in einer Schule. Und auch die Freude am Lernen ist wieder gekommen (hat aber etwas gedauert). Besonders die vielen freien Lernformen, das selbständige Arbeiten und die Eigenverantwortung fordern und fördern ihn jeden Tag, da bleibt keine Zeit oder Motivation für Quatsch.
    Aus meiner Sicht kann ich nur unbedingt dazu raten, so schnell wie möglich eine schulische Alternative zu suchen, um das „Leiden“ abzukürzen. Nach unseren Erfahrungen wird sich die Regelschule nicht bewegen.

  4. Solidarische Grüße aus dem Norden! Wir haben ähnliche Erfahrungen schon in den 1990igern gemacht, glücklicherweise waren wir resistent gegen ADHS Schubladendenke. Allerdings mussten wir unserem Sohn einen Klassenwechsel zumuten, was er uns damals (9Jahre alt) sehr übel genommen hat. Er hat die Schulzeit nur mit viel Sport und noch mehr nachmittäglichem Freiraum (Hilfe auf nachbars haftlichem Bauernhof, „Arbeit“ im richtigen Leben) überstanden. Seitdem gehören wir zu den Menschen, die überzeugt sind, dass unsere Schulen nicht für Jungs gemacht sind. Und das liegt zu einem großen Teil – Weibersolidarität hin oder her- an Lehrerinnen, die nur mit Mädchen können und nicjt vorhandenen Männern im System Primarbildung. (Jaaaaa, ich kenne die Gründe). Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der grosse Bruder auch nicht besonders schulkompatibel war, wenn au ch aus anderen Gründen. Einzig die Schwester fügte sich nahtlos ins Räderwerk. Lasst euch nicht entmutigen und behaltet euer Vertrauen zu eurem Kind.

  5. Ich werfe mal was ganz anderes in den Raum, bewusst provozierend:

    Was bedeutet es für ein Kind, das in einer Klassengemeinschaft sitzt, aber wegen „anders sein“ trotzdem ausgegrenzt wird? Entweder von den Lehrern oder sogar – Obacht, Spitze – den eigenen Eltern?

    Was macht es mit einem Kind, das vielleicht unterfordert ist (aus Unterforderung kann übrigens schnell Überforderung werden) und gesagt bekommt, dass es eben anders sei – und damit in eine Außenseiterrolle gedrückt wird, die ihm vielleicht etwas nimmt, was viel wichtiger ist in dem Alter: Anerkennung.

    Diese Ausgrenzung kann sowohl durch Eltern („Du bist was besonderes, besser als die anderen“) als auch durch Lehrer (gleiche Argumente oder auch „Du bist anders, du störst die Gemeinschaft“) sein, aber auch durch die Mitschüler („Der braucht wieder eine Extrawurst“).

    Ist unser Schulsystem wirklich dazu ausgelegt, jedem Schüler in einer Klasse eine optimale, persönlich angepasste und leistungsgerechte Förderung zu geben? Bräuchte man dazu dann nicht einen anderen Betreuungsschlüssel? Mehr Lehrer pro Stunde? Einen anderen Lehransatz? Muss eine Regelschule das überhaupt leisten?

    Warum finden es alle ok, wenn schwache Schüler außerhalb der Schule Nachhilfe nehmen müssen, aber stärkere sollen bitte in der Schule leistungsgerecht betreut werden?

    Hilft es dem Kind, wenn die Eltern die Lehrer unter Druck setzen, wenn diese eindeutig nicht in der Lage sind, auf das Kind so schon einzugehen? Oder bestärkt es die Sonderposition und damit die „Einsamkeit“ des Kindes innerhalb einer sozialen Umgebung?

    Meiner Meinung nach kann ein Kind, das in der Schule bereits diese Sonderposition innerhalb einer Klassengemeinschaft bzw. in den Augen der Lehrer hat, nicht wirklich Teil davon sein. Nicht in einer Regelschule, die für diese Förderungen nicht ausgelegt ist. Und ob das wirklich beim Lernen förderlich ist?

    Ich kenne viele Hochbegabte, die im normalen Schulsystem weitergekommen sind, ohne ausgewiesene Sonderrolle. Die das eben hingenommen haben, gute Noten schrieben, die Achseln zuckten und jetzt Astrophysiker, Ärzte oder Finanzmanager wurden.

    Ich kenne Hochbegabte, die durch eine Sonderrolle im Schulsystem kaputt gegangen sind.

    Das mal als kontroversen Anteil für die Diskussion, absichtlich in eine andere Richtung einschlagend.

    • Dann frage ich mal provokant zurück: Was wäre denn die Alternative? Alle „Sonderlinge“ aus der Regelschule? Homeschooling ist in Deutschland nicht erlaubt.

      Und mal im Ernst: Du hast recht, dass es für Kinder absoluter Stress ist, nicht anerkannt zu sein. Und das hat nicht zwingend mit einer Außenseiterrolle zu tun. Es gibt auch Außenseiter, die anerkannt werden. Und ich finde auch, dass alle zusammen eine Gemeinschaft bilden können. Das ist Inklusion! Das findet in der doch recht heterogenen Klasse vom midi-monsieur ja auch bewusst statt.

      Aber Kinder spüren umgekehrt auch sehr gut, dass sie – wie auch immer – anders sind. Und je nach Kind können sie damit „besser“ oder „schlechter“ (aus Erwachsenensicht) umgehen. Ja, manche nehmen das einfach hin und ordnen sich unter bzw. einfach ein. Manche möchten aber auch in ihrer Andersartigkeit anerkannt werden.

      Ob das die Schule kann?! Sie könnte es. Es ist eine Frage des Wollens und wie motiviert man als Pädagoge (ich schreibe bewusst nicht Lehrer) ist.
      Das Stichwort dazu ist „Binnendifferenzierung“: Es ist sicherlich nicht das Allheilmittel, um die absoluten Außreißer nach oben oder unten abzufangen, aber es kann die Kinder in ihren unterschiedlichen Wissensständen, Lernerfahrungen und -tempi auffangen. Zudem bietet unsere Schule auch innerschulische „Nachhilfe“ in Mathe und Deutsch an.

      Beim midi-monsieur wird in Deutsch „binnendifferneziert“ und das funktioniert gut. In Mathe wäre es ein Leichtes, das auch umzusetzen. Aber wo kein Wille, da kein Weg.

      Und eine wirkliche Hochbegabung muss mMn auch nicht unbedingt von der Schule bedient werden – sofern sie sich das nicht auf die Fahnen schreibt. Aber wichtig ist dennoch, dass die Schule den Fakt als solches anerkennt. Und wenn außerschulische Lernangebote genutzt werden, diese auch akzeptiert werden.

      Und solange der midi-monsieur nicht getestet ist, spreche ich auch nicht von Hochbegabung – nicht den Lehrern und schon gar nicht ihm gegenüber. Aber ich finde, dass es meine Aufgabe ist, seinem Schulfrust auf den Grund zu gehen und alles in meiner Macht Stehende zu tun, um den mindestens in ein neutrales Erlebnis zu verwandeln.

      • Gerade das schreibe ich ja nicht. Es geht nicht darum, die „Sonderlinge“ aus der Schule zu nehmen, sondern sich zu überlegen, ob eine „Binnendifferenzierung“ überhaupt möglich ist unter den Vorzeichen, dass die Lehrer dem Kind einen negativen Platz in der Klassengemeinschaft zugeteilt haben aufgrund seines Lern- oder Sozialverhaltens.

        Da gehen Wunsch und Wirklichkeit (auch Lehrer/Pädagogen sind eben nur Menschen und haben gegen jede berufliche Vernunft hinaus auch Lieblings- und Nervschüler) weit auseinander.

        Und entgegen Deines Satzes oben, dass Du keine Sonderbehandlung für Dein Kind möchtest, möchtest Du das eben doch – wie alle anderen Eltern irgendwie auch. Die Frage ist eben, ob das in dem Umfeld, wie es jetzt ist, noch möglich ist.

  6. Pingback: Kopf anstrengen | Groß-Stadt-Ansichten

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