Religionsunterricht

Der midi-monsieur hat mich letztens abends, als er schon im Bett lag und schlafen sollte, gebeten, dass ich ihn vom Religionsunterricht abmelden solle. Da er ja eigentlich schlafen sollte, beließ ich es erst mal bei seiner Begründung, dass er den Unterricht langweilig findet.

Ich dachte darauf rum. Bislang hat er noch nicht viel vom Religionsunterricht erzählt. Aber wie auch: In der ersten Klasse fand der ja nur sehr begrenzt statt. Alle zwei Wochen eine Stunde Religion, weil keine Lehrkraft zur Verfügung stand.

Nun, in der zweiten Klasse, hat er regulär zwei Stunden Religion und ist damit bei einer Gesamtstundenzahl von 22 pro Woche. Wobei bei ihm noch eine Stunde LRS dazukommt.

Natürlich muss der midi-monsieur nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Er ist ja noch nicht einmal getauft.  Das wollten sowohl der Kv als auch ich nicht. Ich halte nichts von Säuglingstaufen. Und der Kv hält nichts von Kirche und Glauben. Auch stehen die Konfessionen vom Kv und mir nicht in seiner Geburtsurkunde. An der Schule wird er damit als „konfessionslos“ geführt und war daher erst mal gar nicht für den Religionsunterricht eingeplant. Es war also meine bewusste Entscheidung, ihn dazu anzumelden.

Ich finde nämlich, dass man ein bisschen von der Kultur, die wir begehen – und immerhin feiern wir Weihnachten -, wissen sollte, wo sie her kommt, wer diese „Rituale“ begeht und wer nicht. Im Hamburger Kindergarten hat er davon etwas mitbekommen. Aber in der städtischen Kita in Frankfurt fanden christlichen Feiertage nicht wirklich statt und wurden eigentlich gar nicht thematisiert. Und ja, das fand ich schade.

Natürlich muss man gucken, was im Religionsunterricht gelehrt wird. Und auch wie. Aber wenn man sich den hessischen Rahmenplan anguckt und da noch einmal speziell die Lernfelder für Religion, bin ich erst mal entspannt*. Natürlich kommt da auch Gott vor. Ja und er wird auch lernen, was ein Gebet ist. Aber ob und was er davon für sich annimmt, muss und darf er selbst entscheiden. Es ist ja auch noch entscheidend, was wir davon zu Hause weiterleben.

Aber noch einmal zurück zu den Inhalten des Reliunterrichts: Ich sehe das auch als Vorstufe oder auch ein bisschen als Basis für den Geschichtsunterricht. Unsere westliche Geschichte ist mit dem Christentum verknüpft. Es ist viel – auch Schlechtes – im Namen der Kirche passiert und passiert auch sicherlich immer noch. Aber ich finde es gut und wichtig, um die Dinge besser einordnen zu können, dass man weiß, dass es eine Bibel gibt – in der Geschichten stehen. Und dass diese Geschichten immer wieder neu und anders gedeutet wurden. Auch das ist Inhalt des Unterrichts: Was bedeuten die Geschichten aus der Bibel? Was können sie heute bedeuten? Denn so kann man auch einordnen, warum welche Dinge in den vergangenen 2000 Jahren passiert sind.

Auch ist unser allgemeines Miteinander nun einmal von christlichen Werten geprägt. Ich finde das auch prinzipiell nicht schlimm. Dinge entstehen nicht aus dem luftleeren Raum und bei uns hat nun mal der christliche Glauben die letzten Jahrhunderte geprägt. Das kann man finden, wie man will, aber es ist so. Man sollte nur im Zweifelsfall konsequent genug sein und z.B. Weihnachten nicht zu feiern.

Bei mir kommt noch hinzu, dass der christliche Glaube** ein Teil von mir ist. Ich habe es schon mal geschrieben, dass ich mich selbst für die Taufe entschieden habe und auch gerne konfirmiert wurde. Ich wollte sogar eine Zeit lang Pastorin werden. Allerdings habe ich schon früh festgestellt, dass ich nicht an Gott glaube. Also an irgendetwas Übergeordnetes oder gar Ätherisches, an derdiedas ich mich wenden kann, derdiedas die Welt erschaffen hat. Auch wenn die Urknall-Theorie wohl hinkt, macht die Welterschaffung durch Gott noch weniger Sinn.

Ich habe das mit dem midi-monsieur alles erörtert. Dass ich ihn nicht prinzipiell nicht abmelde, sondern dass ich meine Gründe habe, warum ich möchte, dass er Religionsunterricht hat.*** Ich habe ihm auch signalisiert, dass ich ihn jederzeit abmelde, wenn ich merke, dass der Unterricht missionierende Züge annimmt (so habe ich es ihm gegenüber natürlich nicht ausgedrückt). Damit kann er gut leben.

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* Vermutlich hatte ich Glück: Ich hatte nie indoktrinierenden Religionsunterricht. Es ging um Geschichten. Und viel mehr Erinnerungen habe ich auch nicht.
** Dazu kommt, dass ich reformiert bin. Und bei denen geht es nicht um die Huldigung Gottes, sondern die Interpretation „seines“ Wortes. Also der Bibel. Was gibt mir die Bibel heute, was kann ich für Lehren aus den Geschichten ziehen? Welche Werte vermittelt die Bibel?
*** Mal abgesehen davon, dass ich die Haltung „nur weil Abmelden möglich ist, es auch zu tun aus Faulheit“ nicht leiden kann. (Und ja, ich habe Englisch abgewählt als es ging. Aber der Grund war grottenschlechter Unterricht – 6,5 Jahre lang.)

4 Gedanken zu „Religionsunterricht

  1. Ich glaube, meine Gedanken zum Religionsunterricht sind deinen sehr ähnlich. Bei uns steht die Frage zwar erst nächstes Jahr zur Einschulung des Großen im Raum, aber ich sehe schon interessante Diskussionen mit dem Mann auf uns zu kommen. Durch seine Kindheit in der DDR hat er da eine komplett andere Sichtweise als ich, fürchte ich.

  2. Inhaltlich hier ganz ähnlich. Bei uns kommt hinzu: der Unterricht findet konfessionsübergreifend bei der Klassenlehrerin statt… Das Kind müsste dann irgendwie in einer anderen Klasse geparkt werden. (ich bin katholisch, aber auch mir haben sich alle Nackenhaare aufgestellt, als die Kinder im Kindergartenalter im Kindergottesdienst aufgefordert wurden, das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Wir waren nur ein Mal da.)
    Das kleine Kind wird nächstes Jahr eingeschult, und ich weiß von mindestens vier muslimischen Kindern, die auch dort eingeschult werden. Ich bin gespannt, wie die Schule das lösen wird… Der hiesige Kv schäumt übrigens, hat aber nicht wirklich inhaltliche Bedenken, sondern einen grundsätzlichen Ekel gegen alles, wo „christlich“ draufsteht.

  3. Pingback: Schnipsel | Groß-Stadt-Ansichten

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