Im Rahmen zur Freiheit

Ich bin über einen Blogpost gestolpert. Und es war von vornherein klar, dass es um irgendwas mit Erziehung geht. Meistens mache ich um so was ja einen großen Bogen. Denn bislang habe ich nur wirklich wenig Erquickliches dazu gelesen. In dem Artikel ging es um einen „besonderen“ Erziehungsstil. Ich konnte den Artikel nicht zu Ende lesen. Denn es war nicht „besonders“, sondern vor allen Dingen ziemlich beknackt. Und nach ungefähr jedem zweiten Satz hätte ich der Autorin gerne gesagt: „Merkste selber, nech?!“

Grundtenor war: Das Nein vom Kind wird IMMER akzeptiert. Hmhm, ein „besonderer“ Ansatz. Vor allen Dingen, wenn man sich dann zwei Sätze und alle folgenden Absätze (soweit ich’s gelesen habe) als Eltern darüber beschwert, dass das Kind das Nein der Eltern nicht akzeptieren würde und man, also die Eltern, sich vorkäme wie die Angestellten (Sklaven triffst vielleicht besser) des Kindes.

Da lernt also ein Kind, dass nur seine eigenen Grenzen zählen, sein Nein über allem steht, weil Mama und Papa unter dem Nein durchkriechen und alles gewähren lassen. Wie bitte schön soll ein Kind lernen, dass man auch andere Grenzen – die von anderen, der Gesellschaft, letztlich auch das Gesetz – respektieren und auch akzeptieren muss, wenn es nicht wirklich lernt, dass es auch andere Grenzen gibt, weil Mamas und Papas Grenzen im Zweifelsfall denen der Kinder untergeordnet sind?

Ich weiß nicht, ob es in diesem Artikel später noch steht, aber es gibt doch auch einfach Neins bzw. Grenzen, die nicht verhandelbar sind. Mein „Lieblings“beispiel: Straßenverkehr. Dazu noch alles, was sonst wie Gefahr birgt (Hitze, Strom, Reinigungsmittel, Alkohol, Tiere). Da ist es doch absolut unverantwortlich, wenn ich mein Kind machen lassen, wie es will, wenn ich weiß, dass es sich damit in Gefahr bringt. Und ich kennen nur wenige Kinder (bis zu welchem Alter das gilt, überlasse ich jeder/m selbst), die irgendeine Gefahr wirklich umfassend überblicken können. Da MUSS ich doch als Eltern meinem Kind zur Seite stehen und im Zweifelsfall auch NEIN sagen.

Der midi-monsieur hat von klein auf gelernt, dass es bestimmte dem Alter angepasste Grenzen (die Franzosen nennen es cadre, also Rahmen) gibt, in denen er sich ziemlich frei bewegen kann. Dieser Rahmen ist natürlich nicht starr und verändert sich ständig mit seiner Entwicklung. Die Grenzen sind abhängig von seinem Grundverständnis für bestimmte Situationen. Und das erste Grundverständnis, was er hatte, war: Gefahr. (Ja, ich weiß, es gibt Kinder, die Gefahr so dermaßen triggert, dass sie dem auf jeden Fall nachgehen müssen.) Das klappte bei uns so gut, dass wir ihm gewisse Gefahren nur erklären mussten und er sie respektierte. Da war zum Beispiel die Hündin. Etwas speziell im Gemüt, aber mit dem midi- bzw. damals noch mini-monsieur ein Herz und eine Seele. Er durfte viel mit ihr machen. Aber es ihr zu viel wurde, ging sie aus der Situation raus. Sie signalisierte ihr NEIN, indem sie sich entweder auf ihren Platz oder unter den Esstisch legte. Das lernte das Kind früh: Wenn die Hündin auf einem dieser beiden Plätze ist, wird sie in Ruhe gelassen, weil sie sonst vielleicht nicht mehr lieb ist.

Auch Steckdosen mussten wir aufgrund dessen nie absichern. Er wusste, dass damit nicht zu spaßen ist und ließ sie in Ruhe.

Oder auch im Straßenverkehr: Als der midi-monsieur anfing, sich berädert (also mit dem Laufrad) fortzubewegen, habe ich ihm die Gefahren des Straßenverkehrs erklärt und dass ich erwarte, dass er hört, wenn wir Nein bzw. Stopp sagen. Ich habe ihm dabei erklärt, dass dieses Nein nicht dafür da wäre, um ihm den Spaß zu nehmen, sondern um ihn vor Schlimmerem zu bewahren. Das funktioniert – seitdem. Ich kann mich so gut auf ihn verlassen im Straßenverkehr, dass ich kein Problem habe, mit ihm durch Frankfurt zu fahren – ggf. auch mal auf einer der Fahrradstraßen oder Radwegen die auf der Straße sind. Er weiß einfach, dass er anhalten muss, wenn ich ihm Stopp zurufe und stellt das nicht infrage.

Es mag sein, dass der midi-monsieur prinzipiell recht pflegeleicht ist. Er hatte ja auch keine Trotzphase. Vielleicht musste er die auch gar nicht haben, weil er (s)einen Rahmen hatte, der ihm genug Freiheiten ließ zu dem Zeitpunkt, dass er sich nicht anderweitig an uns reiben musste. Vielleicht hilft uns auch, dass ich es wichtig finde, dass jedes Verbot/ jede Einschränkung/ jedes Nein begründet werden kann – sowohl von mir, als auch von ihm – und manchmal halt auch mit einem einfachen „weil ich es nicht will“. Oder halt auch „weil ich gerade einfach mal meine Ruhe brauche“.

Aber natürlich ertappe ich mich hin und wieder mal, Nein zu etwas zu sagen, einfach weil halt. Heute zum Beispiel, wollte der midi-monsieur eine Trinkflasche selbst auswaschen. Ich antwortete reflexartig: „Nein, tu sie bitte in die Spülmaschine.“ Denn der midi-monsieur und Wasser sind des Öfteren eine etwas überbordende Angelegenheit. Dann sagte er aber zu mir: „Aber das dauert so lange und ich will die jetzt benutzen.“ Das war für mich ein Argument und ließ ihn machen.

3 Gedanken zu „Im Rahmen zur Freiheit

  1. Ich glaube, ich weiß, auf welchen Blogpost du dich beziehst … Die Idee dahinter ist wohl: Wenn ich das Nein des Kindes akzeptiere, bin ich das Vorbild dafür, den anderen und seine Grenzen zu akzeptieren und zu respektieren. Ich lebe das dem Kind sozusagen vor und irgendwann wird es dann genauso handeln. Aber wenn ich nicht gleichzeitig meine Grenzen (und die der anderen) vor dem Kind wahre, vermittle ich damit nur: Dein Nein und dein Wille steht über allen anderen. Das wäre dann ein ziemlich fatales Vorbild.

    • Ja, das Kind muss lernen, dass es nicht nur den eigenen Willen gibt, sondern dass es in Gesellschaften immer auch andere evtl. konträre Willen gibt. Und das fehlte mir in diesem Artikel.
      Die Selbstaufgabe des Mutter- bzw. Vaterwillens, die ich aus dem post rauslas, hat mich wirklich erschreckt. Denn damit lebe ich den Kind nichts (Positives) vor. Außer, dass es sich nicht anpassen muss. Und damit meine ich nicht unterwerfen, Willen brechen o.ä. Aber eine funktionierende Gesellschaft (egal wie groß) beruht nun mal auf Anpassung und Kompromisse.

  2. Pingback: Liebes Tagebuch am Fünften (Juli) | Groß-Stadt-Ansichten

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