Wenn eine eine Reise tut, …

… dann kann sie was erzählen.

Meine Eltern hatten es vorgemacht. Für die letzten zwei oder drei Besuche bei uns hatten sie den Fernbus entdeckt. Und es klang überzeugend: Sich in Bielefeld in den Bus setzen und erst in Frankfurt wieder aussteigen. Außer mit dem Auto ist das nicht möglich. Und Autofahren ist doof.

Gut, das Ganze dauert 4:45 Stunden. Dafür ist aber der Preis unschlagbar: 28 Euro für zwei Personen (eine Fahrt). Die Bahn braucht um die 3:15 Stunden, kostet aber für zwei Vollzahler wirklich viel (für mich mit dem midi-monsieur geht’s, weil er ja noch nicht zahlt außer Reservierung). Und wenn man in Köln oder Hannover seinen Anschluss nicht bekommt, ist man auch schnell 4 Stunden unterwegs. Auto ist zeitlich und preislich dazwischen, aber MICH kostet das Nerven (auch bzw. gerade wenn meine Eltern fahren).

Und bislang hatten meine Eltern keine wirklich negativen Erlebnisse gehabt (oder haben sie die einfach nur verschwiegen?). Daher dachte ich, dass der midi-monsieur und ich das auch mal probieren können.

Allerdings habe ich es nicht mit Bussen. Ich finde Busse im ÖPNV schon schrecklich, aber Reisebusse gehen gar nicht. Vermutlich haben mich die vielen Chorfahrten anno dunnemal traumatisiert. Außerdem ist diese Straßenverkehrsabhängigkeit einfach grauenhaft – insbesondere zu Stoßzeiten. Aber der Preis war wirklich verlockend.

Als Abfahrtszeit 15h35 in Frankfurt am Freitag anzusetzen, ist so gerade auf der Grenze. Etwas später und ein Stau auf der A5 ist sicher. Ich war kritisch optimistisch. Und weil es unser erstes Mal mit dem Bus war, waren wir ziemlich zeitig am Busbahnhof und hatten gut 40 Minuten bis zur Abfahrt.

16h20 Diese Verspätung wird unerträglich; vor allem mit Blick auf den Verkehr, der uns in und um Frankfurt erwarten wird: Mit jeder Minute, die wir später abfahren, wird es dichter sein. Ich gucke auf der Bahn-App nach Alternativen. Leider zu teuer so auf dem letzten Drücker.

Meine Laune ist gerade sehrsehr schlecht, wenigstens kann mich der Gedanke an die Rückfahrt aufmuntern.

Das ist ehrlich gesagt mein wirklich großes Problem an diesem bekloppten Unterfangen: Die zwei Heinzel in Grün vor Ort waren zum Teil gar nicht oder nur schlecht auskunftsfreudig. Es kam nicht einmal ein Wort des Bedauerns, dass wir so lange warten müssen. Und der Busfahrer hielt es auch nicht für nötig, die Verspätung zu entschuldigen und/ oder zu erklären. Auch kam von ihm kein Wort, wann wir denn voraussichtlich die erste Station nach Frankfurt erreichen würden. Gut, das ließ sich zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht sagen, denn …

Es wird nicht besser, meine Laune wird immer schlechter. Ich bin beeindruckt, wie gelassen die Mitfahrenden die immense Verspätung nehmen. KEINER sagt irgendein Wort. Ich muss was tun. Fahrer zur Minna machen fällt aus.

Derweil geht es – nicht unerwartet – völlig zäh voran.

Ich habe schon fast nicht damit gerechnet, aber …

Wirklich fröhlich stimmt mich das nicht. Wenigstens erkenne ich in meinem „Zorn“, wo wir kurz darauf sind.

Allerdings erkenne ich sonst nichts von Gießen, während wir durchfahren. Naja, nach 17 Jahren ist das verzeihbar. Um mich aufzumuntern, bediene ich mich an einem liebgewonnenen Running Gag.

Der daraus entstehende kurze Tweetwechsel verhindert aber nicht, dass ich auf die Uhr schaue.

Immer noch kein Wort. Die nun folgende Strecke kenne ich. Daher bin ich sehr verwundert, als es auf einmal links ab geht. Wenigstens mit Ansage

Wie mir meine Eltern viel später, als wir endlich angekommen waren, erklärten, hat diese technische Pause nichts mit einer Panne zu tun, sondern wäre regulär: Fahrerwechsel (bei uns schon in Gießen wegen der Verspätung), Toiletten-Wasser-Irgendwas und so. Das konnte (oder wollte?) mir das Twitter-Team von Flixbus allerdings nicht erklären, stattdessen bekam ich folgende DM: 2016-07-02-00.26.00.png.pngInteressanterweise beobachte kurz drauf, wie der Fahrer aufgeregt via Headset telefoniert und uns dann mit einer Ansage beglückt

Er hat auch was von Zeit aufholen gemurmelt, allerdings ist das auf der Strecke nicht wirklich möglich und als Reisebus mit Geschwindigkeitsbeschränkung schon mal gar nicht. Immerhin bekomme ich Dinge zu sehen, die ich sonst nicht sehe, weil ich ja mit dem Auto nicht durch die Käffer fahre, sondern nur daran vorbei. So darf ich um 19h46 feststellen, dass Frankenberg einen sehr schick renovierten Bahnhof hat.
Kurz drauf zeigt sich, dass der midi-monsieur auch nicht fürs Busfahren gemacht ist. Er ist etwas grün um die Nase. Wir versuchen, dass er sich irgendwie etwas langstrecken kann. Wenigstens fährt der Bus …

Nach einem Halt in Korbach befinden wird uns im Niemandsland zwischen Bad Arolsen und Autobahn.

2016-07-02-00.28.12.jpg.jpgIch kenne die Strecke, denn letztlich ist es die Strecke, die ich auch mit dem Auto fahre (wenn ich denn mal mit dem Auto zu meinen Eltern fahre) und fange unwillkürlich „And now, the end is near …“ zu intonieren. Ja, wenn jetzt nichts mehr passiert, dann ist ein Ende dieser Höllentour tatsächlich in Sicht. Dauern wird es aber locker noch anderthalb Stunden.

Passenderweise erzählt mir meine Mutter, dass sie gerade heute für einen Betriebsausflug in Paderborn war.

Jetzt dauert es nicht mehr lang und ich organisiere den weiteren Abend. Ich trinke wirklich selten Alkohol, weil bzw. wenn ich genervt bin. Aber diese Busfahrt verlangt danach.

Dann befinden wir uns bereits auf Bielefelder Stadtgebiet…

Man glaubt es fast nicht, dass wir um 22h06 tatsächlich aus dem Bus in Bielefeld aussteigen können.

Bei meinen Eltern gibt es endlich was zu essen (seit 14h00) und ich weihe meine Eltern in die hohe Kunst des Mispelchen-Genusses ein.
2016-07-02-00.29.22.jpg.jpgDanke, habe fertig.

2 Gedanken zu „Wenn eine eine Reise tut, …

  1. Pingback: Nie wieder | Groß-Stadt-Ansichten

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