Stolperstein

Der midi-monsieur brachte ja schon mehr als einmal eine komische Meinung zu den Flüchtlingen nach Hause. Und ich bekam ihn nicht wirklich zu packen. Ihm war diese ganze Thematik nicht geheuer. Nun war aber auch eine ganze Weile Ruhe.

Noch gar keine „ganze Weile“ – um genau zu sein seit dieser Woche – gibt es in der nächsten Querstraße einen Stolperstein. Der liegt genau auf dem Weg zu unserem „kleinen“ Supermarkt. Ich hatte ihn schon vor ein paar Tagen bemerkt. Ich muss ja sagen, dass ich diese Art zu mahnen und erinnern sehr gut finde. Man stolpert wirklich drüber und ich habe das Gefühl, sie gerade überall zu sehen, seitdem ich Amon (amazon-Partnerlink) lese.

Als der midi-monsieur und ich heute vom kleinen Einkauf kamen, fiel ihm der Stolperstein auf: „Mama, hat hier auch einer gelebt, der geflüchtet ist?“ Ich war etwas verwundert, dass er überhaupt etwas mit dem Messingstein anfangen konnte, erinnerte mich dann aber dunkel daran, dass es letztens irgendwo auf kika Thema war. Ich überlegte, wie und was ich ihm erzählen sollte.
„Hier hat ein Jude gewohnt.“ (Natürlich könnte es auch ein aus anderen Gründen politisch Verfolgter gewesen sein. Aber das war mir zu viel Info fürs Kind.)
„Ein Jude ist sowas wie ein Christ, oder?“
„Ja, genau. Juden sind sowas wie Christen oder Moslems. Und damals kurz vor und während des zweiten Weltkriegs haben welche – die Nazis – gesagt, dass die böse sein und dass die nicht mehr in Deutschland leben sollen.“
„Und dann sind die geflüchtet.“
„Wenn sie noch konnten, sind sie geflüchtet, aber die meisten sind verhaftet worden.“
„Und was ist mit denen passiert?“
„Die sind in große Gefängnisse gekommen.“
„Und da?“
„Da mussten sie arbeiten, wenn sie konnten. Aber die bekamen ganz wenig zu essen und waren schnell schwach.“
„Und dann sind die gestorben.“
„Ja, sie sind gestorben oder sie wurden getötet.“
„Warum?“
„Weil die Nazis die nicht in Deutschland wollten.“
„Wie sind die umgebracht worden?“
Puh, ich schlucke: Wie detailliert kann und soll ich das einem fast Siebenjährigem erklären. „Zum Teil wurden die erschossen, aber die hatten auch spezielle Häuser in den Gefängnissen, wo alle die sterben sollten, rein mussten und dann wurden ganz viele auf einmal umgebracht.“
„Wie?“
„Mit einem giftigen Gas.“
„Und dann begraben?“
„Auch nicht richtig. Die kamen alle in eine große Grube. Es gab kein Grab für jeden einzelnen. Das waren ja richtig viele, die die Deutschen umbringen wollten.“
„Und dann haben sich ganz viele Länder zusammengeschlossen und gegen Deutschland gekämpft und besiegt.“

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie wir dann den Dreh auf die Flüchtlinge, die seit letztem Jahr nach Deutschland kommen, bekamen, aber auf einmal schien es dem midi-monsieur einleuchtend, dass man „sein“ Land nicht für sich behalten darf. Dass eine friedliche Welt von einem regen Austausch der Kulturen lebt, dass wir immer was von anderen Menschen, Kulturen, Ländern lernen können. Dass es doch spannend ist, Neues kennenzulernen und zu gucken, was das Besondere an den Menschen (die kommen) ist.

Ein Gedanke zu „Stolperstein

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