V wie …

… Verzweifelung, Vereinbarung, Vernunft.

Puuuh, ich bin ein bisschen verzweifelt. Denn der midi-monsieur ist verzweifelt. Er würde es zwar so nicht benennen, aber er verzweifelt gerade an seiner Situation. Und ganz ehrlich: Sie ist in der Tat etwas scheiße. Zumindest war sie das im vergangenen Sommer und es hängt ihm immer noch nach.

Da er in der Kita keinen Hortplatz bekommen hat, musste er Im August die Einrichtung wechseln. Aus seiner bisherigen Kita kam nur ein Kind mit. Und das war genau das Kind, mit dem es schon in der Kita nicht gut gelaufen ist. Ansonsten: 52 neue Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren.
Dann kam die Schule. Da ist er zwar mit acht Kindern aus der „alten“ Kita zusammen in der Klasse, aber bis auf eine sind das keine Kinder, mit denen er wirklich eng war. Aber das hätte er in keiner Klasse gehabt. Denn sein einer bester Kita-Freund ist weggezogen, der andere musste auf eine andere Grundschule gehen. Die acht Kinder aus dem neuen Hort, die mit ihm in der Klasse sind, kannten sich auch schon gut untereinander oder waren zumindest eingespielte Zweiergespanne. Das Resultat: Er stand und steht leider immer noch allein auf weiter Flur.
Und er muss leidvoll erfahren, dass er auf einmal mit seiner offenen Art nicht ankommt.* Er spürt Mauern, weiß nicht, warum und wie er sie überwinden kann.

Dazu kommt, dass er das Prinzip Schule nicht gut findet. Mit 19 anderen Kindern in einem Raum sitzen, stresst ihn. Er hat es – so gerne er Menschen um sich hat – nicht mit Großgruppen. Das ist ihm zu laut, zu wuselig, schlicht zu viel. Und anstelle sich das wirklich einzugestehen und zurückzuziehen, überspielt er das mit Clownerie, Albernheit, Lautstärke. Er stört den Unterricht und hält sich nicht an Regeln.

Im Elternheft stand bereits vor Weihnachten eine „Rüge“ der Mathelehrerin: Der midi-monsieur würde im Unterricht pfeifen. Ich solle mit ihm über „dieses negative und störende Sozialverhalten“ sprechen. Das habe ich getan. Zudem habe ich die Mathelehrerin gesprochen. Ich halte viel von ihr, aber mir fehlt ein bisschen die Empathie. Und damit meine ich nicht, dass sie den midi-monsieur verhätscheln soll, aber vielleicht mal zu hinterfragen wäre nicht schlecht und vielleicht auch mal der Mutter wenigstens zuzuhören, die ihr Kind ja dann doch etwas länger kennt. Aber gut.
Der midi-monsieur und ich besprachen das Ganze. Er erklärte mir, warum. Und so sehr ich ihn verstehen kann in seiner Verzweiflung, erklärte ich ihm, dass er mit Stören und unangenehmen Auffallen nichts (Positives) erreicht. Und dass Sich-Zurückhalten-im-Unterricht so wäre wie Zähneputzen: Er macht es für sich. Ja, das versteht er.

Wir vereinbarten, dass er bittedanke den Unterricht nicht mehr stören solle. Und dass ich dazu immer wieder Rücksprache mit seinen Lehrerinnen halten werde und wenn es schon mal bis zu den Osterferien besser funktioniert, bekommt er ein Lego-Set.**

Letzte Woche dann aber wieder ein Eintrag zum Thema Unterrichtsstörung (und dass er sogar aus dem Unterricht geschickt wurde). Von der Musiklehrerin. Als ich ihn darauf anspreche und frage, ob er unsere Vereinbarung vergessen habe, muss ich bei seiner Antwort aufpassen, nicht zu lachen: „Ja, Mama, aber wir hatten nur besprochen, dass ich bei der Mathe- und der Klassenlehrerin weniger Quatsch machen soll.“ Ähmja, das stimmt, die Musiklehrerin mit ihrer vereinsamten Stunde pro Woche hatte ich nicht auf dem Schirm. „Außerdem“, führt er weiter aus, „durfte ich dann ja zur Mathelehrerin in die Klasse und da mitmachen.“ Was soll ich dazu sagen?! Ich erkläre ihm, dass er sich in der Schule nicht aussuchen kann, welche Fächer er hat und welche nicht. (So toll ich es finde, dass er gerne Mathe macht.) Zudem sollte es doch kein Problem sein, sich die eine Stunde mehr zu benehmen. Der Musikunterricht wurde daraufhin in unsere Vereinbarung eingeschlossen.

Ich weiß, dass er das alles versteht. Dass die Vernunft da ist. Und ich hoffe, dass die Vernunft über die Verzweiflung siegt, damit er sich nicht weiter selbst im Weg steht.

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* Er hatte bislang nirgendwo Probleme, Anschluss zu finden. Auf dem Spielplatz geht er offen auf andere Kinder zu und fragt, ob er mitspielen kann. Was in 90 Prozent der Fälle auch immer klappt.

** Ich bin der Auffassung, dass ich ihm einen Anreiz bieten muss, damit er sein Verhalten ändert. Dieser Anreiz sollte natürlich eigentlich sein, dass es langfristig besser läuft für ihn. Aber so viel Weitsicht kann ich nicht verlangen. Also katalysiere ich den Prozess mit Bestechung einem Deal einer Vereinbarung.

Ein Gedanke zu „V wie …

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