Zauber erhalten

Gestern kam ein Päckchen bei uns an. Von meinen Eltern. Ich ging davon aus, dass es zum Nikolaus sein sollte, machte aber den Fehler und sagte dem midi-monsieur, dass es für ihn sei. So stand es ja drauf. Und natürlich wollte er es so-fort öffnen. Ich sagte, dass es vom Nikolaus sei und erst heute geöffnet werden dürfte. Er war zu neugierig. Wollte es unbedingt aufmachen. Daraufhin meinte ich, dass ich den Nikolaus anrufen würde, um zu fragen, wann es geöffnet werden könnte.

Der midi-monsieur trollte sich in sein Zimmer. Ich wählte die Nummer meiner Eltern. „Hallo“, meldete sich meine Mutter. „Hallooo. Sind da die Wichtel vom Nikolaus?“, antwortete ich. Meine Mutter schwieg äußerst laut und perplex. Ich musste sehr lachen. Ich klärte mit ihr, dass das Päckchen natürlich erst für den Nikolaustag sei, da kam auch schon der midi-monsieur um die Ecke und schaute mich erwartungsfroh an. „Wie ich dir gesagt habe, das Päckchen ist erst für morgen“, teilte ich ihm mit; meine Mutter war immer noch am Telefon. Er war enttäuscht und ich setzte nach: „Das sagt der Wichtel vom Nikolaus.“ Große Augen starren mich an: „Nein, das glaube ich nicht. Du telefonierst mit Oma.“ „Nein, das ist ein Wichtel vom Nikolaus. Willst du mit ihm sprechen?“ Er schnappte sich das Telefon. Meine Mutter meldete sich mit verstellter Stimme. Das Kind guckte irritiert. Nein, nein, so klingt Oma nicht. Oder doch?! Er ließe sich auf eine Gespräch ein. Man sah, wie es bei ihm ratterte: Oma? Doch nicht Oma? Meine Mutter machte ihre Sache gut.

Aber so ganz glauben wollte er es nicht und doof ist er auch nicht. Und weil er eh über die Freisprechfunktion telefonierte, beguckte er sich das Display. Ähhja, daran hatte ich nicht gedacht: Dort wird ja der Name des Gesprächspartners – sofern eingespeichert – angezeigt. Und so mühte er sich redlich zu lesen entschlüsseln, was da stand. (Ich habe meine Eltern mit Nachnamen sowie Wohnort-Kürzel eingespeichert.) Aber so gut klappt es einfach noch nicht mit dem lesen. Und irgendwie waren es andere Buchstaben als er erwartet hatte, denn O, m und a kommen im eingespeicherten Namen nicht vor.

Irritiert beendete er das Gespräch und wusste nicht, was er denken sollte. Mit rauchendem Kopf ging er wieder in sein Zimmer. Ich telefonierte noch kurz weiter mit meiner Mutter, da kam der midi-monsieur wieder vorbei: „Hah, wusste ich es doch: Du telefonierst mit Oma!“ „Nein, die habe ich jetzt gerade erst angerufen“, flunkerte ich, „Willst Du ihr hallo sagen?“ Er nahm den Hörer und unterhielt sich kurz mit Oma. Man sah förmlich, wie er die Stimmen abglich und schwer grübelte, ob es vorhin nicht vielleicht doch Oma und kein Wichtel vom Nikolaus war. Ich musste schmunzeln.

Ja, die Sache mit dem Nikolaus bzw. Weihnachtsmann bzw. Christkind hat erste Risse bekommen, aber so ganz scheint er sich den Glauben daran nicht nehmen lassen wollen. Dieses Jahr klappt es noch, aber ich denke, baldbald ist der Zauber vorbei.

2 Gedanken zu „Zauber erhalten

  1. Hallo -ich habe ein bisschen geschummelt – ich habe ganz viel von Ihrem blog in einem Stück gelesen, weil ich es so toll finde. wie Sie das alles machen – ganz große Klasse. Und gerade zum Nikolaustag – oh vorbei schon? – hatte ich heute auch ein schönes Erlebnis mit einem Freund meines Sohnes – er übernachtete unangekündigt und hatte plötzlich volle Schuhe:) Beide sind schon 18, aber Zauber geht immer. Vielen Dank, viel Kraft und alles, alles Gute!

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