Eingebrannt (2)

Als ich mit dem Kv zusammen war, war ich extrem wenig abends aus. Eigentlich gar nicht – abgesehen von Weihnachtsfeiern. Ich überlege gerade ernsthaft, damit ich ihm nicht Unrecht tue, aber ich kann mich tatsächlich nur an einen Abend erinnern:

Eine Freundin hatte mich eingeladen, sie auf eine Modenschau zu begleiten. Es war ein netter, lustiger und interessanter Abend. So um Mitternacht dachten wir über den Aufbruch nach Hause nach und als ich da kurz auf mein Handy schaute, sah ich viele sms und Anrufe in Abwesenheit. Alle vom Kv. Mir schwante nichts Gutes. Es dauerte ein bisschen, bis eine Limousine des Fahrdienstes frei war und uns nach Hause brachte. Ich hatte in der Zwischenzeit versucht, den Kv zurückzurufen bzw. diskutierte per sms mit ihm. Unschön. Wirklich unschön. Und mit einem sehr mulmigen Gefühl stieg ich aus dem Auto.

Zurecht, wie ich an der Wohnungstür merken sollten. Denn die war nur nicht abgeschlossen, sondern auch noch von innen mit der Kette gesichert. Und in der Wohnung ein aufgebrachter Mann, der mit dem Kind auf dem Arm vor dem Türspalt stand und mich wüst beschimpfte, mir mit der Polizei drohte und mich nicht reinlassen wollte. Weil, ja, weil ich nicht ans Telefon gegangen war, als er angerufen hatte, weil ich mich nicht für mein schreiendes Kind interessieren würde, weil ihm mal wieder ein Pups querlag. Irgendwann ließ er mich dann doch rein.

Danach hatte ich keine Lust mehr abends auszugehen. Ich unternahm nur noch nachmittags und am Wochenende etwas. Und eigentlich immer hatte ich den midi-monsieur dabei. Gewissermaßen als Sicherheitspfand gegen seine Eifersucht. Was auch ganz gut funktionierte.

Allerdings wäre der Kv nicht der Kv, wenn er nicht trotzdem irgendetwas gefunden hätte, um mir selbst diese harmlosen Spiel-Verabredungen mit anderen Müttern und deren Kindern madig zu machen: Es war so gut wie nie möglich, dem Kv ein-zwei-drei Stunden vor Verabredung zu sagen: „Ach übrigens, ich bin dann und dann mit XY verabredet.“ Sofort folgte ein Verhör, seit wann die Verabredung stünde, warum ich ihm nicht früher Bescheid gegegben hätte, was er in der Zeit alleine machen solle. Neben eingebildeten Nebenbuhlern war Sponanität sein zweiter großer Feind.

Nun war es so, dass der Kv den midi-monsieur besucht hat.* Und nicht nur das (vermutlich wird mich die eine oder der andere für lebensmüde verrückt erklären oder zumindest lernunfähig, wenn man bedenkt, was alles vor (etwas über) einem Jahr passiert ist): Er hat sogar bei uns übernachtet. Drei Nächte** – von Donnerstag bis Sonntag.

Wir einigten uns sogar darauf, dass das Ganze eine Überraschung für den midi-monsieur sein sollte und sagten ihm im Vorfeld nix. Auch, damit er sich nicht unnötig stresst, weil er sich so auf den Papa vorfreut.

Es ging auf, aber auch fast nach hinten los: Als der Kv klingelte, schickte ich den midi-monsieur an die Tür und blieb im Hintergrund. Das Kind sah den Papa und schwankte kurz zwischen Freude und Angst. Das konnte ich an seinem verhaltenen „Papa“ hören. Er war sich nicht sicher und machte die Tür fast wieder zu, als der Kv sagte: „Mama weiß Bescheid.“ Er sicherte sich per Blick bei mir ab. Ich nickte ihm zu und sagte nur: „Alles in Ordnung.“ Erst da kam die Freude und er vergrub „Papa“ seufzend seine Nase im Bauch vom ebendiesem.

Es waren insgesamt recht entspannte Tage. Freitag hatte das Kind seine erste Aikido-Passage, dessen Bestehen wir zusammen in einem Restaurant feierten. Der Samstag sollte den beiden gehören. Ich erledigte meine Sachen und ging am späten Nachmittag zur Geburtstagsfeier von Frau Novemberregen. Das hatte sich am Vortag erst ergeben und es hatte sich nicht ergeben, mit dem Kv darüber zu sprechen. Hätte ich ja auch nicht gemusst.

Und trotzdem hatte ich ein latent schlechtes Gewissen, als ich den Kv per sms, er war nämlich gerade mit dem midi-monsieur auf dem Spielplatz, darüber informierte, dass ich voraussichtlich nicht zum Abendessen da sei.

Es war außerordentlich nett und lustig da drüben im Osten 😉 Aber je weiter der Abend fortschritt und „immer noch“ keine Antwort vom Kv im Sinne von „OK. Viel Spaß.“ kam, desto unruhiger wurde ich – innerlich. Aber ich unterhielt mich gut. Ich ließ den ersten angepeilten Bus fahren. Ich versuchte das ungute Gefühl zu ignorieren. Dann spielten wir Tabu und zwei weitere Busse furen ohne mich. Ich hatte mittlerweile beide Schultern besetzt: „Du darfst ausgehen. So haben Vater und Sohn mehr Zeit für sich.“ vs. „Das war nicht richtig abgesprochen. Herrje, du weißt doch, wie empfindlich er auf sowas reagiert.“

Es war definitiv nach Mitternacht, als mich die liebe Frau Fragmente bei mir absetzte. Der Kv war noch wach. Ich bekam immerhin ein „Bonsoir“ zu hören. Ich drückte dem Kind einen Kuss auf und kruschpelte noch kurz in der Wohnung.

So wie ich am nächsten Morgen vom Kv begrüßt wurde, vermute ich stark, dass es sehr in ihm brodelte, aber er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen – außer, dass er just in dem Moment, in dem ich ins Wohnzimmer kam, anfing das Frühstück abzuräumen ohne mich zu fragen, ob ich noch was essen möchte. Im Laufe des Tages war es aber wieder gut.

Vielleicht überinterpretiere ich da auch was, weil ich da halt so gebrandmarkt bin nach all den Jahren. Vielleicht hat er auch dazu gelernt. Auf jeden Fall muss ich es irgendwie schaffen, diese Brandnarben irgendwie verschwinden zu lassen oder zumindest sie zu ignorieren.

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* Er schien nach den Ereignissen in Paris Sehnsucht nach seinem Kind zu haben.
** Er hatte schon einmal eine Nacht hier übernachtet, als er den midi-monsieur für die Herbstferien abgholt hatte. Da kam er spät, belud das Auto mit seinem Kram aus dem Keller und fuhr am nächsten Tag recht früh wieder mit dem Kind gen Frankreich. Er knapp 14 Stunden anwesend.

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