Adrenalin

Ich wohne ja Parterre. Zur Straße hin könnten uns die Leute in die Wohnung gucken, wenn ich keine kleinen Gardinen hätte. Nach „hinten“, zur Hofseite, haben alle Zimmer Zugang zum Terrassen-Balkon. Es gibt Tage, an denen mir das egal ist und an manchen ist mir das nicht ganz geheuer.

Gestern abend fiel mir mal wieder das Einschlafen schwer und so durchsuchte ich noch bis spät meine Rezepte-Sammlung für das X-Mas-Dinner. Als ich dann endlich im Bett war, las ich noch kurz, wobei mir die Augen zufielen.

Bis es auf einmal ein ziemlich lautes Poltern zu vernehmen war – vom Balkon. Oder doch aus der Wohnung? Aber es klang mehr vom Balkon. Mein Adrenalin-Spiegel schoss in die Höhe: Die Mitbewohnerin ist ja immerhin eine bekennende Ohne-Rolladen-Schläferin, die Balkontüren – naja, halt keine Panzertüren – und der Balkon letztlich auch erkletterbar. Ich zitterte und aus meinem Zimmer traute ich mich auch nicht raus. Also machte ich erstmal das Licht aus und versuchte über ein kleines Fenster auf den Balkon zu spähen. Nichts.

Ich lauschte in die Nacht. Nichts.

Auch aus dem Zimmer der Mitbewohnerin – und das Geräusch kam eher von dieser Seite des Balkons – war nichts zu vernehmen. War sie womöglich im Schlaf überwältigt worden?! Mir wurde etwas schlecht. So ganz klar denken konnte ich kurzfristig nicht.

Ich lauschte weiter. Nichts.

Also setzte ich mich aufs Bett, was so viele Geräusche machte, dass ich fast die Polizei gerufen hätte. Ich verharrte dort und starrte auf die angelehnte Tür: Bewegte sie sich etwa doch?!

Ich lauschte. Nichts.

Vielleicht kam das Poltern doch aus der Wohnung?! Vielleicht die Kochbücher, die ich ja kurz vorher noch bewegt hatte?! Die stehen da, wo sie stehen, ja nicht so um- und runterfallsicher. Ich traute mich aber nicht nachzugucken.

Eine Stunde später war ich sehr müde, aber immer noch am Zittern. Da kam der midi-monsieur rübergewandert – ohne Zwischenfälle. Also traute ich mich raus aus meiner Höhle meinem Zimmer: Die Kochbücher standen noch an ihrem Platz. Es muss also vom Balkon gekommen sein.

Ich versuchte mich zu beruhigen: Vielleicht eine Katze, die auf den Kunststoff-Eimern rumgehüpft ist und damit eine leere in Bewegung gesetzt hat. Oder „unser“ Eichhörnchen.

Ich schlief ein.

Heute morgen dann wollte ich auf dem Balkon gucken gehen. Kam aber nicht weit. Denn schon von „Weitem“ sah ich’s: Der Sonnenschirm war umgekippt und so wie er dalag, musste er gegen die Balkontür des Mitbewohnerinnenzimmers gefallen sein, dessen Rollanden zur Hälfte unten war.

wpid-2015-11-10-19.40.25.jpg.jpegJaja, und ich dachte am Sonntag noch beim Balkonaufräumen, dass der Sonnenschirmständer wohl seine stabilsten Zeiten hinter sich hat.