Die Zahnfee ist tot

Offen gestanden hat die Zahnfee gar nicht gelebt – also bei mir nicht. Beim midi-monsieur eigentlich auch nicht, wusste er doch, dass ich es wäre, die Zahn gegen Geschenk/ Münze tauscht, wenn es denn diesen Tausch gebe.

Seit einigen Wochen wackelte ein unterer Schneidezahn. Der bleibende Nachfolger schob sich dahinter schon durch. Liebevoll nannte ich mein Kind zwischenzeitlich „meinen kleinen Hai“. In den Herbstferien hatte auch schon der Nachbarzahn angefangen durchzubrechen.

Gestern war es dann endlich soweit, der Wackler fiel beim beherzten Biss ins Abendbrot aus. Es blutete kurz, aber der midi-monsieur blieb cool. Nein, gucken wollte er nicht, lieber weiteressen. Ich suchte die tolle Dose, die wir zufällig von Oma abgestaubt hatten.

wpid-2015-11-03-22.56.59.jpg.jpegBeim Zähneputzen war er relativ entspannt und es schien auch nicht weh zu tun. Bei der anschließenden Überlegung, wo er schlafen wolle, schien er einen Moment zu zögern: „Mama, ich schlafe heute nochmal bei Dir. Den Zahn kann ich ja auch noch morgen unters Kopfkissen legen.“ „Und was soll dann passieren mit dem Zahn?“, tat ich unwissend. Der midi-monsieur grinst mich unsicher an: „Na, dann wird der gegen einen Euro getauscht.“ „Wer macht das denn?“ „Du! Du gibst mir dann einen Euro für den Zahn.“

Wir hatten diese Diskussion schon mal. Als noch gar nichts gewackelt hatte. Aber die ersten Freundinnen und Freunde hatten schon Zahnlücken und wohl erzählt, was die vermeintliche Währung für einzelne Zähne sei. Und schon damals hatte ich ihm nichts versprochen.

Ich habe kein Problem damit, mein Kind mit „Sachleistungen“ zu belohnen. Für Dinge, die er leistet. Er bekommt z.B. Yo-Gi-Oh-Karten fürs Schlagzeugüben (damit er es überhaupt tut, um zu sehen, welchen Effekt üben haben kann) oder kann sich mit bestimmten Aktionen Handy-Minuten verdienen (der Lego-Vertrag wurde in einen Handyspiel-Vertrag umgewandelt). Ich lehne auch nicht kategorisch ab, (gute) Zeugnisse zu honorieren – womit auch immer.

Ich habe aber ein Problem damit, Dinge zu „belohnen“, die passieren, weil das der Lauf der Natur oder sonst was ist – wie im Fall des Zahnausfalls. Natürlich ist das für den midi-monsieur ein besonderer Moment, aber es ist – mal ganz nüchtern betrachtet – keine besondere Leistung. Außer am Zahn zu wackeln und/ oder harte Brotkanten zu nagen, hat man ja kaum Möglichkeiten, irgendwas dazu beizutragen, dass der Zahn rausfällt.

Natürlich war der midi-monsieur nicht besonders erfreut, als ich ihm erklärte, dass es von mir kein Geld (oder was anderes) für den Zahn gäbe. Dass ich ihm aber gerne morgen sein Lieblingsessen machen würde. „Die anderen haben mehr Rechte als ich“, muffelte er vor sich hin. Ich erklärte es ihm genauer. Er tat sich schwer das anzunehmen, fühlte sich immer noch ungerecht behandelt. Aber ich merkte, dass es ihm letztlich gar nicht um das Zahngeschäft im besonderen, sondern um den schnöden Mammon ging, dem kleinen Calvinisten, und erwähnte, dass ich ihm jeden Monat – einfach so – Geld auf sein Konto überweise. Und schwupps, war die Zahnfee das Zahngeld kein Thema mehr.

Ein Gedanke zu „Die Zahnfee ist tot

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