Sätze, die mir als Alleinerziehende egal sind

Vielleicht bin ich noch nicht lange genug alleinerziehend. Vielleicht bin ich „glücklicherweise“ auch nur mit einem Kind allein. Vielleicht sehe ich Dinge auch einfach anders. Vermutlich ist es alles zusammen, weswegen ich heute etwas irritiert in den Rechner starrte, als ich den aktuellen Post von „Mama arbeitet“ las.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es ihr damit so geht, aber meine Alleinerziehenden-Sicht auf die Sätze ist sehr anders – mal ganz abgesehen davon, dass ich sie auch noch nicht wirklich zu hören bekommen habe:

1) Sei froh, dass dir keiner in die Erziehung reinredet.

Ja, das bin ich. Denn es war nicht immer einfach, die zum Teil wirklich sehr unterschiedlichen Sichtweisen auf die Erziehung miteinander zu vereinbaren. Was aber nicht heißt, dass ich die Erziehung des midi-monsieurs mit mir allein ausmache. Da sind zum einen meine Freundinnen, die mir Feedback geben, und zum anderen auch meine Mutter, die ich jederzeit fragen kann, die mir Tipps gibt und auch eine gesunde professionelle Sicht auf die Dinge hat. Und obendrein schaffe ich es dann doch gelegentlich, mich mit dem Kindesvater ab- bzw. zu besprechen.

2) Bring doch die Kinder mal zu deinen Eltern!

Meine Eltern würden mir, wenn sie nicht so weit weg wohnen würden, vermutlich noch mehr unter die Arme greifen. Aber ich weiß, dass sie jederzeit, wenn Not an der Frau ist, kommen (können). Mein Papa ist ja zum Glück verrentet und hat auch einen guten Draht zum midi-monsieur, sodass er jederzeit einspringen würde. Und das würden sie auch machen, wenn ich mehr Kinder hätte.
Nach der Trennung habe ich auch überlegt, ob es nicht sinnig wäre, in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Das kam aber in dem Moment beruflich nicht infrage. Außerdem wollte ich den midi-monsieur nicht schon wieder irgendwo rausreißen. Wir waren ja erst ein Jahr zuvor umgezogen.
Aber sollte ich merken, dass das alles hinten und vorne nicht klappen sollte, und ich wüsste, dass ich anderswo mehr Unterstützung bekäme, würde ich die Option in Betracht ziehen.

3) Die Nachbarn können doch mal einspringen!

Die direkten Nachbarn im Haus vielleicht nicht. Aber da wäre zum einen die mitwohnende Freundin, die gerade abends gerne mal auf den midi-monsieur aufpasst. Außerdem haben wir noch zwei, drei befreundete Familien in der Nähe, wo der midi-monsieur bei Bedarf auch mal über Nacht bleiben kann (und auch schon tat).
Das sähe möglicherweise mit mehr als einem Kind anders aus.

4) Ich bin unter der Woche auch alleinerziehend.

Ich finde, dass man das nicht unterschätzen darf. Bei Vielen schärfen solche Situationen erst das Bewusstsein für Alleinerziehende. Die Wenigsten, die zumindest abends und morgens zu zweit mit dem/ den Kind/ern sind, können sich wirklich vorstellen, wie es ist, wenn man 24/7/365 ganz allein für die Brut zuständig ist und haben davon entweder eine sehr wild-romantische Vorstellung oder total Angst davor.
Ich kenne diese Situation auch von zu Hause: Mein Vater war den Großteil meiner Zeit, die ich bei meinen Eltern gewohnt habe, nur am Wochenende oder sogar nur alle zwei Wochenenden zu Hause. Mein Mutter war defacto alleinerziehend. Ich weiß auch nicht, welche Erziehungsarbeit mein Vater in dieser Zeit geleistet hat.
Wenn Pendelei zum Familienalltag gehört, ist es einfach so, dass der Elternteil, der bei den Kindern ist, einen Großteil der ,wenn nicht die ganze, Erziehungsarbeit leistet. Und der pendelnde Elternteil erscheint als Event, macht tolle Sachen mit den Kindern, denn wer möchte schon die wenige Zeit mit den eigenen Kindern mit Strengsein belasten.

5) Meine Oma hat das nach dem Krieg auch alleine geschafft, die hatte sogar 7 Kinder.

Alleinerziehenden geht es an vielen Stellen nicht gut. Und sicherlich werden wir auch stark benachteiligt, ABER ich finde, dass ein Blick über die Schulter Richtung „Früher war alles besser“ auch mal ganz gut hilft, zu sehen, welche Möglichkeiten Alleinerziehende heute haben. Es kann und muss sich noch viel tun, aber vieles ist doch heute sehr viel einfacher als früher.

6) Toll, wie du immer alles alleine schaffst!

Ja, das finde ich auch. Das ist ein Satz, den man mir gerne oft sagen kann. Klar schaffe ich auch nicht alles. Aber wer schafft schon alles. Und ich weiß auch, dass es bei mir eine Frage von Prioritäten, Zeiteinteilung und Arsch-hochkriegen ist.
An vielen Stellen hilft mir auch, dass der midi-monsieur immer selbstständiger wird. Ich muss nicht mehr so viel um ihn rumorganisieren, was mir mehr Zeit gibt und ich so langsam aber sicher mal meine Prioritäten und Zeiteinteilung überdenken kann und sollte.

7) Mach doch mal eine Mutter-Kind Kur! Die steht dir zu!

Habe ich ja schon. Obwohl ich da noch nicht alleinerziehend war. Das steht nämlich allen Müttern zu. Mir hat es viel gebracht. Werde ich in zwei Jahren auch sicherlich wieder beantragen.
Aber ich kann verstehen, dass es für Mütter mit mehr als einem Kind grenzwertig sein kann – insbesondere, wenn noch ein kleineres Kind dabei ist, dass viel Betreuung braucht. Ich habe Mütter gesehen, die nicht loslassen konnten. Andere, deren Kinder nicht in die Betreuung wollten. Die sich bei den „Anwendungen“ nicht entspannen konnten oder letztlich doch immer ein Kind am Rockzipfel hängen hatten. Und mit mehr als einem Kind in einem Zimmer zu wohnen, ist sicherlich auch alles andere als entspannend.

8) Ich würde ja wahnsinnig werden, wenn ich nicht abends mal raus könnte

Als ob Nicht-Alleinerziehende in einer Tour auf die Rolle gehen würden. Und sicherlich habe ich das Glück, dass ich, wie unter 2 und 3 geschrieben, ein gutes Netzwerk habe, das mir auch ab und an die Möglichkeit gibt.
Außerdem habe ich ja auch Zeiten, in denen der midi-monsieur bei seinem Vater ist und ich tatsächlich einfach mal abends raus kann.

9) Genieß die Zeit mit den Kindern, sie geht so schnell vorbei!

Ist das echt ein Satz, den Alleinerziehende zu hören bekommen? Ein/e Alleinerziehender, die/der arbeitet – wieviel auch immer -, hat ja nicht mehr Zeit für die Kinder als Mütter oder Väter, die ähnlich viel arbeiten.
Und ich genieße es garade tatsächlich sehr, dass ich durch meine Selbstständigkeit viel mehr Zeit für den midi-monsieur habe. Dass ich seinen Frust mit Schule und Hort gerade so gut abfangen und ihm die Zeit (zu Hause) geben kann, die er aktuell braucht. Dass ich für ihn da sein kann und er nicht von Schule ins Hort und dann noch von einem Kindermädchen betreut werden muss. Und das spiegelt er mir auch. Es wird sich auch wieder ändern und ich bin mir sicher, dass ich auf dem Sterbebett nicht sagen werde: „Hätte ich doch mal weniger Zeit mit meinem Kind verbracht.“

10) Braucht das Kind nicht auch ein männliches Vorbild?

Brauchen Kinder wirklich zwingend sogenannte männliche Vorbilder? Und sind Väter, die nur morgens und abends da sind, Vorbilder? Was leben die denn vor? Ich glaube ja schon, dass es für den midi-monsieur ja auch ein Vorbild ist, zu sehen, dass seine Mama arbeitet, seine Mama das Fahrrad reparieren kann und auch mal die Bohrmaschine schwingt. Sprich, dass es keine typischen Frauen- und Männeraufgaben gibt.
Der Kindesvater ist ja nicht in der Versenkung verschwunden ist. Außerdem sind in seinem Hort zwei Erzieher. Zudem schnappt er sich auch immer gerne die Partner meiner Freundinnen als Sparringspartner.

11) Und wo ist der Vater? Der muss sich doch auch kümmern!

Der ist 1.000 Kilometer weit weg. Und das ist vermutlich für uns auch ganz gut so. Ich weiß nicht, ob ich einen 14-Tage-Rhythmus toll fände – für alle Beteiligten. Der Kindesvater würde sich wohl mehr kümmern, wenn er näher dran wohnen würde, aber ob er das letztlich wirklich zuverlässig regelmäßig könnte, ist fraglich. Daher ist die Ferienlösung für uns nicht nur die einzige Möglichkeit, sondern wohl auch die beste.

12) Du hast es ja so gewollt!

Als klar war, dass es nicht mehr als Familie bzw. vor allen Dingen als Paar weitergehen kann, habe ich es so gewollt, ja! Sicherlich habe ich das nicht von Anfang an so geplant, sonst hätte ich den Kindesvater noch vor der Geburt des midi-monsieurs ziehen lassen, als er unbedingt gehen wollte.
Vielleicht ist es mein Glück, dass ich nie von der klassichen Mutter-Vater-Kind(er)-Situation geträumt habe. Daher kann ich auch nichts nachtrauern.

13) Sind alle drei Kinder von einem Mann?

Naja, hier kann ich nicht mitreden. Ein Kind kann halt nur von einem Mann sein.

9 Gedanken zu „Sätze, die mir als Alleinerziehende egal sind

  1. Danke! Nach dem Beitrag von „Mama arbeitet“ kam mir gestern schon das Gefühl, am besten nur übers Wetter und die Schildkröten reden, weil die Konversation mit Alleinerziehenden (und inzwischen wohl vielen anderen „Gruppen“), das reinste Minenfeld ist.
    Bei aller Korrektheit, bei aller vermeintlichen Unverzeihlichkeit von vielleicht taktlosen oder unsensiblen Fragen, schrumpft die Konversation mit unseren Mitmenschen irgendwann auf seichtes oberflächliches Blabla. Bloß keine Konfrontation, bloß nicht ins Fettnäpfchen treten und Achtung, die Fettnäpfchen werden immer mehr!

  2. Huhu, hatte es gestern ja bereits auf „Mama arbeitet“ kommentiert. Danke, dass du das etwas entschärfst! In der Tat ist es nämlich so, dass ich grundsätzlich überlege, bevorzugt etwas sage u dennoch habe ich das Gefühl, es wird alles zunehmend schwieriger u die Kluft zwischen Alleinerziehenden u Paaren (ich verallgemeiner hier nun mal) wird immer größer… auch weil bei dem ein oder anderen doch eine Bitterkeit vorhanden ist, die scheinbar unter der Oberfläche brodelt.

    Auch wir dürfen uns Sätze anhören, die in ihrer Sinnhaftigkeit doch auch fragwürdig sind, denn auch mit Partner ist es nicht immer rosig, leicht und ein Ponyhof. Und wenn mir dann von einer Freundin, die sich gerade trennt/getrennt hat, ins Gesicht gesagt wird, es sei für sie nicht leicht u schön sich mit Familien (ihre Wortwahl: heile Welt) zu umgeben… mh… muss ich mich doch fragen, ob sie a) mir in der Vergangenheit nicht zugehört hat, als auch ich über unsere Probleme sprach u mich b) fragen, wie ich darauf nun reagieren soll und mir c) hier nun ein Vorwurf gemacht wird, dass ich in einer Beziehung lebe u diese (noch) nicht aufgegeben habe u dies auch bedeutet täglich dran zu arbeiten.

    Ich weiss nicht, ob ich irgendwann alleinerziehend sein werde u kann dies auch nicht ausschließen – von daher weiß ich nicht, wie es mir dann geht u wie ich diese Sätze dann empfinden werde. Ich hoffe einfach, dass ich es dann schaffe, einer Lehrerin, die nach den Ferien allgemein die Klasse befragt, was die Kinder Schönes mit ihren Eltern unternommen haben, nicht an den Pranger stelle u verurteile, weil nicht alle Kinder die Möglichkeit hatten, etwas mit beiden Elternteilen zu unternehmen.
    Wir werden sehen…

  3. Nachtrag bezüglich einer Mutter-Kind-Kur:
    Habe selbst 2012 mit meinem damals 2,5 Jahre alten Sohn gemacht – und es war traumhaft. Auch hier… das muss wohl jeder selbst entscheiden, was er da mitnehmen möchte.
    Wir, nun zu Dritt ( dann 6 und 2) werden nächstes Jahr wieder fahren und die Freude ist enorm groß… die Aussicht auf die Auszeit hilft über so manche anstrengende Zeit. Ob alleinerziehend oder nicht…

  4. Dein Text hat mir als gemeinsamerziehenden Mutter gut getan und „Mama arbeitet“ ein wenig den Wind aus den Segeln genommen. Danke dafür!
    Wir sind ja alle Mamas und haben sicherlich auch sehr viel gemeinsam. Das sollte uns doch wichtig sein.

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