Sprachlos

Gestern nachmittag scrollte ich durch meine Twitter-Timeline, als sich der mini-monsieur dazugesellte und neugierig auf mein Handy guckte. „Natürlich“ war just in dem Moment ein Bild von den in den Zügen eingepferchten Flüchtlingen und auch das Bild von der kleinen Familie auf den Gleisen zu sehen. Ich war ja schon froh, dass es nicht dieses Strand-Bild war, die gerade m.M.n. pietätslos durchs Netz getrieben werden. Ich sah die Bilder in dem Moment auch zum ersten Mal, hatte nur weiter oben in der Timeline schon eins-zwei Kommentare über die Situation gelesen.

Natürlich fragte mich der mini-monsieur nach dem Bild. Was das zu bedueten hätte. Ich fing an, ihm von Flüchtlingen zu erzählen. Er guckte mich fragend an. Er schien davon in den vergangenen zwei Wochen nichts mitbekommen zu haben. Doch wie erklärt man einem 6-Jährigen, was Flüchtlinge sind?! Warum muss jemand aus seinem Land fliehen? Wie erklärt man politische Verfolgung? Was ist Asyl?

Der mini-monsieur weiß, dass es Menschen gibt, die ein Land regieren, dass das quasi die Könige sind. Daran knüpfe ich an: „Das Problem in manchen Ländern ist, dass die Könige dort alles bestimmen (möchten): Was die Menschen, die in dem Land wohnen, sagen dürfen, denken können oder glauben dürfen. Und in diesen Ländern ist jeder, der nicht so handelt, wie der König es will und sich vorstellt, ein Böser – also für den König.“ Mein Kind guckt mich so verständnislos an, wie nur jemand gucken kann, der auf der Insel der Glückseeligen in einem Land lebt, in dem Meinungsfreiheit selbstverständlich ist. „Und diese Menschen machen nichts Böses. Sie sagen vielleicht einfach nur etwas, was dem König nicht passt, wie zum Beispiel: ‚Der König pupst‘. Und weil das dem König nicht gefällt, will er diese Leute einsperren (oder schlimmere Dinge machen). Aber weil diese Leute das nicht wollen, müssen sie aus ihrem Land weggehen. Manchmal ziemlich plötzlich. Und auf unheimlichen Wegen. Die können dann nicht einfach ein Flugzeug nehmen, sondern müssen sich immer verstecken. Müssen auf unwegsamen Pfaden durch Wälder und über Berge schleichen. Oft sind Kinder dabei. Und es gibt wenig zu essen und zu trinken.“

Um ihm das ganze irgendwie auch visuell näher zubringen, schicke ich ihn los, seinen Globus (zum TipToi) zu holen.

wpid-2015-09-04-01.26.44.jpg.jpegWir gucken uns zusammen an, wo Syrien liegt und wo Deutschland ist und was da so alles dazwischen liegt und dass das ziemlich weit ist. Dann erkläre ich dem Kind, dass viele Menschen nach Deutschland wollen und umreiße ihm kurz, ohne das Wort zu verwenden, was Asyl bedeutet: „Wenn die Menschen in einem sicherern Land, zum Beispiel Deutschland, ankommen, dann können sie dort erzählen, was in ihrem Land passiert ist, warum sie fliehen mussten. Dann wird geprüft, ob das, was der Flüchtling erzählt hat, richtig ist. Solange bekommen diese Menschen zu essen und zu trinken und einen Platz zum Schlafen. Und wenn klar ist, dass es dem Flüchtling in seinem Heimatland wirklich schlecht geht und ihm Gefahr droht, dann darf er bleiben.“

Doch das erklärt noch nicht, warum es diese Bilder aus Ungarn gibt. Ich versuche, soweit ich es selbst weiß, ihm auf dem Globus zu erklären, wie die Flüchtlinge auf dem Landweg Richtung Europa kommen und dass das erste Land Europas oft Ungarn ist auf ihrem Weg nach Deutschland. Dass die Ungarn aber nicht so genau wissen, was sie mit den Flüchtlingen machen sollen. Dass die nicht wollen, dass die Flüchtlinge bei ihnen bleiben. Aber dass die Flüchtlinge auch gar nicht in Ungarn bleiben wollen, sondern weiterreisen. Und deswegen drängen so viele Leute in die Züge. Es ist etwas schwierig, ihm das alles zu erklären, ohne dass er eine wirkliche Ahnung von der Europäischen Union hat und ohne vom Dublin-Abkommen zu reden.

Aber er versteht, dass es ziemlich schwierig ist für die Flüchtlinge, zu uns zu kommen. Am Globus zeigt er Alternativrouten: „Hintenrum“ über die Ukraine und Polen. Ich erkläre, dass das keine gute Strecke sei, weil es länger dauert und auch die Länder, durch die die Flüchtlinge dann müssen, nicht so sicher seien.
Er guckt wieder auf den Globus und zeigt aufs Mittelmeer. Mir kommt _das_ Bild hoch: „Das versuchen auch viele. Aber die Leute haben ja meistens nicht so viel Geld und damit auch keine Möglichkeit, sich ein wirklich gutes Boot zu leisten. Oft sind ganz viele in einem alten Boot, das im schlimmsten Fall schon ziemlich kaputt ist und es gar nicht übers Meer schafft. Viele Menschen sind schon gestroben, beim Versuch mit dem Boot zu kommen.“
Noch einmal guckt er angestrengt auf den Globus, dreht ihn um seine Achse und versucht eine letzte Route: über Afrika. Das sei noch länger als alles andere, außerdem viel zu heiß. Der mini-monsieur nickt nur stumm.

Dann sitzen wir noch einen Moment nebeneinander, ohne etwas zu sagen, und starren auf den Globus.

Auch ich habe das Gefühl, dass mir eigentlich die Worte (und irgendwie auch das Wissen) fehlen, um all das, was gerade passiert, erklären zu können.

2 Gedanken zu „Sprachlos

  1. Pingback: Liebes Tagebuch am Fünften (September) | Groß-Stadt-Ansichten

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