Beklemmend

Schon bei der Bahnhofsviertelnacht fiel mir mal wieder auf, welche Parallelwelten das Bahnhofsviertel aufweist: Da war zum einen das hippe, feiernde Partyvolk, das das erweiterte Straßenfest am lauen Sommerabend nutzte, um unbekümmert Spaß zu haben.

wpid-20150820_233304.jpgDoch zum anderen waren dort auch die, die gewissermaßen nur im Bahnhofsviertel eine Zuflucht finden. Wie komisch muss dieses Event für diejenigen sein, die sich sonst im Schatten der Nebenstraßen verstecken (können), die höchstens in und um die Fixerstuben herum kurz in Erscheinung treten.

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FISCHER- nicht Fixer-Stube!

Ich kann nicht viel über die Frankfurter Drogenszene sagen, aber ich erinnere mich an mein erstes Mal Frankfurt vor mittlerweile über 18 Jahren. Das Bahnhofsviertel – und zwar das komplette – war wirklich fies. Die B-Ebene stank (deutlich mehr als heute) und man hatte das Gefühl, dass an jeder Ecke Geld und Substanzen die Besitzer wechselten – nicht sonderlich versteckt. Trat man aus der Zwischenebene auf die Kaiserstraße empfangen einen Menschen, die wohl alle Hoffnung verloren hatten, und als Frau allein (oder zu zweit) konnte man nicht unbehelligt die ehemalige Prachtstraße für den Kaiser entlang gehen. In die Nebenstraßen sollte man sich gar nicht erst wagen.

Seitdem hat sich einiges getan. Ob gut oder schlecht und mit welchem Effekt möchte ich mir nicht anmaßen, das zu bewerten.

Heute empfinde ich das Bahnhofsviertel sehr zweigeteilt: Es gibt den Bereich zwischen Mainufer und Kaiserstraße. Der ist sehr gemäßigt mit starker Tendenz zur Gentrifizierung. Was frei wird, wird exklusiv saniert. Teure Hotels, wie das Interconti, sind dort. Auch einige der neusten Places-to-be sind dort. Die Münchener Straße ist multikulti mit guten Imbissen/ Restaurants, den typischen Kleinsupermärkten und dem ein oder anderem Handyladen. Das Moseleck ist in diesem Teil womöglich der letzte Rest vom „alten“ Bahnhofsviertel (und es erinnert mich immer an den Silbersack in Hamburg).

Die „neue“ Kaiserstraße versucht die Pracht alter Zeit aufzugreifen. Teure Läden machen sich breit, es wirkt deutlich exklusiver als damals. Als Frau ist man zwischen den Bankern und Touristen nicht in Gefahr.

Und dann gibt es den zweiten Teil, der zwischen Kaiserstraße und Mainzer Landstraße liegt. Dort sind Fixerstuben, Laufhäuser und Sexshops. Dort riecht es sehr intensiv nach Ammoniak. Aber dort sind auch die Hochhäuser „Skyper“, „Silberturm“ und „Gallileo“ – am äußersten Rand hin zur mittlerweile bereinigten Taunusanlage und den anderen Hochhäusern. In dem Teil fühlt man sich noch ganz ok. Aber danach …

Wenn ich zu Fuß zum Bahnhof gehe – was nicht so oft vorkommt -, dann gehe ich im Normalfall über die Kaiserstraße oder Münchener Straße. Heute war ich aber so unterwegs, dass der kürzeste Weg über die Taunusstraße ging. Und während ich mich am Anfang noch über den tollen Blick auf Skyper und Silberturm sowie den Marienturm im Wachstum freute, wurde mir mit jedem Schritt Richtung Bahnhof mulmiger:

Das letzte Drittel war heute so elend anzusehen, dass ich mich nicht durchtraute, sondern die Straßenseite wechselte. Ich wagte mich dort auch nicht in den Eingang zur B-Ebene, was sicherlich schneller gewesen wäre, sondern wählte den oberirdischen Weg.

Wenn ich die hageren Gestalten, deren Look in den 1990ern en vouge war, da zitternd oder torkelnd sehe, zieht sich alles in mir zusammen und ich versuche, wenn ich schon kein Mitleid empfinden kann, wenigstens meinen Ekel klein zu halten. Leicht ist das nicht.

Ein Gedanke zu „Beklemmend

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