Es muss sich was tun

Vorweg: Ich werde hier nicht mit Zahlen und links um mich werfen, aber das, was ich schreibe, ist belegbar.
Und wer nach dem dritten Satz denkt „Och nee, schon wieder Hebammen.“ oder „Och nee, Hebammen sind so esoterisch und ich habe mit Räucherstäbchen nichts am Hut.“*, der soll sich bitte überlegen, wie sie/er selbst auf die Welt gekommen ist, wie die eigenen Kinder auf die Welt gekommen sind und wie sie/er will, dass zukünftig die eigenen Kinder, Nichten, Neffen, Enkel, Kinder von Freunden auf die Welt kommen. Wem das wurscht ist und denkt: „Irgendwie sind wir alle rausgekommen. Das bisschen Geburtshilfe schafft auch ein Arzt.“ lese bitte einfach nicht weiter.

Seit einer Woche rege ich mich auf. Ach was, seit Monaten bzw. seit über einem Jahr. Darüber, dass sich bei den Hebammen nichts tut. Also für die Hebammen. Die Berufshaftpflichtprämien steigen und steigen. Verhandlungen mit dem GKV-SV kommen zum Erliegen. Nun soll es eine Schiedsstelle richten. Die Situation ab 1.7.2016 ist immer noch ungeklärt.

Ich frage mich allen Ernstes, was falsch läuft. Ja, unser Gesundheitssystem ist nicht das beste, aber sicherlich auch nicht das schlechteste. Wir haben freie Arztwahl und auch das Recht, Behandlungen abzulehnen oder eine Zweitmeinung einzuholen. Irgendwie sind wir schon recht mündige Patienten. Dazu kommen noch diverse Vorstöße, die mit so hochtrabenden Begriffen wie „patientenzentrierte Medizin“ und „shared decision making“ daherkommen. Individualität in der Medizin steht hoch im Kurs.

Schwanger, nicht krank

Und auch wenn wir Frauen immer betonen, dass wir nicht krank, sondern „nur“ schwanger sind, so ist doch die ganze Sache mit der Schwangerschaft und dem Kinderkriegen irgendwo in der Medizin angesiedelt. Weil es halt was mit unserem Körper macht. Aber weil – zum Glück – ein Großteil aller Schwangerschaften relativ problemlos, also unpathologisch, verläuft, muss man darum letztlich doch kein medizinisches Bohei machen. Mal abgesehen davon, dass es Hebammen ja „schon immer“ gibt, ist das wohl auch der Grund, warum es überhaupt noch Hebammen gibt (bzw. warum sie seit den 1970er Jahren wieder so im Kommen sind). Denn letztlich braucht frau während der Schwangerschaft und Geburt und danach ja doch keinen Arzt, sondern nur wen, die sich bestens mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett auskennt. Es ist ja irgendwie wie mit einer Verspannung in der Schulter: Damit gehe ich auch nicht zum Orthopäden, damit er mit das Schultergelenk austauscht, sondern im Normalfall zu einem Physiotherapeuten/ einer Masseurin. Wer möchte sich schon von seinem Orthopäden massieren lassen.

Fachfrauen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett

Aber zurück zu den Hebammen: Hebammen sind irgendwann mal dermaßen als Fachfrauen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett anerkannt worden, dass es die sogenannte Hinzuziehungspflicht gibt. Die besagt, dass bei einer Geburt eine Hebamme dabei sein muss (ja, MUSS) – sprich, im Krankenhaus muss der Arzt eine Hebamme hinzuziehen. (Klar, das kann hier und da aufgeweicht werden, aber es geht ums Prinzip.) Dazu ist im Leistungskatalog der Krankenkassen festgesetzt, dass Schwangere die Vorsorge durch eine Hebamme durchführen lassen dürfen (und nicht zum Arzt müssen). Und zu guter Letzt das Wochenbett: Das ist gewissermaßen das Hoheitsgebiet der freiberuflichen Hebammen. Denn in der Schonfrist nach der Geburt (die – zumindest bei Angestellten – sogar rechtlich fixiert ist, denn in der Zeit darf frau gar nicht arbeiten gehen, auch wenn sie wollte) sind es ausschließlich die freiberuflichen Hebammen, die zu einem nach Hause kommen und gucken, wie es einem geht, ob mit dem Kind alles in Ordnung ist, ob sich alles zurückbildet, wie es soll etc. (Wer kein Kind hat, darf jetzt einfach mal glauben, dass das nicht nur bequem ist, sondern auch wirklich förderlich für die Gesundheit von Mutter und Kind.**) Auch diese Leistung der Hebammen ist festgeschrieben und JEDE Entbundende (auch bei Fehlgeburt) hat einen Anspruch darauf.

Individuelle Betreuung rettet Leben

Was ein netter Nebeneffekt dieser freiberuflichen Hebammen ist: Sie begleiten eine Geburt ganz individuell (ja, da ist es wieder dieses komische Wort) und zwar zu Hause***, in einem Geburtshaus*** aber auch – manche mögen es nicht glauben – als Beleghebamme IN einem Krankenhaus****. Und eine individuelle Geburtsbegleitung bedeutet, dass diese eine Hebamme ausschließlich für eine Gebärende zuständig ist (1:1-Betreuung) und dass diese eine Hebamme vom Anfang bis zum Ende bei der Geburt dabei ist (KEINE Personenwechsel durch Schichtwechsel) und dass diese eine Hebamme einen schon eine Weile durch die Schwangerschaft begleitet hat und dies auch im Wochenbett fortführen wird. Ja, das klingt ein wenig, wie das Wolkenkuckucksheim, aber es gibt Studien die zeigen, dass gerade die 1:1-Betreuung bei der Geburt nachweislich förderlich für die Gesundheit und sogar das Überleben von Mutter und Kind sind. Ist irgendwie logisch – eigentlich. Wir würden ja auch nicht wollen, dass ein Chirurg parallel an drei Blinddärmen rumschnippelt.

Hebammen sterben aus

Für ihre Arbeit brauchen die Hebammen eine Berufshaftpflichtversicherung, die im Schadensfall für sie eintritt und ohne die eine Hebamme gar nicht arbeiten darf. Doch seit Jahren steigen die Prämien. Am 1.7. haben sie erneut einen Sprung gemacht. Und da natürlich die Prämien für Hebammen mit Geburtshilfe teurer sind, haben aktuell wieder etliche die Geburtshilfe (auch die Beleghebamme) aufgegeben. Viele hören auch ganz auf, da – wie eingangs erwähnt – die Situation ab 1.7.2016 überhaupt nicht geklärt ist. Und die, die ganz aufhören, fehlen bei der Vorsorge (dazu gehören auch die Geburtsvorbereitungskurse) und der Wochenbettbetreuung! Vermutlich telefoniert eine Schwangere aktuell genauso viele Hebammen ab, wie eine Hebamme pro Tag Absagen erteilt, ohne wenigstens einen Geburtsvorbereitungskurs buchen zu können oder eine Zusage für die Wochenbettbetreuung zu bekommen.

Wer nach dem 1. Oktober 2015 schwanger wird, die sollte sich darauf einstellen, dass sie voraussichtlich irgendwann zwischen 7 und 17 Uhr per Kaiserschnitt entbunden wird. Ob sie es so will oder nicht. Sie bleibt mindestens 7 Tage im Krankenhaus und darf dann mit ihrer Narbe und dem Säugling regelmäßig zum Arzt wandern. Und glaubt mir: DAS ist kein Horrorszenario. Das wird Realität, wenn sich nichts tut!

Aber halten wir nochmal fest:

  • Hebammen wissen ziemlich gut darüber Bescheid, was mit einer Frau während der Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett passiert (passieren kann), weil sie sich ausschließlich damit beschäftigen!
  • Ausschließlich freiberufliche Hebammen bieten die Wochenbettbetreuung an.
  • Ausschließlich freiberufliche Hebammen können eine 1:1-Betreuung bei der Geburt gewährleisten.
  • Und insbesondere freiberufliche Hebammen sichern unser Recht als Frauen und Patientinnen (so werden wir ja als Schwangere vom Gesundheitssystem wahrgenommen) auf eine selbstbestimmte Geburt.

Wir haben Rechte

Ach Moment, den letzten Punkt hatten wir ja noch nicht. „Selbstbestimmte Geburt“? Aber ich will doch gar nicht so einen Eso-Sch***. Ich will nicht vorher meinen Namen dreimal tanzen und 10 rote und 4,3 gelbe Glaubuli schlucken. Und außerdem wie das klingt?! Die Sache mit der Selbstbestimmung hatten wir doch schon mal. Also die 1968er und das mit den Feministinnen sind ja so gar nicht meins. Nee, also wirklich, das ist mir zu doof. Ich will einfach nur mein Kind im Krankenhaus bekommen und gut ist.

Ja, und ganau das ist die Krux: Sagen zu können „Ich will mein Kind im Krankenhaus zur Welt bringen“ ist genauso Selbstbestimmung wie „Ich will mein Kind zu Hause gebären“. Nur weil das eine der momentane Normalfall ist, ist das andere noch lange kein Sonderrecht (bis in die 1950er Jahre rein sahen „Normal-“ und „Sonderfall“ auch noch genau anders herum aus.). Denn wir Frauen haben das verbriefte Recht auf freie Wahl des Geburtsortes.

Und genau diese freie Wahl wird uns insbesondere durch die freiberuflichen Hebammen gesichert. Zum einen, weil sie Geburtshilfe abseits des normalen Klinikbetriebs (als Belgehebamme, im Geburtshaus, zu Hause) anbieten Und zum anderen, indem sie den angstellten Hebammen den Rücken frei halten, sodass diese sich bei einer Klinikgeburt (ohne Beleghebamme) immer noch ausreichend um die Gebärenden kümmern können (auch wenn es nie auszuschließen ist, dass eine angestellte Hebamme mehr als eine Geburt gleichzeitig begleitet).
Wer würde sich denn wirklich noch freien Herzens für eine Klinikgeburt entscheiden, wüsste sie, dass vielleicht 2 Hebammen auf 6 bis 10 gleichzeitig stattfindenden Geburten kümmern muss??? Und das womöglich nicht in einem heimeligen Kreißsaal, sondern in einem großen Saal mit mehreren Betten. Und im Normalfall haben ja auch nicht 6-10 fachkundige Ärzte Dienst.

Klinikgeburten, Kaiserschnitte, schlechte Versorgung

Doch genau dieses Recht soll uns genommen werden. Zum einen durch widersinnige Kriterien, die letztliche Bedingung für die Kostenübernahme außerklinischer Geburten sein sollen*****, und zum anderen dadurch, dass die Aussage im Raum steht, dass freiberufliche Hebammen nicht gebraucht werden – ergo irgendwie abgeschafft werden sollen. (Frau Marini vom GSK-SV war in der Radiosendung „Redezeit“ (NDR Info) am 8.7.15 so frei, diese Gedanken ihres Arbeitgebers offenzulegen.)

Doch wenn es keine freiberuflichen Hebammen mehr gibt, wird – zumindest ohne praktikable Alternative – die Geburtshilfe in Deutschland zusammenbrechen, denn

  1. es können gar nicht so viele Hebammen angestellt werden, wie gebraucht werden – Von wem auch?
  2. es gibt gar nicht so viele Fachärzte für Geburtshilfe – Und die sehen auch nur das Pathologische. Die Folge werden deutlich mehr Kaiserschnitte sein.
  3. dann würden ALLE Geburten in den Kliniken stattfinden – Aber dort schließen die Geburtsstationen und die verbliebenen Krankenhäuser, Hebammen aber auch Ärzte sind schon jetzt überlastet.
  4. dann würde keine Wochenbettbetreuung mehr stattfinden – Die Folge: Mütter mit Neugeborenen beim Gynäkologen, beim Hausarzt, beim Kinderarzt, in den Ambulanzen. Bei derzeit 680.000 Geburten pro Jahr kann sich dann ja jeder ausrechnen, wie oft er dann beim Arzt eine frische Mutter mit ihrem schreiendem Kind neben sich im Wartezimmer haben wird.

Von den Kosten, die auf die Krankenkassen und damit auf die Gemeinschaft zukommen werden, ganz zu schweigen.

Wir müssen jetzt was tun!

Ich weiß nicht, ob deutlich geworden ist, dass JETZT etwas passieren muss, wenn wir eine individuelle und sichere Geburtshilfe für uns und vor allen Dingen für die nächste Generation wollen.

Es gibt viele Ideen und Ansätze. Es gibt aber auch viele Querelen, unnötige Diskussionen und Nebenschauplätze. Es gibt die Versicher. Es gibt die Politik. Es gibt den GKV-SV. Es werden Zuständigkeiten verschoben. Es wird der schwarze Peter von einem zum anderen gereicht. Es gibt die Hebammen, denen das Wasser bis zum Hals steht.

Und es gibt uns Eltern, die wir wissen sollten, was Hebammen leisten. Und wir haben Rechte, die wir uns nicht nehmen lassen sollten. Und wir sind viele – viele Wähler!

Und wer mir kleinen Bloggerin nicht glauben will, der kann sich ja mal durchlesen, was die Zeit dazu schreibt.

—————————

* Ich habe mit Räucherstäbchen auch nichts am Hut. Habe auch unter der Geburt Akupunkturnadel und Globolis verweigert. Aber ich hatte eine Beleghebamme.

** Nicht jede Frau kann nämlich wie ich (trotz Dammriss) nach einer Woche schon wieder rumlaufen und einkaufen gehen. Außerdem macht es keinen (wirklich gar keinen!!!) Sinn, sich mit einem Neugeborenem in ein Wartezimmer beim Gynäkologen, Kinderarzt oder Hausarzt zu setzen, in dem so einiges kreucht und fleucht. Und damit meine ich nicht, dass ich finde, dass Neugeborene die ersten Wochen in einem Reinraum verbringen sollen.

*** Nur 1,5-2 Prozent aller Geburten finden NICHT in einem Krankenhaus statt.

**** In einigen Regionen Deutschlands finden Geburten überwiegend mit Beleghebammen statt – also NICHT mit einer im Krankenhaus angestellten. Dort ist der Wegfall am deutlichsten zu spüren: Geburtsstationen schließen.

***** Für die es keine wissenschaflichen Belege gibt bzw. ausreichend Belege für die Nicht-Sinnhaftigkeit.

6 Gedanken zu „Es muss sich was tun

  1. Danke, das ist wunderbar geschrieben!!
    Ich habe in den letzten Monaten langsam aber sicher Angst vor der Zukunft bekommen und eigentlich will ich unter diesen Umständen kein weiteres Kind mehr bekommen. Mein Wunsch war es immer, im Geburtshaus zu entbinden oder halt zu Hause- aber beides war bei beiden Geburten schon nicht mehr möglich… Und im Krankenhaus war es nicht so dolle, eben wegen dem Personalmangel und Stress etc.
    Aber man sollte die Wahl haben- und eine optimale Betreuung.

    Ja, es muss sich was tun!

  2. Da bekommt man richtig Angst. Ich habeletztes Jahr erst noch unsere Jüngste ganz entspannt in einem kleinen Krankenhaus nur mit der Hebamme entbunden.Ärzte drumherum verbreiten echt nur Stress.
    Da unsere Maus den Termin nicht ganz einhalten wollte (sie hat etwas getrödelt), hat der Chef der Entbindungsstation schon am Tag nach dem errechneten Termin auf eine Einleitung gedrängelt. Die Hebamme meinte aber, dass es dem Kind gut gehe und dass das absolut nicht notwendig sei. Drei Tage später hat sich unsere Kleine doch entschlossen nicht länger zu warten.
    Ich habe aufgrund solcher Erlebnisse auch weit mehr Vertrauen in eine Hebamme als in Ärzte was Geburt und SChwangerschaft angeht. Und es ist echt ne Sauerei, was die Politik und die Versicherer mit den Hebammen anstellen wollen.

  3. Pingback: Es muss sich was tun | Elternprotest Jena/Weimar

  4. Ich danke Dir für diese sehr gute und präzise Zusammenfassung unserer aktuellen Lage!
    Ich danke Dir als (Deine) Hebamme, als Frau, als potentiell Gebärende, als Tante, als Cousine und als Mensch für Deinen Einsatz,

    Es ist NICHT egal, wie wir geboren werden. Aber es geht hier – leider – schon lange eben nicht mehr „nur“ um die freie Wahl des Geburtsortes!
    Die Hebammenarbeit ist primäre Gesundheits-Vorsorge!!!

  5. Pingback: Linkbuch: Wie das "Hebammenproblem" deine Geburt beeinflusst - Mama-Baby-Vision

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