Wie meine Karriere als Konzertpianistin von jetzt auf gleich zunichte war

Nicht, dass ich wirklich eine solche Karriere in Aussicht hatte, geschweige denn die Ambitionen dazu gehabt hätte, denn ich kann leider noch nicht mal Klavier spielen.

Aber nach Frau Brüllens Unfall bzw. dessen Folgen (zwei gebrochene Finger) muss ich die ganze Zeit daran denken, was damals, im August 2010, der Arzt in der Notaufnahme zu mir sagte, als ich mit einem ziemlich dicken rechten Ringfinger vorstellig geworden war.

Und dann muss ich daran denken, dass diese Situation auf eine gewisse Art eine Schlüsselszene meiner bekloppten obskuren gestörten Beziehung zum Vater des mini-monsieurs war:

Meine Elternzeit zu Hause war gerade gut 10 Wochen vorbei. Ich arbeitete 25 Stunden pro Woche. Allerdings hatte sich eine Woche zuvor der Kv einen (oder waren es zwei?) Zeh gebrochen, was in seinem Fall zu einer ziemlichen Einschränkung führte. Also ging ich vor der Arbeit, direkt wenn ich von ebendieser wieder da war und abends mit dem Hund raus. Dazu noch der mini-monsieur, der gerade erst 14 Monate war und seine Mobilität (laufen) entdeckte und den ich noch mindestens einmal täglich gestillt hatte.

Am entscheidenden Abend machte ich eine Runde mit dem Hund. Eine Freundin rief während dessen auf meinem Handy an. Ich telefonierte kurz mit ihr. Eigentlich haben wir nur ein paar Sätze darüber getauscht, wann sie kommen und was sie noch mitbringen wollten, da passierte es: Die überdrehte Töhle witterte Kilometer weit entfernt einen anderen Hund und schaltete den Turbo an. Mit der Leine am Halsband und der Leine irgendwie sehr unglücklich um meine Hand gewickelt. 30 kg Hund mit Terriereinmischung haben Kraft. Viel Kraft. Viel Kraft, die dann an mir bzw. genau genommen an meinem rechten Ringfinger, der sich in der Leine verheddert hatte, zog.

Bevor ich merkte, was mit meinem Finger wirklich passiert war, hörte ich schon den anderen Hundebesitzer meckern. Ich rannte hinter dem Hund her. Der Finger fing an zu puckern. Ich verabschiedete die Freundin am Handy, ließ mich vom anderen Hundebesitzer beschimpfen, ärgerte mich über unseren Hund, erklärte den Spaziergang für beendet, legte mir die Leine – wie ich es sonst immer tat – wie eine Schärpe über den Körper und spürte so langsam den Schmerz schlimmer werden. Ich wollte nur noch nach Hause: Kühlen.

Zu Hause angekommen ließ ich kaltes Wasser über den Finger laufen und zog mir im Adrenalin-Rausch den Ring vom Finger. Kurz drauf war der Finger etwa doppelt so dick wie normal. Ich gab dem Kindesvater einen kurzen Abriss darüber, was geschehen war: Spaziergang, fremder Hund, unserer losgestürmt, Finger in Leine, Finger kaputt.

Dann kamen die Freunde. Es war klar, dass das untersucht werden musste. Also blieb die Freundin bei meinen Männern und ihr Freund fuhr mich in die nächste Notaufnahme. Ich wurde geröntgt – klar. Dann betrachtete der erste Arzt das Schwarz-Weiß-Bild meines Fingers. Dann kam noch einer. Und noch einer. Gut 15 Minuten brüteten drei Weißkittel über meinem Röntgenbild, während das Puckern in meinem Finger schlimmer wurde, bis dann ein Arzt zu mir kam und die für mich legendäre Frage stellte: „Sie sind jetzt aber nicht zufällig Konzertpianistin?“ Ich war verwirrt, brauchten die jetzt zur besseren Diagnosestellung Rachmaninov? „Ähh, nein“, brachte ich gerade so raus. „Gut“, hörte ich, „denn sonst wäre Ihre Karriere jetzt wohl vorbei.“

Dann wurde mir mitgeteilt, dass ich einen sogenannten Spiralbruch hätte und dass ich mit einem solch komplizierten Bruch doch bitte in die Klinik mit der Handchirurgie fahren sollte, da wäre ich in besseren (haha) Händen. Der Kumpel war erfreulicherweise bereit, mich dahin zu fahren. Abends um 22h00.

Dort angekommen wurde sich schnell um mich gekümmert. Meine Schmerzen und die Schwellung waren mittlerweile gefühlt unermesslich und so fand ich die Idee, den Finger unbetäubt – hallo? geht’s noch – zu richten und zu schienen, ausgesprochen unakzeptabel. Ich bekam einen „Block“ gesetzt und wurde dann mit Gipsschiene und zwei blockierten Fingern (der Mittelfinger diente als Stütze) entlassen.

Gegen 23h30 waren wir wieder zu Hause. Der mini-monsieur schlief schon. Und während mich die Freundin sehr besorgt und mitfühlend begrüßte, war die Begrüßung des Kindesvater sehr unterkühlt. Aha, was hatte ich denn nun schon wieder ausgefressen?! Ich war fix und alle von dem Abend und wollte nur noch schlafen. Aber da waren diese Schwingungen in der Luft. Diese negativen Vibrationen wie ein heranrollendes Gewitter.

Die Freunde verabschiedeten sich. Ich ging Zähne putzen – mit links, sagte gute Nacht und legte mich zum mini-monsieur. Ich war fast eingeschlafen, da kam er noch einmal rein. „Ich will das nicht“, war mein Gedanke, „ich will schlafen.“ Doch wenn es ihn gepackt hatte, war er nicht aufzuhalten und so schleuderte er mir entgegen, dass ich ihn angelogen hätte. Mein Puls ging hoch. Ich drehte mich um und meinte nur: „Wenn Du meinst. Ich muss schlafen. Ich habe Schmerzen.“ Er ließ von mir ab es auf sich beruhen und trollte sich.

Am nächsten Tag musste ich es aber über mich ergehen lassen: Ich hätte ihn angelogen. Der Unfall wäre nur passiert, weil ich telefoniert hatte. Warum ich ihm das nicht gesagt hätte. Was ich zu verheimlichen hätte. Und so weit und so fort. Quintessenz: Ich war – in seinen Augen – halt selbst Schuld an dem gebrochenen Finger, daher brauchte ich auch kein Mitgefühl erwarten. Außerdem hatte ich ihn ja angelogen.

Diese Geschichte verfolgte uns noch bis zur Trennung. Wir hatten einen Termin bei einer Paartherapeutin: Ich kam von der Arbeit dahin und dachte auf dem Weg mit dem Fahrrad genau an diese unsägliche Situation, wie ätzend ich sein fehlendes Mitgefühl fand. Und – und das war schon ziemlich spooky – er erzählte dann genau diese Geschichte, weil sie seiner Meinung nach deutlich zeigt, was das große Problem zwischen uns war: meine Lügerei.

Der Ringfinger ist seit dem Unfall krumm und ich kann ihn auch nicht mehr wie die anderen Finger durchstrecken. Außerdem passen die Ringe nicht mehr drauf und etwas wetterfühlig ist er auch.

Und manchmal halt beschert er mir einen Flashback und mahnt mich, wie schief Beziehungen und Wahrnehmungen verlaufen können.

2 Gedanken zu „Wie meine Karriere als Konzertpianistin von jetzt auf gleich zunichte war

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