Zu klein fürs Gewicht

Heute musste ich mit dem mini-monsieur an einer folkloristischen Veranstaltung teilnehmen. Naja, ich musste ihn dahin begleiten und er musste agieren. Denn es war Schuleingangsuntersuchung.

Aber seien wir mal ehrlich: Wie sinnvoll ist diese Veranstaltung denn? Auch bzw. gerade mit Blick auf Inklusion. Und dass sie im Fall des mini-monsieurs erst zwei Monate vor der Einschulung stattfindet, lässt mich noch mehr an ihrer Bedeutung zweifeln. Aber gut: Da mussten schon Generationen durch, also auch mein Kind. (Vielleicht starte ich dazu eine Petition.)

Wir waren heute morgen tatsächlich zeitig fertig und als ich drüber nachdachte, wie wir denn von der U-Bahn aus zum städtischen Gesundheitsamt laufen müssen, meldete der mini-monsieur an, dass er mit dem Fahrrad fahren wolle. Auch gut. Ist auch schneller und direkter. Und so waren wir 20 Minuten von Termin da. Ich machte mich auf langes Warten gefasst, waren doch noch viele andere Kinder mit einem Sorgeberechtigten zu sehen. Allerdings war es im Wartezimmer ziemlich leer.

wpid-2015-06-30-15.33.36.jpg.jpegDer mini-monsieur wollte gerade (nach einer Minute im Wartebereich) ansetzen zu jammern, wie laaaaangweilig ihm sei, da wurden wir auch schon zur Voruntersuchung geholt:

Briefumschläge vervollständigen

wpid-2015-06-30-15.27.50.jpg.jpegKreuze nachzeichnen (man beachte die Entwicklung),

wpid-2015-06-30-15.30.24.jpg.jpegund einen stilisierten Baum (nix mit Apfelbäumen) nachmalen.

wpid-2015-06-30-15.32.02.jpg.jpegAch ja, einen Tisch gab es auch noch. Und nein, Malen ist nicht so seins. (und scharfe Fotos nicht so meins)

Dann gab es den obligaten Hörtest

wpid-2015-06-30-15.34.24.jpg.jpegund nach dem Sehtest mit den E Ǝ Ш und der grünen Schlange im roten Punktemeer durften wir dann wieder warten, bis uns die Ärztin abholte.

Der Ärztin sollte er erstmal sein Geburtstdatum erzählen. Dann Bauklötze zählen und von welcher Farbe es die meisten gibt.
Und da kam schon die nächste Aufgabe: Sprachtest. Sie hat ihm Bilder gezeigt und er sollte sagen, was er da sieht. Er benannte alles. Auch die „Kreppe“.

wpid-2015-06-30-15.26.45.jpg.jpegObwohl er auf Nachfragen einwandfrei „Treppe“ artikulierte, ließ es sich die Ärztin nicht nehmen, mir einen Vortrag darüber zu halten, wie ich mein Kind richtig korrigieren soll (nicht sagen, dass er was falsch gemacht hat, sondern das Wort noch einmal selbst richtig aussprechen). Vermutlich hielt sie mich für so grenzdebil, wie ich sie daraufhin auch anguckte. Als sie dann aber von Logopädie anfing, dachte ich, ich wäre im vollends falschen Film. Glücklicherweise gab es im weiteren Verlauf des Sprachtest (Phantasiewörter nachsagen, falsch ausgesprochene Wörter korrigieren) keine Unregelmäßgkeiten mehr.

Bei den Logik-Übungen sollte er einem vorgegebenen Bild aus einer Reihe Bildern das passende zuordnen.

wpid-2015-06-30-15.23.15.jpg.jpegUnd gleich beim ersten Bild machte sich bemerkbar, wie wichtig eindeutige Anweisungen sind. Zuerst fragte sie „nur“ nach dem passenden Bild aus der Reihe. Der mini-monsieur deutete auf zwei, die auch ich logisch fand. Darauf reagierte sie fast unwirsch und hakte nach: „Ja, aber welches ist das gleiche wie das erste?“ Das Kind zeigt die einzig richtige Reaktion: Er deutete dann aufs gleiche und „rotzte“ ihr „Na, das hier,“ entgegen.

Kurz vor Schluss sollte er noch hüpfen – zehnmal seitlich über eine Linie.

wpid-2015-06-30-15.19.46.jpg.jpegUnd dann wurde er abschließend vermessen. Der mini-monsieur ist (nach ihrer Messung) 126 cm lang und wiegt 29 kg. Blutdruck wurde auch bestimmt. Der war wohl okay, sonst hätte sie vermutlich etwas gesagt.

wpid-2015-06-30-15.21.11.jpg.jpegDas ihrer Meinung nach viel zu hohe Gewicht brachte mir allerdings die nächste Belehrung vor dem Kind ein. Ich will ja gar nicht abstreiten, dass der mini-monsieur gerade vielleicht etwas „speckiger“ ist, aber er ist wirklich weit entfernt von dick (und vermutlich steht er kurz vor dem nächsten Schuss in die Höhe. Davor geht er eigentlich immer etwas in die Breite). Außerdem ist er wirklich aktiv. Nun denn, sie hielt es wohl für eine Top-Idee VOR dem Kind darüber zu sprechen, worauf ich bei seiner Ernährung achten soll und dass er Sport treiben sollte („Ach, jetzt sehe ich, er macht Aikido“ – „Ja und Fahrrad fährt er auch – gerne und viel.“). Ich kochte innerlich: Ja, ich bin bei dem Thema empfindlich. Aber das Kind ist doch nicht doof und versteht das. So züchtet man Essstörungen.

Mal abgesehen davon, dass ich wirlich keine Fragen mehr hatte danach, war ich wirklich froh, dass wir dann gehen durften. Und zum Glück findet dieser Spuk nur einmal im Leben eines Kindes statt.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich gehöre ja tendenziell zu der Fraktion „Nicht quatschen. Machen“. Zumindest für Außenstehende sieht es oft so aus, als hätte mich jetzt gerade der Hafer gestochen. Dass dem vermeintlich unreflektiertem Aktionismus oft eine lange Denkphase vorausging, wissen nur die wenigsten, weil ich halt nicht so viel „quatsche“ – zumindest über sowas. Aber es ist besser bzw. der Kreis der Wissenden ist etwas größer geworden.

Letztens habe ich aber hier auf dem Blog gequatscht. Für meine Verhältnisse ziemlich viel. Also soviel, dass es mich irgendwie in Zugzwang gebracht hat. Irgendwas musste geschehen. Am besten gestern. Und irgendwie hatte das Universum ein Einsehen und hat mir ein paar Entscheidungen abgenommen (ich schrieb schon ein wenig darüber):

Wohnung: Eine Freundin wird bei uns einziehen. Damit müssen wir nicht umziehen (und Geld für einen Umzug ausgeben, das ich gar nicht habe).

Job: Die Kündigung ist jetzt nicht oberknalle, aber auch nicht wirklich schlimm. Und ich stecke so voller Tatendrang und Ideen, wie schon lange nicht mehr. Alles hat seine Zeit.

Äußeres: Ich habe es getan: Ich habe mir blaue Haarfarbe bestellt.

Sport: Es kann sich ja nun wirklich nicht alles auf einmal ergeben. Aber ich postuliere jetzt mal hier, dass ich die Sommermonate, wenn der mini-monsieur im Hort ist, vormittags nutzen werden und schwimmen gehe. (Nagelt mich drauf fest, bitte.)

Kopf: Durch die Kündigung werde ich mich in der nächsten Zeit mit vielen mir neuen Dingen beschäftigen müssen. Zum Beispiel mit einem Business-Plan. Und vielleicht mit einer patentrechtlichen Geschichte.

Und seitdem nun die Dinge so schön in Bewegung geraten sind, habe ich einen Ohrwurm, der auch gerne noch ein bisschen bleiben darf:

Wenn nicht jetzt, wann dann?
Wenn nicht hier, sag mir wo und wann?
Wenn nicht wir, wer sonst?
Es wird Zeit.
Komm wir nehmen das Glück in die Hand.
(Höhner)

Was nicht sein kann, das nicht sein darf

Meine größte Angst rund um den mini-monsieur ist, dass ihm was Schlimmes durch einen Fremden angetan wird (siehe Frage 5). Sie ist aktuell noch größer als früher. Denn der mini-monsieur macht seit einiger Zeit große Schritte Richtung Selbstständigkeit. Er will – und ich gestehe es ihm auch zu – eine deutlich längere Leine. Seit einer Weile sitze ich also äußerlich total ruhig z.B. auf dem Spielplatz rum, während ich innerlich versuche, einen Teil von mir abzuspalten, der dem Kind ungesehen hinterher kann mein Kind sich außerhalb meiner Sichtweite bewegt. Zum Glück habe ich keinen Flüchter, sodass das Kind immer wieder zur Basis zu mir kommt und sich vergewissert, dass ich noch da bin. Allerdings haben wir beide eine unterschiedliche Definition von „immer mal wieder“.

Aktuell ist Stoffel in Frankfurt. Abgesehen davon, dass das in „unserem“ Park stattfindet, ist es einfach eine so schöne Idee und Möglichkeit, den Sommer zu genießen. Heute waren wir auch da und der mini-monsieur guckte alleine Kindertheater, während ich auf unserer Decke in der Sonne entspannte. Später kamen Freunde dazu. Das Kind hüpfte hier rum und da rum, fand neue und bekannte Freunde und hatte Spaß. Irgendwann begleitete er den Kumpel zum Getränkestand und traf daneben auf ein paar Kindergartenfreundinnen und -freunde. Und während der Kumpel dort bliebe, kam der mini-monsieur kurz zurück, um sich seine Schuhe anzuziehen, damit er besser kicken konnte. Die Freundin und ich nutzten die Gelegenheit, in Ruhe zu schwätzen.

Auf einmal kam der mini-monsieur zu uns und meinte sehr ernst: „Mama, der Horst* sagt, Du sollst sofort zu ihm kommen.“ „Was ist denn passiert?“ „Du sollst kommen,“ antwortete er in einer Art, die keinen Widerspruch zuließ. Ich ging meinem Kind hinterher und fand den Kumpel mit einem mir fremden Mann diskutierend. Ich war verwirrt. Die Diskussion war nicht sehr freundlich. Der Kumpel wirkte aggressiv – eigentlich nicht das erste Attribut, das man ihm zuschreiben würde. So hatte ich ihn bislang nur einmal erlebt. Ich fragte, was passiert sei. „Er hat Fotos von den Kindern gemacht, als sie gespielt haben,“ erklärte er mir. Das sei doch nichts Schlimmes, mischte sich der Fremde ein. „Oh doch,“ antwortete ich „sie können doch nicht einfach Personen, insbesondere Kinder, fotografieren, mit denen sie nicht verwandt sind.“ Der Kumpel klärte mich auf, dass er die Polizei gerufen habe. Denn, nachdem er den Fremden aufgefordert hatte, die gemachten Bilder von den Kindern** zu löschen, hatte er gesehen, dass auf dessen Handy wohl noch weitere Kinderfotos waren. Mich schüttelte es – innerlich. Ich sagte der Freundin Bescheid, damit sie als Anwältin an der Seite ihres Mannes sein konnte, und blieb dann auf unserer Decke.

Von dort aus konnte ich sehen, als die Polizei kam. Dass sie lange mit dem Fremden sprachen. Dass der Kumpel und die Freundin noch einen Moment mit den Kindergarten-Eltern sprachen. Dass der mini-monsieur noch ein bisschen mit seinen Freundinnen und Freunden spielte. Dann kamen die drei zurück.

Der Fremde hat wohl einen Platzverweis bekommen. Aber wie wirkt der? Und wie lang? Das ist schon unheimlich. Das ist doch „unser“ Park. In dem „unser“ Spielplatz ist. Wann taucht der da wieder auf? Und wie kann ich mein Kind schützen? Das war ja kein tätlicher Angriff und die Kinder hatten es auch nicht so wirklich mitbekommen. Auch die Eltern nicht. Nur der Kumpel hatte es gesehen. Und der ich glücklicherweise mit einer wunderbaren Zivilcourage gesegnet. Aber wer hat denn sowas noch?

Selbst die anwesenden Eltern – insbesondere der Vater des betroffenen Mädchens – haben es wohl nicht geschafft, sich darüber aufzuregen. Vielleicht weil sie es nicht wahrhaben oder sich vorstellen wollten.

Aber Gefahren dieser Art lauern nunmal „überall“. Und ich denke daran, dass ich erst gestern diesen Artikel las und daraufhin direkt conva anschrieb, um zu fragen, ob ein solches Training auch bei uns (Kiga, Hort, Schule) machbar ist. Da kam ich mir noch leicht hysterisch vor.

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* Name geändert

** Welche Kinder er genau fotografiert hat, weiß ich nicht. Wohl eine kleine Freundin des mini-monsieurs, die so auf einem Stein saß, dass ihr unter das Kleidchen zu gucken (und zu fotografieren) war.

*** Dafür regte sich die Freundin umso mehr auf – vor allem über den Vater.

Danke

Ein liebes Dankeschön ❤ durch die halbe Republik geht an Sophie. Leider hat der Post-Streik verhindert, dass der Brief mit heißer Ware pünktlich kam. Aber möglicherweise voraussichtlich kann ich es dennoch verwenden.

Kleinkram

  • Die Kröte hat sich übrigens wieder berappelt. Für irgendwas musste der Erste-Hilfe-Kurs ja gut sein. Daher waren wir auch auf der Hochzeit. Es war eine tolle Party – nachdem das Essen vorbei war. Davor ging es ein bisschen drunter und drüber.
  • Der mini-monsieur muss voraussichtlich operiert werden: Die Rachenmandel aka Polypen sollen raus. Das wurde uns ja schon bei der zweiten OP prophezeit. Damals hatte ich ja noch Hoffnung, dass sich das verwächst. Aber dem ist wohl nicht so. Ich lasse das noch vom Kinderarzt gegenchecken.
  • Gestern nannte ich es „self fulfilling prophecy“, denn irgendwie habe ich es ja herbeigeschrieben: Kündigung. Aus Ermangelung an Kunden. In der Probezeit. („Bauernopfer“ nannte mich die Freundin, denn ich betreue derzeit unseren größten Kunden, bin aber die am leichtesten zu kündigen.)
    Ich habe es nicht wirklich – zumindest nicht so schnell – erwartet, da es außer dem Wegfall eines Kunden keine Anzeichen bzw. Ansagen gab. Aber es kam auch nicht völlig unverhofft. Die Finazdecke war mehr als dünn.
  • Aber da sich am Montag ergeben hat, dass eine Freundin von mir in das Gästezimmer ziehen will, habe ich nicht mehr so schlimmen ökonomischen Druck. Mit dieser Einnahme, ALG1 und leiderleiderleider ohne Mary Poppins wird es wohl einen Moment zu stemmen sein. (Denn, dass ich binnen sechs Wochen was Neues finde, halte selbst ich für utopisch.)
  • Aber mir kann gerade sowieso keiner was. Denn Mark Benecke höchstpersönlich hat meinen post zum Experimente-Geburtstag gelesen und mir „saugeil! i like!“ geschrieben.
  • Außerdem kann ich mich dann vielleicht endlich mal mehr meiner Idee widmen.
  • Und bei MotherHood hätte ich auch was zu tun.
  • Paula wurde leider nicht gefunden. Aber der mini-monsieur spricht nicht mehr so viel von ihr.
  • Die Einschulung rückt immer näher: Der Hortvertrag ist unterschrieben. (Jippie) Der mini-monsieur war auch schon zum ersten Mal da. Der Schulranzen ist auch da. Hotelzimmer für die Gäste aus der Ferne sind gebucht. Jetzt muss ich nur noch die Schultüte basteln.
  • In zehn Tagen habe ich mal wieder „Ausgang“: Mit Freundinnen geht es aufs ZAZ-Konzert nach Berlin.

Wie meine Karriere als Konzertpianistin von jetzt auf gleich zunichte war

Nicht, dass ich wirklich eine solche Karriere in Aussicht hatte, geschweige denn die Ambitionen dazu gehabt hätte, denn ich kann leider noch nicht mal Klavier spielen.

Aber nach Frau Brüllens Unfall bzw. dessen Folgen (zwei gebrochene Finger) muss ich die ganze Zeit daran denken, was damals, im August 2010, der Arzt in der Notaufnahme zu mir sagte, als ich mit einem ziemlich dicken rechten Ringfinger vorstellig geworden war.

Und dann muss ich daran denken, dass diese Situation auf eine gewisse Art eine Schlüsselszene meiner bekloppten obskuren gestörten Beziehung zum Vater des mini-monsieurs war:

Meine Elternzeit zu Hause war gerade gut 10 Wochen vorbei. Ich arbeitete 25 Stunden pro Woche. Allerdings hatte sich eine Woche zuvor der Kv einen (oder waren es zwei?) Zeh gebrochen, was in seinem Fall zu einer ziemlichen Einschränkung führte. Also ging ich vor der Arbeit, direkt wenn ich von ebendieser wieder da war und abends mit dem Hund raus. Dazu noch der mini-monsieur, der gerade erst 14 Monate war und seine Mobilität (laufen) entdeckte und den ich noch mindestens einmal täglich gestillt hatte.

Am entscheidenden Abend machte ich eine Runde mit dem Hund. Eine Freundin rief während dessen auf meinem Handy an. Ich telefonierte kurz mit ihr. Eigentlich haben wir nur ein paar Sätze darüber getauscht, wann sie kommen und was sie noch mitbringen wollten, da passierte es: Die überdrehte Töhle witterte Kilometer weit entfernt einen anderen Hund und schaltete den Turbo an. Mit der Leine am Halsband und der Leine irgendwie sehr unglücklich um meine Hand gewickelt. 30 kg Hund mit Terriereinmischung haben Kraft. Viel Kraft. Viel Kraft, die dann an mir bzw. genau genommen an meinem rechten Ringfinger, der sich in der Leine verheddert hatte, zog.

Bevor ich merkte, was mit meinem Finger wirklich passiert war, hörte ich schon den anderen Hundebesitzer meckern. Ich rannte hinter dem Hund her. Der Finger fing an zu puckern. Ich verabschiedete die Freundin am Handy, ließ mich vom anderen Hundebesitzer beschimpfen, ärgerte mich über unseren Hund, erklärte den Spaziergang für beendet, legte mir die Leine – wie ich es sonst immer tat – wie eine Schärpe über den Körper und spürte so langsam den Schmerz schlimmer werden. Ich wollte nur noch nach Hause: Kühlen.

Zu Hause angekommen ließ ich kaltes Wasser über den Finger laufen und zog mir im Adrenalin-Rausch den Ring vom Finger. Kurz drauf war der Finger etwa doppelt so dick wie normal. Ich gab dem Kindesvater einen kurzen Abriss darüber, was geschehen war: Spaziergang, fremder Hund, unserer losgestürmt, Finger in Leine, Finger kaputt.

Dann kamen die Freunde. Es war klar, dass das untersucht werden musste. Also blieb die Freundin bei meinen Männern und ihr Freund fuhr mich in die nächste Notaufnahme. Ich wurde geröntgt – klar. Dann betrachtete der erste Arzt das Schwarz-Weiß-Bild meines Fingers. Dann kam noch einer. Und noch einer. Gut 15 Minuten brüteten drei Weißkittel über meinem Röntgenbild, während das Puckern in meinem Finger schlimmer wurde, bis dann ein Arzt zu mir kam und die für mich legendäre Frage stellte: „Sie sind jetzt aber nicht zufällig Konzertpianistin?“ Ich war verwirrt, brauchten die jetzt zur besseren Diagnosestellung Rachmaninov? „Ähh, nein“, brachte ich gerade so raus. „Gut“, hörte ich, „denn sonst wäre Ihre Karriere jetzt wohl vorbei.“

Dann wurde mir mitgeteilt, dass ich einen sogenannten Spiralbruch hätte und dass ich mit einem solch komplizierten Bruch doch bitte in die Klinik mit der Handchirurgie fahren sollte, da wäre ich in besseren (haha) Händen. Der Kumpel war erfreulicherweise bereit, mich dahin zu fahren. Abends um 22h00.

Dort angekommen wurde sich schnell um mich gekümmert. Meine Schmerzen und die Schwellung waren mittlerweile gefühlt unermesslich und so fand ich die Idee, den Finger unbetäubt – hallo? geht’s noch – zu richten und zu schienen, ausgesprochen unakzeptabel. Ich bekam einen „Block“ gesetzt und wurde dann mit Gipsschiene und zwei blockierten Fingern (der Mittelfinger diente als Stütze) entlassen.

Gegen 23h30 waren wir wieder zu Hause. Der mini-monsieur schlief schon. Und während mich die Freundin sehr besorgt und mitfühlend begrüßte, war die Begrüßung des Kindesvater sehr unterkühlt. Aha, was hatte ich denn nun schon wieder ausgefressen?! Ich war fix und alle von dem Abend und wollte nur noch schlafen. Aber da waren diese Schwingungen in der Luft. Diese negativen Vibrationen wie ein heranrollendes Gewitter.

Die Freunde verabschiedeten sich. Ich ging Zähne putzen – mit links, sagte gute Nacht und legte mich zum mini-monsieur. Ich war fast eingeschlafen, da kam er noch einmal rein. „Ich will das nicht“, war mein Gedanke, „ich will schlafen.“ Doch wenn es ihn gepackt hatte, war er nicht aufzuhalten und so schleuderte er mir entgegen, dass ich ihn angelogen hätte. Mein Puls ging hoch. Ich drehte mich um und meinte nur: „Wenn Du meinst. Ich muss schlafen. Ich habe Schmerzen.“ Er ließ von mir ab es auf sich beruhen und trollte sich.

Am nächsten Tag musste ich es aber über mich ergehen lassen: Ich hätte ihn angelogen. Der Unfall wäre nur passiert, weil ich telefoniert hatte. Warum ich ihm das nicht gesagt hätte. Was ich zu verheimlichen hätte. Und so weit und so fort. Quintessenz: Ich war – in seinen Augen – halt selbst Schuld an dem gebrochenen Finger, daher brauchte ich auch kein Mitgefühl erwarten. Außerdem hatte ich ihn ja angelogen.

Diese Geschichte verfolgte uns noch bis zur Trennung. Wir hatten einen Termin bei einer Paartherapeutin: Ich kam von der Arbeit dahin und dachte auf dem Weg mit dem Fahrrad genau an diese unsägliche Situation, wie ätzend ich sein fehlendes Mitgefühl fand. Und – und das war schon ziemlich spooky – er erzählte dann genau diese Geschichte, weil sie seiner Meinung nach deutlich zeigt, was das große Problem zwischen uns war: meine Lügerei.

Der Ringfinger ist seit dem Unfall krumm und ich kann ihn auch nicht mehr wie die anderen Finger durchstrecken. Außerdem passen die Ringe nicht mehr drauf und etwas wetterfühlig ist er auch.

Und manchmal halt beschert er mir einen Flashback und mahnt mich, wie schief Beziehungen und Wahrnehmungen verlaufen können.

Waffeln

Wenn man meine Mutter fragt, würde sie wohl sagen, dass ich ein besonderes Verhältnis zu Waffeln habe. Naja, genau genommen zu Waffeleisen. Denn ich habe mindestens drei Waffeleisen der Famile auf dem Gewissen. Das zuletzt angeschaffte meiner Eltern habe ich daher auch noch nicht benutzt mal von Nahem gesehen.

Aber Waffeln sind toll. Und was wäre ein samstäglicher Marktbesuch ohne Waffel vom Fleischer und Kaffee vom Wacker?! Hin und wieder mache ich Waffeln auch selbst. Aber bislang war ich mit K E I N E M Rezept so wirklich zufrieden.
Das Rezept, das meinem Waffeleisen (und das ist tatsächlich noch heil) beilag, war irgendwie zu fettig. Allen weiteren, die ich dann so probiert habe, fehlte immer irgendwas: Fett, Ei, Milch, Mehl, Geschmack. Doch nun bin ich fündig UND kreativ geworden. Und damit ich es nicht wieder vergesse, schreibe ich es mal auf, MEIN Waffelrezept:

250 g Mehl
100 g Zucker
100 g Butter
100 g Quark
1 TL Backpulver
3 Eier
1 guter Schuss Mineralwasser (oder auch 2, vermutlich 100 mL)

Und das Gute: Ich musste das beschichtete Waffeleisen nur einmal zu Beginn einfetten.