Fassungslos

Seitdem das Germanwings-Unglück passiert ist und der mini-monsieur davon bei logo sah und hörte, kommt er fast täglich auf das Thema. Er weiß, was passiert ist. Über das Wie macht er sich mit seiner sehr lebhaften Phantasie viele Gedanken. Regelmäßig bekam ich neue Theorien zu hören. Gerne auch untermauert mit „Mama, ich bin Experte für Flugzeugabstürze“. Ähh ja. Und bis vorgestern die zweite Blackbox nicht gefunden und damit die sehr wahrscheinliche Erklärung über die Unglücksursache gesichert war, habe ich mich bemüht, die wilden Gedanken des mini-monsieurs abzumildern und nicht zu weit ausufern zu lassen. Aber die mögliche Wahrheit habe ich erstmal ausgespart.

Heute fängt er wieder davon an. Er hatte gestern ein bisschen „Grzimek“* mit mir geguckt und meint: „Ich weiß, wie das Germanwings-Flugzeug abgestürzt ist: Da ist ein Vogel reingeflogen.“ Ich verneine und erkläre ihm, dass der eine der zwei Piloten das Flugzeug mit Absicht gegen den Berg geflogen hat. Der mini-monsieur guckt mich ungläubig an: „Wie?“ Ich suche nach Worten: Es gebe immer zwei Piloten, falls mal einer auf Toilette müsste. Und bei dem Unglück sei einer auf Toilette gegangen und der andere hätte ihn dann nicht wieder ins Cockpit gelassen. „Aber da war auch Rauch. Deswegen ging das nicht“, ringt mein Kind nach Fassung. Ich muss wieder verneinen: Der Pilot habe mit Absicht die Tür zum Cockpit zugemacht, damit der andere nicht wieder reinkommt. Ich sehe den fassungslosen Blick meines Kindes und überlege, ob ich weitererzählen soll. Ich entscheide mich dafür und erkläre weiter, dass der im Cockpit verbliebene Pilot dann das Flugzeug gegen den Berg gelenkt habe.

Ich schlucke, als der mini-monsieur mit leiser Stimme „Warum?“, fragt.

Ja, warum macht jemand sowas? Warum lenkt jemand mit Absicht ein Flugzeug gegen einen Berg mit dem Wissen, dass neben ihm auch alle Anderen sterben werden. Wie erkläre ich einem Fünfjährigen, was eine Depression ist.

Ich bin nicht ganz glücklich mit meiner Wortwahl, als ich ansetze: „Der war krank im Kopf. Und im Herz. Der hat Dinge gedacht und gefühlt, die ihn ganz durcheinander gebracht haben. Und Menschen, denen es so geht, die machen manchmal Dinge, die man nur ganz schwer verstehen kann.“

Der mini-monsieur nickt nur noch. Es arbeitet in ihm. Aber für heute lassen wir es erstmal sacken.

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* Grzimeks Sohn Michael kam bei einem Flugzeug-Unglück ums Leben: Sein Flugzeug kollidierte mit einem Geier und beschädigte eine Tragfläche.

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