Es war einmal …

… ein noch ziemlich kleiner mini-monsieur, bei dem etwas nicht stimmte.

Das erste Mal war er gut eineinhalb Jahre alt, als ich dachte, eine komische Beule in seiner Leiste wahrgenommen zu haben. Aber irgendwie kam die nicht wieder. Oder zumindest nicht, wenn ich ihn wickelte. Hmmm, vielleicht hatte ich mich doch getäuscht.

Doch dann – so zwei Monate später, es war Ende Februar 2011 – war die Beule dann ziemlich groß. Eine dicke Beule in der linken Leiste. Intuitiv dachte ich sofort an einen Leistenbruch. Zum Glück hatte der damals noch ziemlich kleine Mann keine Schmerzen. Aber natürlich war es an einem Sonntag, als ich das bemerkte. Ich telefonierte rum und landete am Ende bei einem Klinikum in Offenbach. Ich sollte versuchen die Beule zurückzudrücken und dann vorbeikommen.

Okay, es fühlte sich schon etwas komisch an, den Darm meines Sohns wieder an Ort und Stelle zurückzubringen. Aber was muss, das muss. Was nicht musste, war ein Besuch im Offenbacher Krankenhaus. Womöglich hätten wir dableiben müssen. Und mal ehrlich wer übernachtet schon freiwillig in Offenbach. Und dann auch noch im Krankenhaus. Der mini-monsieur hatte keine Schmerzen. Also entschied ich, dass es auch reicht, wenn wir am nächsten Tag mit dem Kinderarzt Kontakt aufnehmen.

Ich rief beim Kinderarzt an und schilderte ihm das Problem. Ja, Verdacht auf angeborene Leistenhernie*. Wir sollten uns in der Kinderchirurgie vorstellen. Was wir am 1.3. taten. Verdacht bestätigt inklusive Hodenhochstand. OP-Termin erst zwei Wochen später. Bis dahin sollten wir, sollte die Beule wieder auftreten, ebendiese wieder reindrücken. Ich hatte ja schon geübt.

Dann wurde der mini-monsieur krank und wir mussten die OP verschieben. Ende März wurden das Kind und ich für eine Nacht stationär aufgenommen. Dazu waren wir am Vormittag gegen 9h00 im Krankenhaus mit einem seit 12 Stunden nüchternem Kind. Mit entsprechender Laune.

Wir bekamen ein Zimmer zugewiesen und dann passiert erstmal: nichts. Es fühlte sich keiner berufen, uns den restlichen Verlauf des Tages mitzuteilen. So erkundeten wir ein wenig die Station, bekamen Hunger und warteten. Und warteten. Und warteten.

Es wurde 10h30 als auf einmal eine Schwester reinkam und dem mini-monsieur ein emla-Pflaster auf die Hand klebte und einen Beruhigungssaft hinstellte. Infos darüber, wie es dann weitergehen sollte, bekamen wir immer noch nicht.

Eine Stunde später – wieder aus dem Nichts – erschien Krankenhauspersonal und meinte, dass sie jetzt den mini-monsieur in den OP brächte. Der Beruhigungssaft hatte überhaupt nicht gewirkt und das Kind schrie. Als wir Anstalten machten, das Bett mit unserem Kind drin begeleiten zu wollen, wurde uns harsch mitgeteilt, dass das nicht ginge. Bitte?! Mein Kind schreit, ich werde nicht informiert und darf dann noch nichtmal mein Kind begleiten? Ich ließ nicht von meinem Kind ab. „Aber nur bis zum Fahrstuhl“, wurde uns dann gnädig erlaubt.

Es war einer meiner schlimmsten Momente, als das Bett mit dem schreienden mini-monsieur drauf in dem Fahrstuhl verschwand und ich seine verzweifelte Stimme einige Stockwerke weiter oben hören konnte. Die Tränen liefen.

Die Operation selbst dauerte nicht lange. Wie lange, weiß ich aber nicht mehr. Irgendwann stand aber ein Arzt im Zimmer, der uns mitteilte, dass alles gut gelaufen sei. Ich ging mit ihm mit zum Aufwachraum. Auf dem Weg zu meinem Kind erklärte er noch, dass es wohl etwas schwierig gewesen sei, ihn zu narkotiseren und den Zugang zu legen, da er sich mit Händen und Füßen gewehrt hatte. Noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich daran denke. Diese Renitenz liegt in den Genen.

Und da lag er nun, der kleine Mann. Zunächst noch nicht wach, aber er kam schnell zu sich. Ich war erleichtert.

Im Zimmer war er anfangs noch ziemlich matt. Aber das änderte sich bald. Er hatte Hunger und bekam Salzstangen. Und dann wurde es auch schon ziemlich schwierig ihn davon zu überzeugen, dass er ruhig machen sollte. Aber der Rest des Tages verlief entspannt. Die Nacht, soweit man das im Krankenhaus sagen kann, auch. Und dann sollten wir ja schon wieder entlassen werden.

Vor der Entlassung stand aber noch die Visite. Und das ruppige Vorgehen vom Vortag setzte sich fort: Die Naht sollte angeguckt werden, wozu das Pflaster abgemacht werden sollte. Es war eh schon schwer, den wieder topfitten mini-monsieur davon zu überzeugen, dass er jetzt gerade nicht rumtoben durfte, da wurde ich auch schon angewiesen mein Kind zu fixieren. Hallo?! Geht’s noch? Ich wollte meinem Kind erkläre, was nun passierte, da wurde mir ins Wort gefallen. Ich solle nicht reden, sondern nur mein Kind festhalten. Ich nahm ihn in den Arm und da machte es auch schon „ratsch“ und völlig aus dem Nichts (also zumindest für den mini-monsieur) riss der eine Arzt das Pflaster ab. Mein Kind schrie. Und hätte ich ihn nicht im Arm gehabt, hätte er den Mann in Weiß wohl auch gebissen. Alles gut. Neues Pflaster raus. Und dann nichts wie raus.

Alles verheilte. Die Fäden wurden problemlos entfernt. Die Narbe verheilte und war aufgrund ihrer Position schnell kaum noch sichtbar. Bei der U7 war alles unauffällig. Und zum 2. Geburtstag des mini-monsieurs war alles so gut wie vergessen.

Doch dann, Ende Juli, war da auf einmal wieder eine Beule in der Leiste. Diesmal rechts**.

Ich repositionierte alles, rief den Kinderarzt an, holte die Überweisungen ab und überlegte, was wir nun tun sollten. Klar, operieren, doch wo. Wollten wir wieder in dieses unsägliche Krankenhaus? Oder wollten wir für so einen kleinen Routineeingriff einmal quer durch die Stadt bis nach Höchst fahren?

Da fachlich alles einwandfrei verlaufen war und ich ja nun gewappnet war, wurden wir trotz der wirklich schlechten Erfahrung vier Monate zuvor wieder im gleichen Krankenhaus vorstellig. Mit „Das haben wir auch selten“, wurde der Verdacht bestätigt. Nun denn, also wieder eine Nacht im Krankenhaus. Oder auch nicht: Wir bekamen einen OP-Termin und die Ansage: „Seien Sie bitte um 7 Uhr morgens da. Er ist dann der Erste. Bis zum Mittagessen sind Sie wieder zu Hause.“ Wie? Nicht über Nacht bleiben? Nein, bei den Über-2-Jährigen wird sowas ambulant gemacht. Na prima, da kann ich mich ja auf neue Katastrophen gefasst machen.

Mitte August war es dann soweit. Pünktlich waren wir mit dem nüchternen mini-monsieur da und kamen auch direkt dran. Kurze Voruntersuchung. Und dann die „Vor-Sedierung“. Als die Schwester mit dem klebrig-süßer Himbeersirup-Cocktail kam, meinte ich noch, dass der Beruhigungssaft bei der ersten OP nicht gewirkt hätte. „Ja, da war er ja noch unter zwei. Das ist ein anderes Medikament. Das wirkt nicht immer“, bekam ich zu hören. Es war etwas schwierig das zu süße Zeug in den mini-monsieur zu bekommen, aber es wirkte sehr schnell. Krass schnell. Und extrem erschreckend, wenn man sein Kind da so willen- und spannungslos liegen sieht. Dann ging es auch schon in den OP. Ich durfte ihn bis zur OP-Tür tragen. Kein Geschei. Keine Tränen. Ich hatte kaum Zeit, dieses gute Gefühl zu genießen, da durften wir auch schon wieder zu unserem Kind. „So wie der schnarcht, hat der bestimmt Polypen“, meinte die Schwester mit einem Lächeln. Dann dauerte es auch nicht lang, bis der mini-monieur wach wurde. Er war gut drauf und hatte direkt Hunger. Wieder gab es Salzstangen. Dann hielten wir uns noch einen Moment im Garten auf. Das Kind wird immer munterer und so sind wir tatsächlich noch vor Mittag zu Hause.

Na bitte, es geht auch anders.

Was nicht so ganz geht, ist der ehemalige Kinderarzt vom mini-monsieur. Denn wie ich erst Monate später nach den OPs sehe, ist ein Eintrag vom ihm im U-Heft. Bei der U6 (also zum 1. Geburtstag) ist „Hodenhochstand re[chts]“ markiert. Und ich weiß sicher, dass er NICHT mit mir darüber gesprochen hat.

———————————

* 3 Prozent aller Kinder kommen mit einer angeborenen Leistenhernie auf die Welt. Das Verhältnis Jungs zu Mädchen ist 80:20. Davon haben 7-9 Prozent Hodenhochstand.

** Einen doppelseitigen angeborenen Leistenbruch haben nur 15 Prozent aller Kinder mit Leistenbruch (60% nur rechts, 25% nur links).

Ein Gedanke zu „Es war einmal …

  1. Pingback: Kleinkram | Groß-Stadt-Ansichten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s