Besinnung

Als klar war, dass wir Weihnachten bei meinen Eltern verbringen werden, ging ich mit dem Gedanken schwanger, ob ich nicht endlich mal wieder an Heilig Abend in die Kirche wolle. Als dann auch noch herauskam, dass der mini-monsieur mit seinem kleinen Kirchenchor Teil des Weihnachtsgottesdienst hätte sein können, wenn wir denn da gewesen wären, entschied ich, dass es eine gute Sache sei, mit dem Kind in den Familiengottesdienst zu gehen. In „meiner“ Gemeinde. In meiner kleinen, feinen reformierten Gemeinde. Da, wo ich mit sechs Jahren auf eigenen Wunsch getauft wurde, wo ich konfirmiert wurde, wo ich lange Jahre aktiv an der Jugendarbeit teilgenommen und mitgewirkt habe (ich wollte sogar eine zeitlang Theologie studieren) und wo ich tatsächlich auch kirchlich getraut wurde – von dem Pfarrer, der mich schon getauft und konfirmiert hatte.

Ich glaube bin mir ziemlich sicher, dass ich seit meinem Wegzug nach Frankfurt nicht mehr in dieser Kirche war.* Und auch sonst auch nicht wirklich außer zu Hochzeiten, Taufen oder einem Erntedank-Gottesdienst in Hamburg.

Und gestern war es fast wie früher, als ich noch Kind war. Da gingen für gewöhlich wir Geschwister mit meinem Vater in die Kirche. Und auch in diesem Jahr blieb meine Mutter zu Hause, um „das Christkind reinzulassen“. Auch etwas Neues für den mini-monsieur: Bei meinen Eltern bringt nicht der Weihnachtsmann die Geschenke (so** haben wir es all die Jahre zuvor dem Kind erklärt), sondern das Christkind.

Als es soweit war, war die Weihnachts-Aufregung beim mini-monsieur schon sehr groß und er wollte eigentlich nicht mit in die Kirche. Aber das ließ ich nicht gelten. Wir gingen also zu dritt.

Familiengottesdienste sind ja bekanntlich gut besucht und so waren wir 20 Minuten vor Beginn auch definitiv nicht zu früh. Wir bekamen aber noch Plätze. Doch dann entdeckte der mini-monsieur, dass vorne die Kinder sitzen durften. Und da wollte er auch hin. Dass ich nicht mitkommen konnte, fand er nicht schlimm, sondern stapfte allein los und war bis kurz vor Gottesdienstschluss nicht mehr zu sehen. Ich freute mich beim Blick durchs volle Kirchenschiff, tatsächlich ein paar alt-bekannte Gesichter zu sehen.

Durch das Krippenspiel, das doch eher erst ab 10+ geeignet war, denn es war schon sehr modern interpretiert und hatte einige gesellschaftskritische Kommentare, war der Gottesdienst jetzt nicht sehr streng reformiert. Es wurde doch recht viel gesungen. Und es wurde applaudiert.

Aber bei mir machte sich ein wohlig-warmes Gefühl aus Besinnung, Rührung und auch Zu-Hause-sein breit. Und bei der Kurzpredigt dachte ich das eine oder andere Mal: Der Umgang der Menschen miteinander könnte ein deutlich friedvollerer und erfüllterer sein, wenn die christlichen Werte mehr verinnerlicht wären, oder zumindest nicht aus Prinzip dagegen angekämpft würde.

Daher macht es Euch einfach schön mit Euren Liebsten und Nächsten. Hängt Euch nicht an Kleinigkeiten, Äußerlichkeiten oder gar Materiellem auf. Freut Euch, dass Ihr einander und es gut habt. Denn wer das weiß, kann auch viel einfacher Gutes weitergeben.

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* Ich muss gestehen, dass mir dieses frühe Aufstehen am Sonntag (!) wirklich ein Graus ist. Dazu kam, dass ich so in meiner Bielefelder Gemeinde verwurzelt war, dass es mir schwer fiel, mich auch nur gedanklich auf was Neues einzulassen. Die Frankfurter Reformierte Gemeinde ist halt auch nicht um Eck. Außerdem schien es, als passe all das nicht mehr in mein Arbeitsleben. Und dann war da irgendwann auch der Kindsvater, der eine tiefe Abneigung gegen die Kirche hat. Der mini-monsieur ist auch nicht getauft. Aber er hat in Hamburg einen kirchlichen Kindergarten besucht und ich werde ihn auch nicht beim schulischen Religionsunterricht abmelden. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gott und Kirche etwas Tolles ist. Etwas, das einem Halt/ einen Rahmen gibt, das einem Werte mitgibt, die man zwar auch so leben kann sollte, aber die einfacher umzusetzen sind, wenn man die Hintergrund kennt. Ein Großteil unseres Gesellschaftssystems fusst nunmal auf christlichen Werten. (Damit will ich aber nicht aussagen, dass es bestimmte viele Werte nicht auch in anderen Religionen gibt. Aber das westliche Europa hat nunmal eine vorrangig christlich gepägte Geschichte.)

** Zum einen, weil dem Kindsvater ja eh alles Christliche zuwider war, aber zum anderen auch, weil es kein wirkliches französisches Pendant bzw- Ünersetzung fürs Christkind gibt – zumindest nichts, was dem Kindsvater geläufig war.

2 Gedanken zu „Besinnung

  1. Ich bin eigentlcich auch immer gerne zum Gottestdienst gegangen, besonders “zu Hause”. Aber dort ist jetzt ein Pfarrer, auf den ich wirklich gar nicht kann und hier in Hamburg… meist wenig vertraut, das evangelische. Heiligabend in der niedersächsischen Pampa war es dann aber doch sehr schön 😉 Was mich in den letzte Jahren immer mehr gegen den ganzen Kirchenkram aufgebracht hat, ist aber ein gewisser Teil meines Geschwägeres, was sehr geflissentlich zu den Gottesdiensten geht, die Kinder auf eine evangelische Privatschule schickt, mich bei jeder Gelegenheit damit nervt, dass wir doch nun auch wieder mit den Kindern zum Gottestdienst könnten… und dann der Brut beibringt, zum eigenen Vorteil zu Lügen und dabei den Schaden Anderer (Fremder) in Kauf zu nehmen. Oder die Knete im Teppich der Schwiegermutter mit einem Späßchen kommentiert und dann tatenlos abreist. Das ist halt schon die Art von Christlichkeit auf die ich nicht gut kann. Auf Deine Art kann ich aber sehr gut :-), Schön, dass Ihr friedliche Weihnachten gehabt zu haben scheint?!

  2. Pingback: Religionsunterricht | Groß-Stadt-Ansichten

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