Gewalt erzeugt Gegengewalt

… singen Die Ärzte.

Doch da sich die Gegengewalt nicht immer nur gegen den eigentlichen Verursacher richtet, wäre „Aggressionen erzeugen (Gegen-)Aggressionen“ sicherlich passender. Aber ich gebe zu: Das ist sehr schlecht zu singen.

Denn es ist doch so, dass erlebte Aggressionen, vor allem wenn sie massiv und unwillkürlich stattfinden, zu einer inneren Aggressivität führen, die sehr (selbst-) zerstörerisch ist sein kann, wenn man es nicht schafft, zu reflektieren und die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Die wichtige und erschütternde Blogparade von geborgenwachsen hat da einen Stein viele Steine ins Rollen gebracht. Und weil diese Situation gerade so frisch und präsent war, habe ich sie mir erst mal von der der Seele geschrieben. Doch die Frage nach dem allgemeinen Umgang mit Gewalt gegen Kinder lässt mich nicht los. Die Berichte – fast täglich ein neuer – lassen mich nicht los. Und ich frage mich, wie ich Gewalt als Kind erlebt habe und wie ich heute darüber denke.

Ich möchte folgendes vorwegschicken – nicht um meine Eltern zu entschuldigen, sondern, weil ich es wirklich so meine: Ich habe eine tolle Erziehung genossen. Klar habe ich mich auch mal ungerecht behandelt gefühlt. Aber ich war halt die einzige Tochter zwischen zwei Brüdern. Und doch hatte ich viele Freiheiten und wurde immer in meiner Person bestärkt. Dass ich, so wie ich bin, schon ganz gut bin. An einer Stelle dieser vielen Berichte las ich etwas von Urvertrauen. Und ja, das habe ich. Auch wenn es zwischendurch eine Phase gab, in der meine Eltern und ich keinen Kontakt hatten. Und auch wenn meine Eltern Gewalt gegen mich ausgeübt haben.

Ich will nicht sagen, dass es solche und solche Gewalt gibt. Aber ich glaube, dass es eine Frage der Grundhaltung ist: Werden Schläge als standardisierte Erziehungsmethode eingesetzt, weil man es nicht anders kennt oder lernen will oder passiert das tatsächlich nur „einmalig“, weil die Überforderung zu groß ist? Ich weiß, der Grat dazwischen ist ein verdammt schmaler.

Woher ich komme…

Bewusst kann ich mich an zwei drei Situationen erinnern:

Ich weiß gar nicht, wie alt ich war. Aber es wird noch im Kindergartenalter gewesen sein. Meine Mutter und ich (und ich gehe davon aus, mein kleiner Bruder auch) wollten spazieren gehen. Ich konnte es nicht abwarten und rannte schon mal los. Raus aus dem Haus und über die kleine – aber wirklich saugefährliche – Straße, an der wir damals wohnten. OHNE zu gucken. Was dann genau geschah, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass meine Mutter mich packte und in den Keller sperrte. Nicht lange. Aber für mich damals eine gefühlte Ewigkeit. Und dass ich mich heute noch daran erinnere und Angst vor Kellern habe, zeigt, dass es „wirkungsvoll“ war.

Beim zweiten Erlebnis weiß ich gar nicht, was dazu geführt hat. Auf jeden Fall weiß ich noch, das ich tagelang den roten Handabdruck meiner Mutter auf einer Pobacke trug. Sie hatte „nur“ einmal gehauen. Aber es hat gereicht.

Die dritte und letzte Situation war sehr entscheidend für meine Eltern und mich: Ich muss etwa elf oder zwölf gewesen sein. Und mein Vater hob, warum weiß ich nicht mehr, die Hand gegen mich. Ich weiß noch heute, wie ich ihm in die Augen schaute und sagte: „Wenn du zuhaust, rufe ich das Jugendamt an.“ Er ließ die Hand sinken und das Thema Gewalt hatte sich für immer erledigt.

… und wo ich stehe

Wann immer ich irgendwelche Berichte über Kindesmisshandlung lesen, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg. Diese Blicke in die Abgründe des menschlichen Wesens sind sehr schwer zu ertragen. Aber ich hoffe, dass sie – nicht nur – meine Aufmerksamkeit schärfen.

Als ich mit dem mini-monsieur schwanger war, stand für mich fest, dass mein Kind nicht geschlagen wird. Keine Klapse, Ohrfeigen, Kniffe oder Schlimmeres. Auch wenn ich rückblickend tatsächlich sagen würde, dass es mir „nicht geschadet“ hat (Anders als meine Mutter, die sich bis heute noch Vorwürfe macht). Denn es war keine systematische Gewalt, gegen die ich mich nicht wehren konnte und die sich in mir anstauen konnte.

Aber ich hatte sehr ernste Diskussionen mit dem Kindsvater zum Thema Gewalt in der Kindeserziehung. Er hatte – sagen wir es mal etwas blumig – eine sehr spezielle Erziehung genossen. Von der auch er behauptet, dass sie ihm nicht geschadet hat. Und aus dieser Überzeugung heraus meinte er auch, dass mal ein Klaps oder ähnliches durchaus angebracht wären.

Ohh nein! Nicht mit mir.

Wir diskutierten viel und lange. Ich fragte ihn, was Gewalt bringen würde. „Respekt“, lautete die Antwort. Ich weiß nicht, ob es meine Antwort „Man kann keinem Respekt einprügeln. Die kommt von innen. Alles andere ist ANGST“ war, zumindest wurde der mini-monsieur nicht geschlagen. Aber gelitten hat er trotzdem und tut es immer noch. Und ich ertappe mich manchmal bei dem Gedanken, ob physische Gewalt nicht doch besser zu „ertragen“ ist als psychischer Terror.

Aber wenn in einer Grundsatz-Diskussion über DIE Deutschen und DIE Franzosen der Vater seinem Kind erklärt, dass es in Deutschland ja verboten sei, seine Kinder zu schlagen, in Frankreich hingegen es aber noch erlaubt sei, dann bekomme ich doch ein sehr mulmiges Gefühl.

Ein Gedanke zu „Gewalt erzeugt Gegengewalt

  1. Seufz.Vermutlich kommen irgendwann alle deutsch-französischen Eltern an diesem Punkt nicht vorbei…Wie oft ich meine Kinder untereinander streiten höre und dann immer „tu veux une fessee?“ und das hören sie nicht zuhause. Der Monsieur ist in seiner Schulzeit in den 80zigern von seinen Lehrern noch geohrfeigt worden.
    Wenn ich darf hätte ich gern das Passwort zu den anderen Artikeln, ich les nur meist auf dem handy und kann da nicht kommentieren.
    Liebe Grüsse aus Nancy
    Rina

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