Ich sehe rot

Ich habe ja echt nichts gegen unterschiedliche pädagogische Ansichten. Das soll und kann ja jeder für sich und sein Kind gestalten, wie er es für richtig hält. So auch bei der Wahl der „richtigen“ Schulphilosophie.

Ich habe mich noch nicht in aller Intensität mit anderen Schulformen beschäftigt, denn ich habe nichts gegen das deutsche Schulsystem und die Regelschule. Ich weiß ein wenig über Waldorf und Montesori. Es gibt auch Laborschulen*, deren pädagogische Idee auch ein sehr eigene ist. Was ihnen gemein ist, ist sicherlich der Ansatz den Schüler als Individuum besser zu fördern. Zum Teil dürfen auch individuelle Vorlieben deutlich stärker ausgelebt werden oder werden gar gefördert. Dazu kommt, dass weitestgehend (oder zumindest länger Zeit) ohne Leistungsbeurteilung per Noten gelehrt wird. Kann man machen. Hat seine Berechtigung. An eben entsprechenden Einrichtungen.

Doch nicht jede Schule – und schon gar nicht die staatlichen Regelschulen können, wollen und sollten so agieren. Denn es gibt schon einige Kinder, denen die Regelschule einen deutlich stabileren Lernrahmen gibt. So wäre ich, faul wie ich bin, auf diesen „alternativen“ Schulen gnadenlos untergegangen – also was das Erlangen von Wissen angeht. Mein kleiner Bruder hätte es vermutlich irgendwie zur Mittleren Reife geschafft, aber sicherlich nicht den Ansporn gehabt, doch noch sein Abi zu machen (und dann Inschenör zu werden).

Und wenn ich dann solche Artikel lese, bekomme ich Puls. Ich könnt mich nur uffreschen, wie der Hesse sagen tät.

Von Natur aus bin ich kein sonderlich kompetetiver Mensch. Wettbewerbe sind mir nahezu zuwider. Aber da ist ja jeder Jeck anders. Mein Sohn beispielsweise: höher, schneller, weiter…
Von daher war es mir meist ziemlich egal, ob ich nun eine Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen bekam oder nicht. Ich fand das Event toll. Den einzigen Ehrgeiz hatte ich wohl in Mathe. Mir fiel das schon immer leicht, aber als ich im Gymnasium merkte, dass es da einen – auch noch – Jungen gab, der ähnlich gut war wie ich, wollte ich doch noch etwas besser sein. Ansonsten waren mit Noten gleich.

Aber ich schweife ab. Dieser Artikel also… Was soll bitte schön aus solchen Kindern werden? Wo soll das enden?

Kinder wollen sich messen. Die gucken, wer kann was wie (gut). Ahmen das nach oder entdecken, dass sie an anderer Stelle besser sind. Das ist doch ganz normal. Wie soll ein Kind wissen, dass es etwas besonders gut kann, und vielleicht diese Fähigkeit noch mehr verbessern könnte (z.B. im Sport), wenn es keine entsprechende Bestätigung bekommt? Alle über einen Kamm scheren, kann es doch nicht sein. Gleichmachen auf Biegen und Brechen? So werden doch keine individuellen Stärken gefördert! Jeder kann nun mal nicht alles gleich gut.

Ich frage mich wirklich, was die Lehrkräfte in dem Artikel mit ihrer komischen Kuschelpädagogik erreichen wollen. Vielleicht ist es aber auch nur eine Reaktion auf das, was ihnen in die Schule getragen wird (ja getragen – zumindest hat man manchmal das Gefühl, dass die Kinder mindestens im übertragenen Sinne getragen werden).

Denn welches Kind lernt heute noch frühzeitig, mit Frustration und Niederlagen umzugehen? Vielen Kindern wird der Ar… äh jeder Wunsch von den Lippen abgelesen und bei jedem kleinen Huster hingerannt. Das Kind langweilt sich. „Prima, endlich“, kann ich nur sagen. Soll es doch. Daraus kann doch erst Kreativität entstehen. Aber Eltern sind heute so verunsichert und so mit sich damit beschäftigt, es dem Kind recht zu machen, dass sie das gar nicht mehr ertragen, wenn das Kind quäkt. (Und ich frage mich wirklich, ob diese Eltern alle so eine schlimme Kindheit hatten, dass sie es nun so übertreiben.)

Dieses In-Watte-Packen geht gar nicht. Wo soll das denn enden? Nachhilfe und/ oder Studienabbrüche, weil die überhaupt keinen Ansporn und Ehrgeiz haben? Werden wir Eltern für unsere Kinder in die Schule gehen, das Studium absolvieren und auch ihren Job antreten?

Ach halt, das gibt es ja schon. Immer mehr Eltern stehen regelmäßig bei den Lehrern ihrer Kinder auf der Matte und kritisieren den Unterricht (oder die Person selbst), wenn das Kind schlechte Noten schreibt. Dass es am saufaulen minderintelligenten Kind selbst liegt, KANN ja gar nicht sein. Schuld sind immer die anderen. (Wobei man ja beim Fingerzeigen bedenken sollte, wohin die anderen Finger zeigen.) Es wird um Gymnasium-Empfehlungen gebettelt oder sogar eingeklagt. Ein Anwalt für solche Dinge ist mittlerweile ein Statussymbol wie das Kind selbst.

Mein Papa als Prof hatte in den letzten Jahren vor den Pensionierung immer öfter die Eltern – gerne auch mal allein – vor sich in der Sprechstunde sitzen. WTF!!! Ich hätte mich in Grund und Boden geschämt, wenn meine Eltern das auch nur einmal versucht hätten. DAS war meine Angelegenheit.

Und ganz ehrlich, derzeit schimpfen alle über G8, über die Art, wie unsere Kinder schreiben lernen, über die unmotivierten Lehrer, über Bachelor-Master überüber. Man kann das alles gut finden oder nicht, aber es ist so, wie es ist. Und solange das so ist, müssen die Kinder da durch. Da tue ich meinem Kind doch einen größeren Gefallen, wenn ich es dabei unterstütze, das alles so gut wie möglich zu meistern, anstelle einfach nur stumpf dagegen zu sein.

Und dann kommen auch noch so bizarre Auswüchse – wie im Artikel beschrieben – dazu, dass Eltern sich den Rotstift in den Arbeiten verbeten.

Sagt mal, geht es noch? Kein Rotstift?

Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war. Aber wenn ich mir meine Generation angucke, kann soviel nicht falsch gewesen sein. Oder sind wir jetzt alle nach 13 Jahre Rotstift geschädigt?
* So gibt es in Bielefeld eine Laborschule. Und wenn ich damals einen Platz bekommen hätte, wäre ich da wohl gelandet. Meine Eltern fanden das schick. Keine Ahnung, wie ich jetzt denken würde, wenn mich dieses Schicksal ereilt hätte, aber ich glaube, es war mein Glück, dass ich eine ganz profane Regelgrundschule und anschließend auf ein noch profaneres Gymnasium ging.

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