Wenn die Dinge nur so einfach wären

Oder auch: Alles nur wegen eines Buchs

An mehreren Stellen ploppt gerade das Thema „häusliche Gewalt“ auf. Und ich bin erschüttert über die Berichte. Sie machen mich betroffen. Betroffen, weil ich Fälle physischer häuslicher Gewalt in meinem Umfeld kenne. Betroffen, weil ich letztlich selbst betroffen war. Und doch ertappe ich mich bei dem Gedanken, meine Erlebnisse zu relativieren, wenn ich diese Berichte lese. Denn ich habe keine physische, sondern „nur“ psychische Gewalt erlebt.

Es fing mit Kleinigkeiten an. Schon früh, als wir noch eine Fernbeziehung hatten, stritten wir immer wieder über Kleinigkeiten, die aus seiner Eifersucht und seinem Misstrauen heraus kamen. Er war auf meinen besten Kumpel eifersüchtig. Er fehlinterpretierte Informationen, die er fand oder auf die Entfernung nicht richtig einordnen konnte. Er war eifersüchtig auf meine Mädels.

Einmal hatten wir an einem wunderschönen Strand einen ganz furchtbaren Streit aufgrund seines Misstrauens. Ich weiß letztlich nicht mal mehr genau, warum. Seitdem kann ich, wenn es bei Entspannungsübungen heißt: „Stellen Sie sich einen tollen Ort – Strand, Wald, was Sie wollen – vor.“, nicht mehr den Strand nehmen, weil mir immer dieses Bild in den Kopf schießt.

Doch während ich analysierte, versuchte zu verstehen und zu dem Schluss kam, dass das alles doch nur Missverständnisse aufgrund der Sprache, der Kultur und überhaupt seien. Dass es daran liege, was er schon erlebt hat. Dass ich ihm nur Zeit geben müsse. Dass sich das schon finden würde. Dass wir uns nur besser kennenlernen müssen, hatte er all diese Gedanken nicht: Für ihn zählte das, was ich sagte und machte – 1:1. Egal, wie gut mein Französisch war. Egal, ob ich es mit meinem Hintergrund anders meinen könnte. Egal, ob er Wörter, Sätze, Situationen aufgrund seiner Erfahrungen anders interpretiert. Egal, ob und wie gut wir uns schon kennen.

Es wurde auch nicht besser, als er zu mir zog. Im Gegenteil. Es wurde schlimmer. Denn ich konnte mich seinen Ausbrüchen nicht mehr entziehen. Wir konnten uns nicht mehr aus dem Weg gehen. Die Schwangerschaft änderte auch nichts an seinem Verhalten. Er nahm auch keine Rücksicht darauf. Wenn er sich streiten wollte, musste das gnadenlos durchgezogen werden, ob ich k.o. war, schlafen wollte (weil ich am nächsten Tag arbeiten musste) oder ich einfach keine Lust auf seine haltlosen Anschuldigungen hatte, war egal. Er MUSSTE seinen Frust loswerden.

Ich habe ertragen, dass er mich beschimpft hat und sogar seine Vaterschaft infrage gestellt hat. Ich habe ertragen, dass er meinen Computer durchforstet hat. Ich habe ertragen, dass wir uns streiten mussten, wenn ich Parfum oder Lippenstift aufgetragen habe. Ich habe ertragen, wenn er meinen Kleidungsstil kritisiert hat. Ich habe ertragen, wenn er mich für meine Vergangenheit angegriffen hat. Ich habe ertragen, als wir uns wegen eines neuen Haarschnittes meinerseits gestritten haben. Ich habe ertragen, dass ich aus Wut über ihn viele, viele Bilder verloren habe. Ich habe seine Unberechenbarkeit ertragen – nie wusste ich, wann und warum wir uns wieder streiten werden.

Ich habe sechs Jahre auf bzw. mit einem Pulverfass gelebt, das IMMER hochgehen konnte und es auch regelmäßig tat. Dennoch habe ich gekämpft, verziehen, erklärt, entschuldigt.

Für uns. Weil das, was ich für ihn empfunden habe, groß war. Größer als alles, was ich bis dahin erlebt habe. So groß war, dass ich ein Kind mit ihm wollte.
Für unser Kind. Weil er ein liebender Vater ist und ich meinem Kind nicht den Vater nehmen wollte.

Ich habe lange meinem Umfeld nichts gesagt. Weil ich ihm noch eine und noch eine und noch eine Chance geben wollte. Weil ich mich geschämt habe, dass ich, die starke, mutige, selbstbewusste Frau, die immer sagt, was sie denkt und sich nur selten die Butter vom Brot nehmen lässt, das alles mit sich machen lässt.

Doch dann kam der Moment, in dem er unser Kind, das eh schon genug miterlebt hat, aktiv einbezogen hat:

Unvermittelt aus dem Nichts hat er ihn – wie sonst mich – verbal angegriffen überfallen.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass es nicht mehr geht. Dass ich Tür und Tor für weitere Male öffne, wenn ich ihm das verzeihe durchgehen lasse, weil das ja „mal passieren könne“ (seine Worte). Dass dann keiner mehr seines Lebens froh würde. Und es reichte ja schon, dass ich aus Angst vor ihm nicht mehr ich selbst war.

Und wenn mein Kind mich fragt: „Mama, hast du das Buch noch?“
„Welches Buch?“
„Na, das Buch, wegen dem Papa nicht mehr bei uns wohnen darf.“

Dann weiß ich leider, dass ich endlich die richtige Entscheidung getroffen habe.

3 Gedanken zu „Wenn die Dinge nur so einfach wären

  1. Hallo!
    Ich lese jetzt seit mind. einer Stunde deinen Blog.
    Ich bin gefesselt, fasziniert!
    Und eben habe ich diesen Eintrag gelesen. Es ist, als ob dies meine 18jährige Beziehung mit einem Mann aus einer anderen Kultur, mit einer anderen Muttersprache ist. Bei mir kam am Ende auch noch die physische Gewalt dazu.
    Auch ich bin eine Frau, die sie nicht „die Butter vom Brot“ nehmen lässt, die für Gerechtigkeit kämpft, die stark ist.
    Heute bin ich unendlich froh, dass ich kein Kind mit diesem Mann habe.
    Leider ist es für mich nun zu spät, mit meinem Lebenspartner, mit dem ich nun schon sieben Jahre glücklich bin, ein Kind zu bekommen. Und das ist traurig. So viel meiner Lebenszeit habe ich mit diesem Typen verschwendet!
    Ich wünsche dir, dass sich bei euch alles zu deinem und zum Wohl deines Kindes entwickelt!
    Herzliche Grüße!
    Edith

    • Liebe Edith,
      Vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Es ist erschreckend, wie vielen Frauen es so oder ähnlich geht. Und es tut mir so leid, wenn aufgrund solcher Erfahrungen (Lebens-)Träume nicht verwirklicht werden können – wie bei Dir ein eigenes Kind.
      Ich möchte den mini-monsieur nicht missen, aber manchmal habe ich auch den Gedanken, wieviel einfacher es ohne wäre…
      ❤ B.

  2. Pingback: Lichtblicke 2014 | Groß-Stadt-Ansichten

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