Guten Appetit

Ich habe, wie so viele Frauen, ein halb-mittel (ich liebe diese Wortschöpfung des mini-monsieurs) gestörtes Verhältnis zum Essen. Lange Zeit konnte ich essen, was ich wollte, ich nahm nicht wirklich zu. Ich war sicherlich nie ein Gerippe, aber weit einfernt von dick. Als die erste große Beziehung zu Ende ging, konnte ich vor Kummer nicht essen. Fast eine Woche lang. Das war nicht sonderlich gesund. Die Bulimiephase danach allerdings auch nicht. Irgendwie bekam ich das in den Griff und aß wieder normal. Als ich dann mit 21 mal wieder auf die blöde Idee kam, die Pille zu nehmen, habe ich es mir es versaut: Ich nahm binnen kürzester Zeit stark zu (3-4 Kleidergrößen). Doch komischerweise habe ich mich nicht so dick in Erinnerung. Wenn ich allerdings Bilder aus der Zeit sehe, dann bin ich doch erschreckt. Das Gewicht hielt ich eine ganze Weile mit kläglichen Versuchen ihm entgegen zu wirken. Ende 20 parallel zu einer Trennung nahm ich endlich wieder ab. Dann wurde ich schwanger, wobei sich meine Zunahme währenddessen allerdings im Rahmen hielt. Doch seit der Geburt habe ich nicht ab, sondern mal wieder kontinuierlich zugenommen. Ich bin wohl die einzige Frau, die nach der Stillzeit nicht weniger im BH hat, sondern mehr.

Warum ich das schreibe: Weil ich hoffe, dass ich den mini-monsieur (trotzdem) anders erziehen kann. Daher wird er für gewöhnlich nicht zum Aufessen genötigt. Er hat kein Interesse daran, sich selbst aufzutun. Aber selbst wenn, würde ich nie die Regel „Was man sich aufgetan hat, muss man auch aufessen“ einführen. Ein „satt“ (das Wort gibt es übrigens nicht im Französischen) wird eigentlich immer akzeptiert. Sicherlich gibt es hier auch ab und an die Ansage: „Nachtisch gibt es nur, wenn Du die letzten zwei Nudeln auch noch isst.“ (Aber auch nur, wenn es wirklich nur zwei sind.) Er bekommt was zu essen, wenn er Hunger anmeldet – auch außerhalb der Mahlzeiten. Appetit auf Süßes wird nicht unterbunden – wurde es noch nie, denn er lässt Süßes stehen, wenn er keine Lust darauf hat. Essen hat eigentlich eine untergeordnete Bedeutung bei ihm. Fast wie ein notweniges Übel, das ihn vom Spielen abhält. Eine gemeinsame Mahlzeit ist dem monsieur und mir jedoch wichtig. Der mini-monsieur muss dann nicht viel essen, aber mit am Tisch sitzen. Beim Kochen werden seine Wünsche respektiert und wir akzeptieren, dass er keine Champignons mag (wenn sie erkennbar sind). Dafür freue ich mich, dass er sich regelmäßig Spinat wünscht. Von unbekannten Lebensmitteln möchten wir, dass er wenigstens einen Bissen probiert. Und ich habe auch kein Problem zu erzählen, dass der Fisch Dinofleisch ist, wenn er es dann spannender/ essbarer findet. An manchen Stellen muss man ihn sanft zu seinem Glück zwingen: Nachmittags nach dem Kindergarten hat er oft Hunger. Wenn er die Wahl hat, will er meistens was Süßes. Steht dann da aber aufgeschnittenes Obst, stellt sich die Frage gar nicht erst. Ich freue mich sehr, wenn und dass er klar und deutlich „Hunger“ und „satt“ empfinden kann (ich kann das nämlich nicht wirklich) und hoffe sehr, dass er das beibehalten kann und wird.

Und dass ich nicht in die Falle tappe, dass (Mutter-)Liebe durch den Magen geht.