Zwischen Verwahrlosung und Helikopter

Als ich meine Rezension schrieb, verzettelte ich mich in einer Auseinandersetzung über (deutsche) Erziehungsmethoden/ – ansichten. Ich schrieb mich in Rage und schrieb und schrieb. Und irgendwann war der Abschnitt so lang, dass von der Rezension nichts mehr übrig war. Also rege ich mich in einem eigenen Artikel auf:

Es fing bei den Helikopter-Eltern an. Helikopter-Eltern verteidigen ihr Verhalten meistens damit, dass sie Sicherheit für ihr Kind wollen. Doch es geht dabei nicht um einen guten Autositz oder Schutzplättchen in den Steckdosen. Denn bei so etwas geht es um Gefahren, die es eindeutig gilt von Kindern abzuwenden. Was aber auch ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr nötig ist.

Helikopter-Eltern hingegen wollen IMMER nur das Beste für ihr Kind. Das Kind und sein Tun und sein ganzer Tag werden überwacht – auch oder gerade im Sinne von durchgeplant. Denn das gibt Sicherheit. Doch nicht dem Kind, sondern vor allen Dingen den Eltern. Eltern, die sich nichts mehr zutrauen, die oft zerissen sind zwischen Job und Kind, die versuchen durch das Umschwirren des Kindes die fehlende Zeit und Zuwendung zu kompensieren. Oder Eltern, die durch die Fokussierung auf die Brutpflege sich so in ebendiese reinsteigern, dass es pathologische Züge annimmt. Diese Eltern sind so getrieben davon, dass sie ganz vergessen, auf das Kind und ihr Bauchgefühl zu hören.

Doch woher kommt das?

Was ich beobachte ist, dass Deutschland immer wieder überspült wird von zum Teil großen und/ oder revolutionären Erziehungskonzepten. Irgendwo las ich vor kurzem, dass es in keinem anderen Land so viele Erziehungsratgeber gibt wie in Deutschland. Und dabei gilt: Je nachdem, was gerade in ist, wird vom entsprechenden Turm gepfiffen. Eltern lesen und lesen und testen und testen – am eigenen Kind. Dabei täte es allen beteiligten so gut, einfach mal das Buch Buch sein zu lassen und sich auf sein Bauchgefühl zu besinnen und zu überlegen, was man seinem Kind mitgeben möchte, welche Werte man ihm vermitteln möchte.

Doch für Eltern in meinem Alter gar nicht einfach ist, eines gutes Bauchgefühl zu haben und dann auch noch darauf zu hören. Denn ein Bauchgefühl setzt Stabilität und Sicherheit voraus und auch er- und gelebte Tradition. Doch viele Eltern von heute kennen diese Sicherheit und gewisse Traditionen nicht mehr. Denn im Normalfall sind die Eltern von heute Kinder der 1968er. Einer Zeit geprägt von Umbruch und Revolution, in der mit Traditionen gebrochen wurde, die viel verändert hatte: Die unsere Eltern verändert und geprägt hat. Und die einen besonderen Erziehungsstil mit sich brachte: die antiautoriäre Erziehung.

Dieser Erziehungsgrundsatz war eine Revolte wie die ganze Bewegung von damals. SO wie die Eltern davor erzogen, wollte es keiner mehr machten. Weg mit Rohstock und lakonischen Strafen. Das Kind muss und darf sich frei entwickeln und entdecken.

Mittlerweile wird das Konzept selbst in Frage gestellt und ich kenne keinen in meinem Umfeld, der sich dazu bekennt, sein Kind antiautoritär zu erziehen. Doch seien wir mal ganz ehrlich, wie oft sehe ich Kinder, die sich benehmen, als seien sie von allen Geistern Grenzen verlassen. Und das hat auch nichts mit Laissez-faire oder permissiver Erziehung zu tun, sondern grenzt schon fast an Vernachlässigung.

Gerade berufstätige Eltern neigen zu diesem Erziehungsstil. Das – oftmals von der Gesellschaft suggerierte – schlechte Gewissen dem Kind gegenüber soll beruhigt werden, indem das Kind tun und lassen darf, was es will. Die wenige Zeit, die man mit dem Kind verbringt, will man nicht auch noch durch Erziehung belasten. Das Kind soll sich bei Mama und Papa am wohlsten fühlen. Und klar finden es Kinder im ersten Moment toll, wenn sie abends nicht Zähneputzen müssen, weil einem die Zeit für den Kampf zu schade ist, oder sie Fernseh gucken dürfen ohne Kontrolle, nur damit es kein Geschrei gibt. Aber wir wissen doch alle, dass sich das früher oder später rächt.

Ich bin ein Verfechter von Grenzen und Konsequenzen, wobei ich diese Worte sehr hart finde. Mir gefällt der französische cadre (Rahmen) als Wort und Bild besser, aber letztlich sagt es nichts anderes aus.
Der mini-monsieur darf innerhalb dieses Rahmes sehr viel (der sehr patriarchisch-autoritär geprägte monsieur findet manchmal zu viel), aber er weiß, dass es Regeln gibt. Regeln, die wir nicht nur einfach so aufgestellt haben, weil wir es als Eltern so wollen, sondern vor allen Dingen Regeln, die Gefahren abwenden oder das Miteinander (in der Familie oder woanders) erleichtern. Es sind keine Regeln, die ihm das Leben unnötig schwer machen, sondern ihm Sicherheit geben. Er weiß, wie er sich wann und wo zu verhalten hat und kann das auch auf neue Situationen übertragen. Er weiß aber auch, dass wir da sind, um ihn aufzufangen, wenn er mal „aus dem Rahmen fällt“ – sei es, dass wir angedrohte Konsequenzen wahr machen, oder dass wir „zusammen“ eine neue Regel erarbeiten.

Ich glaube, nach außen wirkt die Erziehung manchmal „autoritär“. Ich setze die Anführungszeichen, da dieses Empfinden nichts mit der eigentlichen autoritären Erziehung zu tun hat. Wir sind lediglich (meistens) konsequent.

Ein Gedanke zu „Zwischen Verwahrlosung und Helikopter

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