Hamburg, meine Perle?!

Während ich schreibe, bin ich auf dem Weg zu meinem neuen Job. Nach Frankfurt.

Frankfurt… Ich habe ja schon meine Lobhuddelei auf Frankfurt gehalten. Und ich könnte weiter machen: Über die vielen lieben Freunde, die sich freuen, dass wir eventuell wahrscheinlich ziemlich sicher wiederkommen. Über die vielen Vorteile, die Frankfurt uns als deutsch-französische Familie bietet. Die lieben Menschen, denen „es gefällt“, dass ich wieder da bin. Dass ich weiß, dass ein Wieder-Neuanfang in Frankfurt nicht so anstrengend würde, wie der Start in Hamburg.

Ja, Hamburg…

Hamburg, meine Perle“ singt Lotto King Karl. Lange Zeit hat mich dieses Lied begleitet. Irgendwann mal in Hamburg leben und arbeiten. Das wär’s, dachte ich jedes Mal, wenn mir King Karl ins Ohr nuschelte.

Das erste Mal in Hamburg war ich vor über 20 Jahren. Damals wohnte mein großer Bruder in Harburg. Da habe ich „Klassiker“ wie den Golden-Pudel-Club und Große Freiheit 36 kennengelernt. Hamburg sah noch sehr anders aus. Die Hochhäuser an den Landungsbrücken gab’s noch nicht. Die Elbphilharmonie war auch noch nicht geplant. Die Hafenstraße sah ganz nach ihrem Ruf aus, der ihr vorauseilte und die Reeperbahn, war noch nicht die Partymeile, die sie jetzt ist.

Seitdem war ich immer wieder in Hamburg. Eine liebe Freundin zog hin und so war ich ab den Jahren um den Jahrtausendwechsel regelmäßig in Hamburg. Dann zog auch noch mein kleiner Bruder in die „schönste“* Stadt Deutschlands.

Mit Hamburg verknüpfe ich mittlerweile einige Erlebnisse. Die ersten waren sehr Party-geprägt, dann sehr Touri-lastig, dann sehr privat und jetzt Alltag.

Hamburg ist toll – keine Frage. Hamburg ist toll mit dem Hafen, der Alster, den vielen verschiedenen Viertel, dem Stadtpark, der Reeperbahn, den vielen Museen und unzähligen Kulturangeboten. Freizeitmöglichkeiten noch und nöcher. Aber die in den Alltag neben Arbeit und Kind zu integrieren, ist echt schwer.

Denn Hamburg ist groß – sehr groß. Und das ist ein wirkliches Problem für mich. Denn um all das, was Hamburg so toll macht, zu erleben, muss man Wege auf sich nehmen. Von da wo, wir wohnen, brauchen wir einfach 30-40 Minuten zum Hafen, Alster etc. Einfach mal „Naherholung“ geht nicht. Und das bin ich anders gewöhnt: In Frankfurt bin ich zweimal lang hingeschlagen und war am Main, in der Stadt, bei der Arbeit etc. Ja, sicherlich liegt das auch an unserem Standort in Hamburg. Aber wer schon mal eine Wohnung in HH gesucht hat – und dann auch noch mit Hund und Kind –, der weiß, dass es nicht so einfach ist, Wohnraum zu finden, der gewissen Ansprüchen genügt.

Es nervt mich, dass ich durch die langen Wege in Hamburg nicht so spontan sein kann: Was sehen, für gut befinden und aufs Rad schwingen. Aber Radfahren ist ja eh ein Grausen in Hamburg. Fahrradwege sind Mangelware und wenn dann meist in einem schlechten Zustand. Dazu sich durch den Stadtverkehr quälen. Nee, das macht keinen Spaß. Ich bin nur froh, dass der Kindergarten vom mini-monsieur so günstig gelegen ist, dass wir von uns aus mit dem Rad fahren können, OHNE eine Hauptverkehrsstraße überqueren zu müssen.

Und allein durch die ganze Fahrerei geht so viel Zeit verloren, dass man sich dreimal überlegt, ob und was man unternimmt. Man bleibt in seinem und den angrenzenden Vierteln. (Ich habe nichts gegen das Viertel, in dem ich wohne. Aber dafür hätte ich nicht nach Hamburg ziehen müssen.)

Noch nie habe ich mich in einer Stadt so unmobil gefühlt wie in Hamburg. Und meine Freizeitausbeute ist deprimierend mau: Meine Besuche im Stadtpark kann ich an einer Hand abzählen, auf der Reeperbahn war ich nicht einmal, einmal habe ich es ins Museum geschafft. An der Alster war auch zu selten. Hagenbeck habe ich noch nicht gesehen. Sport klappt auch nicht.

Dazu kommt, das Hamburg einfach wahnsinnig teuer ist: Dabei ist noch nicht mal die Miete das Problem. Dass ein großer Batzen für die vier Wände draufgeht, war ich schon aus Frankfurt gewohnt. Aber wie dermaßen familienunfreundlich Hamburg ist, erschreckt mich echt. Ich möchte behaupten, dass ich nicht schlecht verdiene (aber eben auch nur ich). Aber die Einkommens-abhängigen Kindergarten-Eigenanteile sind echt happig. Dazu kommt dieses furchtbare Gutscheinsystem.

Viele Angebote für und Unternehmungen mit Kindern kosten (zum Teil echt viel) Geld. In Frankfurt war es (mit deutlich niedrigerem Einkommen als in HH) problemlos möglich, einmal pro Woche zusammen schwimmen zu gehen. Auch die Mitgliedschaft im Sportverein war kein Problem. Mal abgesehen davon, dass ich bislang keinen Verein gefunden habe, der so ein gutes Angebot hatte, wie die TG Bornheim (oh, was vermisse ich die). In Hamburg kommt das zu kurz.

Ja, es klingt wie eine Abrechnung mit Hamburg. Als wäre ich heilfroh, dass wir wieder zurück können nach Frankfurt. Aber ganz so ist es nicht:

Ich hadere.

Ich würde Hamburg gerne noch eine Chance geben. Nicht das Gefühl haben, dass Hamburg und ich nicht zusammenleben können, sondern nur eine Event-Beziehung haben.

Zudem knüpfen sich langsam Bande. Der mini-monsieur ist in seinem Kindergarten und seiner Gruppe angekommen. Er hat seine kleine Gang. Mit den einen oder anderen Eltern entwickelt sich so etwas wie Freundschaft. Wenn ich nur an letzten Samstag denke, als wir in der Walachei äh im Moor hinter Stade waren, um den Geburtstag eines kleinen Kumpels zu feiern – auf dem Wochenend-Bauernhof der Eltern. Die Kinder spielten so super miteinander, dass wir Großen einfach schnacken und grillen konnten. Oder gestern, als die Nachbarn mit der zukünftigen Ehefrau des mini-monsieurs ihrer Lütten spontan zu Kaffee und Kuchen runterkamen. Ja, dann wird mir das Herz schwer.

Und so bin ich froh, dass ich erst mal pendeln kann. Dass ich die Gelegenheit habe, nachzudenken. Dass ich die Möglichkeit habe, mich noch an anderer Stelle in Hamburg vorzustellen (Sie dürfen gerne einen Daumen drücken).

„Hamburg, meine Perle“  gilt weiterhin. Aber wenn Lotto King Karl singt: „Wenn du aus Frankfurt kommst, ist Hamburg die Offenbarung“, kann ich nicht zustimmen. Konnte ich noch nie. Denn für mich war Hamburg immer die *ZWEITschönste Stadt Deutschlands nach Frankfurt – Frankfurt, meine Seele.

14 Gedanken zu „Hamburg, meine Perle?!

  1. Liebe B,

    *hach* ich weiß garnicht was ich dir wünschen soll.. Natürlich erstmal einen guten Start im neuen Job! Ich würde mich aber auch sehr freuen, wenn Hamburg dir noch eine Chance gäbe und Drücke daher die Daumenfür eine Perspekive hier. Dass HH die schönste Stadt der Welt ist, kann ich übrigens auch (noch?)nicht bestätigen – für mich ist das immer noch das dicke B ..

    Liebe Grüße,
    Claudia

  2. Moin,
    also ich kann das nicht so richtig verstehen was hier so steht. Ich meine: „Ja ok, die mieten sind teuer und Kinder und Tiere bei Vermietern ungeliebt!“ Aber es gibt in Hamburg so viel was man machen kann und mit Sportspaß haben wir hier vermutlich den günstigsten Sportverein in ganz Deutschland! € 8,50 pro Monat ist wohl kaum zu toppen. Es gibt zahlreiche Parks (Nicht nur den Stadtpark) z.B. Planten und Bloomen, Hirschpark, sogar einen Barfuß Park in der Nähe etc. und genügend Möglichkeiten ans Wasser (Alster/Elbe) zu gehen. Beachclubs in Harburg, Wedel an den Landungsbrücken. Es gibt Basketballplätze, Fußballplätze und vieles mehr. Klar ist hier einiges teuer aber wenn man möchte kann man auch sehr viel sparen in dieser Stadt. In Hamburg ist eine ganze Menge möglich.

    Es gibt eine Menge Leute die es nicht geschafft haben hier Fuß zu fassen aber ich habe es geschafft und muss sagen ich hätte nicht, wenn ich mir kein Hobby gesucht hätte bei dem ich viele nette Leute traf.

    Wie immer die Entscheidung ausfällt. Viel Glück

    • Moin zurück,
      es geht mir nicht um die teuren Mieten. Das wusste ich vorher. Das kenne ich. Es geht mir auch nicht vorrangig ums Geld an sich (denn ich betreibe schon Jammern auf hohem Niveau).
      Was mein großes Problem ist, sind einfach die Wege in HH. Und ich glaube dabei, dass es ziemlich egal ist, in welchem Stadtteil man wohnt. Denn es gibt immer irgendwelche Angebote woanders.
      Das alles, was Du aufgezählt hast, kenne ich größtenteils. Schwierig ist das Hinkommen. Wenn ich für einen Nachmittag in Planten und Bloomen über 1,5 Stunden Fahrezeit (Hin- und Rückweg) berücksichtigen muss, dann fahre ich meist doch eher auf den Spielplatz um die Ecke. Zumal die 1,5 Stunden mit den Öffis gelten. Der mini-monsieur fährt aber nun mal leidenschaftlich gerne Fahrrad und ich auch. Aber die meisten Strecken sind einfach zu weit. Die Folge: Entweder nehme ich noch zusätzlich den Hänger mit oder wir fahren eine Strecke mit den Fahrrädern in der Hochbahn. Das ist ein Aufwand, der mich nervt.
      Wir sind schon dabei, Fuß zu fassen in HH. Sonst würde ich ja nicht hadern. Aber ich glaube, nein, ich bin mir sicher, Hamburg ist keine Stadt, in der es leicht ist, sich heimisch zu fühlen, wenn man mit Kind(ern) zuzieht. Denn so, wie sich Hamburg um Kinder „kümmert“ (Kita-Gutschein, Eintrittspreise, Mieten, Bildungspolitik), erweckt es immer mehr den Anschein, als wären Kinder nicht erwünscht. Als gut verdienender Single oder als DINK-Paar geht es einem da sicherlich besser.

      • Ok, ich denke allerdings dass es hier für Kinder mehr Aktivitäten gibt als zum Beispiel in Kiel, wo ich aufwuchs. Und 1,5 Std. Radfahren find ich wenn man den sportlichen Aspekt betrachtet ganz normal aber das sieht ja jeder anders. 😉 Und das soll auch kein Streitpunkt werden. Ich war halt noch nie in Frankfurt und kann gar nicht beurteilen wie es sich dort lebt.

        Ich habe nur so viele Leute getroffen, die hier gescheitert sind. Deshalb versuche ich nur zu verstehen was die anders gemacht haben als ich.

        Viele sagen sie kämen mit der Arroganz der Hamburger nicht klar. Diese Erfahrungen kann ich irgendwie nur nicht teilen.

        Wi auch immer ich hoffe Ihr findet das richtige. Aber eine Frage habe ich trotzdem was ist ein DINK-Paar?

  3. Ich würde nicht sagen, dass ich in HH gescheitert bin. Mal abgesehen davon, dass es mit dem Job nicht so geklappt hat. Aber da tuen sich ja immer wieder neue Türen auf, sodass das das kleinste Problem ist.
    Nur zur Korrektur: die 1,5 Stunden bezogen sich auf öffentliche Verkehrsmittel. Mit dem Rad ist es schon mehr. Und für mich selbst finde ich das auch nicht schlimm (vom sportlichen Aspekt her, vom Straßenverkehr her schon). Aber das Kind ist erst 4 Jahre alt. Da ist das schon viel. Vor allen Dingen zurück, wenn er schon müde ist.
    Arrogant würde ich die Hamburger auch nicht nennen. Etwas reservierter und weniger herzlicher am Anfang. Aber sobald man miteinander warm ist, kein Problem.
    Wie schon gesagt: Wir sind nicht gescheitert und könnten sicherlich noch eine Weile in Hamburg leben, wenn ich jetzt nicht die Möglichkeit mit Frankfurt hätte. Ich mag Hamburg auch weiterhin noch. Und vielleicht waren einfach meine Erwartungen an die Stadt zu hoch. Und dadurch die Enttäuschung über zu viele (zum Teil kleine) Dinge zu groß. Es gibt einfach Dinge, von denen ich weiß, dass sie woanders anders oder sogar besser funktionieren. Dass es Punkte gibt, bei denen ich keine Abstriche machen möchte…
    Dazu gehören u.a. Angebote für Kinder. Da gab es in Frankfurt mehr und auch mehr kostenlos.
    DINK = double income no kids

  4. Also ich habe doch nicht gemeint, dass Ihr gescheitert seit. Lediglich, dass ich viele kenne die es sind, weil Sie mit der hamburger Mentalität nicht klar kamen. Vielleicht habe ich mich doof im Nachsatz ausgedrückt.

    1,5 Std. mit Öffis in die Stadt und zurück? Das ist doch dann nicht mehr Hamburg, oder?

    • Doch, natürlich ist das noch Hamburg. Und wir wohnen nicht in Harburg oder Bergedorf.
      Vor Kurzem musste ich was in Hamburg abholen. Da hab ich mal gerade eben 40 km mit dem Auto verfahren.
      Hamburg ist einfach groß, denn Hamburg ist nicht nur St.Pauli, Eimsbüttel, Eppendorf, St.Georg, Barmbek, Rotherbaum… Hamburg hat 7 Bezirke, auf die sich 104(!!!) Stadtteile verteilen. Die Ausdehnung Nord-Süd und Ost-West betragen jeweils 40 km.

      • Ja, das meine ich auch nicht. Du hast geschrieben mit den Öffentlichen und von der Innenstadt dauert es mit denen bis Nordestedt, Poppenbüttel und Neu Wulmsdorf jeweils 30 min. pro Strecke. Da kommen wir für beide nicht auf 1,5 std. Entschuldige die Frage wenn Sie Dich so aufregt. Das war eigentlich nicht mein Ziel.

  5. Pingback: Liebes Tagebuch am Fünften (Juli) | Neues aus der Großstadt

  6. Liebe Fleischfee,
    wir drehen uns hier im Kreis. Ich frage mich auch, warum es so schwer ist, hinzunehmen, dass ich um z.B. zum Wasserspielplatz auf Planten und Bloomen (St.Pauli) 45 Minuten Fahrtweg hin und 45 Minuten Fahrtweg (also von Tür zu Tür) zurück einplanen muss, mit den Öffis und mit Kind.
    Wie ich Deinem blog entnehme, hast Du keine Kinder. Vielleicht siehst Du Hamburg auch anders, wenn Du mal Kinder hast.
    Und um es noch einmal zu betonen: Ich habe nichts gegen Hamburg. Ich mag es nach wie vor. Ich habe einfach nur das Gefühl, dass es keine Stadt ist, in der es sich gut mit Kind leben lässt. Zumindest nicht, wenn man in Hamburg wohnt, weil es Hamburg ist. Da wo wir wohnen, haben wir alles: Kindergarten (später Schulen), Einkaufsmöglichkeiten, Märkte, Schwimmbad, Kinos, Spielplätze etc. Wir brauchen keine langen Wege auf uns nehmen, um den Alltag zu gestalten. Sehr bequem. Aber da fängt das Problem an. Es ist zwar Hamburg, aber das, was Hamburg ausmacht, kann ich nicht so einfach erleben. Und dann muss ich auch nicht in Hamburg wohnen. Sondern komme lieber ab und an zu Besuch, um Dinge gezielt zu erleben.

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