Schlüsselerlebnis

Ich habe einen Hang zum Schreiben und zum Erklären. Daher hatte ich ja auch beschlossen, den Elfenbeinturm zu verlassen und mein Wissen zu nutzen, um andere Menschen wissend zu machen.

Als damals, während der Diplomarbeit bzw. nach dem Studium, die Entscheidung anstand, was tun, wenn nicht Labor, habe ich lange mit Wissenschaftsjournalismus geliebäugelt. Und auch zwischendurch immer mal wieder „auf die andere Seite“ geschielt.

In meinen kühnsten Träumen sah ich mich schon als Nachfolgerin von Ranga Yogeschwar bei Quarks&Co. Aber ich bin ein kleiner Schisser und ein Minimalist. Der Aufwand, um wirklich, wirklich gut zu sein und auch wirklich, wirklich gutes Geld zu verdienen (ich arbeite nicht zum Selbstzweck), ist im Journalismus unverhältnismäßig groß.

Wäre ich Wissenschaftsjournalistin geworden und hätte es mit Quarks&Co nicht geklappt, wäre die Spektrum der Wissenschaft mein Ziel gewesen.

Denn die Spektrum ist für mich DIE Wissenschaftszeitschrift für Interessierte schlechthin. (Mir fällt allerdings auch keine Alternative ein.)

Zum einen ist da die Mischung der Fachgebiete. Ob Bio, Chemie, Biochemie, Medizin, Physik, Archäologie, Psychologie, Philosophie oder Mathe: Die Zeitschrift versucht das Spektrum der Wissenschaften wirklich abzudecken und -bilden. Wobei ich nicht immer alles lese, geschweige denn verstehe.

Zum anderen ist es die Art der Themenaufbereitung. Alle Themen werden so dargestellt und aufbereitet, dass sie auch von Fachfremden verstanden werden können. (Wobei allerdings ein naturwissenschaftliches Grundinteresse vieles vereinfacht.)

Ich selbst lese die Spektrum seit 1999. Als ich mein Biochemie-Studium angefangen habe, habe ich mir ein Abo zu Weihnachten gewünscht. Sie hat mich immer auf der Fahrt zur Uni begleitet und den ein oder anderen spannenden Impuls geliefert.

Auch noch lange nach dem Studium habe ich sie gründlich gelesen. Das wurde langsam weniger, reduzierte sich dann nach der Geburt des mini-monsieurs deutlich: Inhaltsverzeichnis, Leserbriefe und evtl. noch ein, zwei Artikel aus „meinem“ Bereich. Viele Ausgaben blieben ungelesenen liegen.

Doch das Abo blieb. Zum Teil auch, weil die Rechnung für das Abo wohl immer mal wieder bei meinem Vater landeten (er hat eine andere Zeitschrift aus dem gleichen Verlag im Abo) und auch von ihm beglichen wurden.

Ein wenig blutete mir schon das Herz, aber schlussendlich wanderten sämliche Ausgaben seit 1999 beim Umzug nach Hamburg in die Papiertonne. Denn ganz ehrluch: Die Zeitschriften sind innerhalb Bielefeld, nach und innerhalb Frankfurt umgezogen und ich habe keine alte Ausgabe wieder in die Hand genommen.

Das Abo kam mit nach Hamburg. Doch Zeit zum Lesen gab mir das letzte Jahr kaum. Ich guckte nach dem üblichen Schema die Zeitschrift durch und ordnete sie kaum bis gar nicht gelesen in den Schuber auf einem Stapel auf dem Schreibtisch.

Als ich im April – genervt und frustriert von der Arbeitssuche – wieder anfing, Richtung Journalismus zu schielen, stolperte ich im großen Netz über eine Veranstaltung bei der Spektrum der Wissenschaft. Aufgeregt als hätte ich gerade meinen Traummann getroffen, meldete ich mich direkt an.

Wow, ICH komme zur Spektrum. ICH werde die heiligen Hallen betreten und mit einem (oder mehreren) Redakteuren sprechen dürfen.

Erfürchtig gespannt und leicht nervös wie vor einem Rendezvous machte ich mich einen Tag vorher auf den Weg. Denn es ist nicht möglich ist, von Hamburg aus morgens um 10 Uhr in Heidelberg zu sein (zumindest nicht, ohne total fertig zu sein). So ging es erstmal nach Frankfurt. Hach ja… schön war’s: Städtchen gucken, Frankfurter Kranz essen, schnacken bis spät mit der Freundin, die sich sehr freuen würde, wenn wir wieder nach Frankfurt zögen.

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Nicht so schön: Halsschmerzen.

Die Fahrt selbst nutzte ich zur „Vorbereitung“: gefühlte drölfzig Ausgaben der Spektrum lesen. Bei viereinhalb Stunden Fahrt ohne Ablenkung durchs Smartphone (da kein kaum Empfang) schafft man da auch einiges weg und ich fühlte mich gut präpariert.

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Am nächsten Morgen fühlte ich mich allerdings nicht mehr gut. Die Halsschmerzen waren schlimmer geworden. Gut schlafen war mir auch nicht vergönnt: Die Luftmatratze hatte Luft verloren. Und die Kleinste meiner Freundin erklärte morgens um 5h00 die Nacht für beendet. Wär ich nicht schon in Frankfurt gewesen und hätte ich keine Teilnahmegebühr gezahlt, wäre ich nicht hingefahren.

Die Fahrt nach Heidelberg selbst verlief problemlos. Das Wetter war nicht sonderlich einladend, aber ich wollte ja auch nicht wie die Millionen von Asiaten im Zug zum Sightseeing nach Heidelberg. Die Einfahrt in den Heidelberger Bahnhof war – das Gewesen um Heidelberg im Hinterkopf habend – allerdings sehr ernüchternd und ich frage mich seitdem:

Was ist das Besondere an Heidelberg?

Sowohl das, was rechts und links zu sehen war, als auch der Bahnhof selbst sind ja schon hässlich nicht so ansehnlich.

Gut, der Regen und die Halsschmerzen haben da auch sicherlich den Blick getrübt. Apropos Halsschmerzen: Die Suche nach einer Apotheke führte dann auch dazu, dass ich fast zu spät kam. (Ohne Smartphone wäre ich es auch.)

Angekommen am Tempel der Wissenschaft die nächste Ernüchterung. Ich geb’s ja zu, aus Hamburg ist man andere Kaliber gewohnt, wenn es um Verlagshäuser geht. Aber mal ehrlich: Wenn mein Navi nicht darauf bestanden hätte, dass ich richtig war und wenn an der Klingel nicht ein lieblos laminiertes Schild gewesen wäre, auf dem „Spektrum der Wissenschaft“ stand, ich wäre vorbeigegangen.

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Aber wie heißt es so schön: Die inneren Werte zählen.

Mir wurde die Tür geöffnet. Ich durfte eintreten in die „heilige Hallen“. Durchatmen. Einatmen. Und…

In Filmen käme jetzt so ein Geräusch von einer Plattennadel, die über die LP gezogen wird.

… nichts. Ernüchterung drei an diesem noch recht jungen Vormittag. Ernüchterung vier folgte schnell: ein Konferenzraum mit einem ovalen Tisch, um den wir elf Teilnehmer mit einem Redakteur saßen – mehr Einblicke in die Spektrum gab’s nicht.

Nachdem sich jeder mit verschiedenen Titeln aus dem Spektrum-Verlag und Merchandise-Artikeln eingedeckt hatte, stellte sich die bunte Runde vor: Da gab’s wissenschaftliche Angestellte, die ab und an was für ihr Institut schreiben. Den Wissenschaftsjorunalismus-Studenten. Die Dame, die sich von dem Termin erhoffte, zu erfahren, warum ein Artikel von ihr nicht in „Die Welt“ erscheint. Die Naturwissenschaftsstudentin, die nicht im Labor enden will. Den kleinen Streber hochambitionierten Praktikanten in spe, der theoretisch schon alles weiß. Den interessierten Leser präsentiert durch einen alten Herrn. Den Komplementär-Mediziner, der sein Thema an den Redakteur bringen wollte und ein spöttisches Lächeln erntete. Noch zwei andere, an die ich mich nicht erinnere. Und mich. Mich, die böse PR’lerin, die nur für Geld dem Kunden nach dem Mund schreibt, die Feindin des seriösen Journalismus, tja und die, die wohl am wenigsten weil nichts wirklich Neues erfahren hat in folgenden sechs Stunden. Ernüchterung Nummer vier, fünf und sechs:

Nein, es war nicht neu für mich, was der gute Redakteur über Journalismus im Allgemeinen und Wissenschaftsjournalismus im Besonderen erzählte (außer ein paar Zahlen). Auch die Grundlagen journalistischen Schreibens am Beispiel einer Nachricht sind mir mehr als geläufig. Wobei dieser Teil aufgrund der lustigen Negativ-Beispiele noch am kurzweiligsten war.

Die siebte Enttäuschung: Die Schreibübung (jetzt hätte ich fast das „b“ vergessen) am Schluss war ganz nett, aber auch nichts, wofür ich nach Heidelberg hätte fahren müssen. Wir bekamen eine wissenschaftliche Studienveröffentlichung, aus der jeder binnen eineinhalb Stunden eine Nachricht schreiben sollte. In der großen Runde wurden dann die einzelnen Texte besprochen. Da ich ja so ziemlich alles redigiere, was aus mehreren Wörtern besteht, habe ich mich mit Kommentaren zurückgehalten. Nennen wir es einfach interessant, was es da zu lesen gab. Es war alles dabei: von einer echten Nachricht bishin zur Prosa.

Am Ende der Veranstaltung zeigte uns der Redakteur seine Version der Nachricht. Und damit kam ich dann auf neun desillusionierende Schlüsselerlebnisse an diesem Tag. Passend dazu der Schlüsselanhänger von der Spektrum:IMG_20130527_115432

Immerhin hatte ich genug Lesestoff für die Rückfahrt

und somit wenigstens einen Teil meiner Teilnahmegebühr wieder raus.

Ein Gedanke zu „Schlüsselerlebnis

  1. Möp. Da wär ich aber auch enttäuscht gewesen! Mein allererster Freund, der war Physik-Lkler (& inzwischen ist er auch Physiker) & natürlich hatte der die Spektrum im Abo. Hab ich immer gern gelesen, ich fand, dass es grade gut genug aufbereitet war, um einen Chemie-Versager wie mich noch zu begeistern. Und mit diesem Beitrag hat sich dann auch geklärt, was ich dich neulich schon gefragt haben wollte: „WAS machst Du eigentlich genau beruflich?“
    Grüße & habt noch einen schönen Abend da bei Euch
    Nike
    (Guter Tipp mit der SpektrumNeo, hatte bisher aus dieser groben Richtung nur die Geolino in der Hand und fand die sehr enttäuschend.)

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