Haarig

Ganz ehrlich, würde ich in dem kleinsten Dorf Bayerns wohnen, würde ich mich über nix wundern. Aber bitte, ich lebe in Hamburg, der zweitgrößten Stadt Deutschlands.

Würde ich für jedes von mir zwischengerufenen „er“, „Er ist ein Junge.“ oder „Nein, kein Mädchen.“ einen Euro bekommen, könnten wir uns wohl in absehbarer Zeit eine 100-Quadratmeter-Eigentumswohnung in Blankenese leisten.

Ja, das Kind hat lange Haare. Lange, hellblonde Haare – als Junge. Aber ist das ein Grund so zu tun, als wäre das seltener als ein Kondom in der Herbertstraße?

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Und nein, wir sind nicht so komische Eltern, die ihr Kind genderneutral aufwachsen lassen. Auch wenn ich manchmal etwas mehr Genderneutralität im allgemeinen Umgang mit Kindern ganz gut fände.

Der mini-monsieur liebt derzeit Dinos, Light*ing McQ*een, Fussball, Rugby, Boxen, Le*o… Er hat eine Puppe, mit der er manchmal, wenn das Nachbarsmädchen da ist, Mutter-Vater-Kind spielt. Er hatte es noch nie mit Kuscheltieren. Findet Märchen toll. Er singt und tanzt für sein Leben gern. Nix ist ihm hoch genug. Bewegung ist sein Lebenselexier.
Tendenziell „typisch Junge“ – obwohl sich mir das Nackenhaar hochstellt, während ich das schreibe.

Der mini-monsieur trägt viel blau-weiß, wenig orange und nie rosa. Er ist fast immer in Jeans und Turnschuhen. Einen Rock hat er noch nie angehabt. Allerdings trägt er seit er ca. 5 Monate ist eine Bernsteinkette, die er auch nicht abnehmen möchte.

Und trotzdem erleben wir Momente, in denen ich zwischen Kopfschütteln, laut lachen und mein Gegenüber schütteln schwanke:

Der mini-monsieur spielt mit einem kleinen Ball: wirft ihn, fängt in wieder auf. Die rechtmäßige Besitzerin (1-1,5 Jahre) kommt mit ihrer Mutter, bestaunt kurz die Fähigkeiten des Großen. Die Mutter zum Kind: Aber das Mädchen macht das schon gut. Ich sage nix. Die Kleine fordert den Ball ein. Ich wende mich zum mini-monsieur und sage ihm, dass er den Ball dem Mädchen zurückgeben solle, weil es ihrer sei. Als das Mädchen den Ball wieder hat, fordert die Mutter sie auf, dem Mädchen Danke zu sagen. Ich: „dem Jungen“. Keine Reaktion. „Er ist ein Junge.“ Erstaunter Blick der Mutter.
Dann wendet sie sich zur Tochter: Guck, das ist ein Junge. Deswegen konnte der so gut mit dem Ball spielen.

Aaaaahhhhh.

Ärztin im Notdienst: Wie heißt Du denn?
Mini-monsieur nennt seinen Namen (durchaus männlich. Denken Sie an einen Boxer und eine in den 1980er sehr bekannte Sängerin)
Ärztin: Bist Du denn ein Junge oder ein Mädchen? *Nachtigall_ich_hör_dir_trapsen*
Mini-monsieur (empört): Ein Junge!
Ärztin: Aber die langen Haare haben doch Mädchen. (Die Frau hatte einen sehr anstrendenden Akzent aus dem BaWü-Raum)
Ich: Bitte? Es gibt ja auch Mädchen mit kurzen Haaren.
Ärztin (zum Kind): Willscht Du die nicht abscheiden lassen?
Mini-monsieur: Nein! Die bleiben daran.
Ich: Wieso sollte er?
Ärztin: Na, weil Kinder können doch so grausam sein.

Ja, solange es noch (potentielle) Mütter gibt, die so denken, durchaus.

Ich versuche ja schon seit jeher, wenn ich mir ob des Geschlechts des Kindes nicht sicher bin, erstmal von „dem Kind“ zu sprechen. Dann brauche ich auch nicht so komische Entschuldigungen wie „Aber…
… die langen Haare“
… die langen blonden Haare“
… die blonden Haare“
… die langen Haare und die Kette“
… die blonden Haare und die blauen Augen“
stammeln.

Glücklicherweise ist die Haarlänge des mini-monsieurs im Kiga kein Thema. Außer beim Mittagessen, wenn ihm ein Zopf gebunden werden soll, was er mit „Das ist für Mädchen“ unterbinden möchte. Und dass ein kleiner Kumpel sich jetzt auch die Haare wachsen lassen möchte.

4 Gedanken zu „Haarig

  1. Koennte auch ein Photo meines Aeltesten sein.Und er liebt noch dazu Rot (aber immer Autoturnschuhen unterwegs) und hat einen Namen wie Noel(le).Erklaer das mal in Frankreich *seufz

    Was sagt der Monsieur dazu? Hier leidet der Papa sehr und wuerde sie am liebsten kuerzen. No way, sagt der Sohn (und letztes Jahr hatten wir gsdank noch einen langhaarigen Erzieher im Kiga:))

    • Bei uns sind die langen Haare kein Problem. Der monsieur hat selbst welche. Das gibt dem Kind wahrscheinlich auch das nötige Selbstbewusstsein, zu seiner Haarpracht zu stehen.

  2. Unser Sohn ist jetzt 14 und hat nach wie vor lange Haare, trägt rote, blaue, grüne oder auch schwarze T-Shirts und rote, blaue oder rotbraune Hosen, aber keine blauen oder schwarzen Jeans.
    Mittlerweile wird er auch von Fremden gleich als männlich eingestuft. Blöde Kommentare gibt es schon länger nicht mehr. Es wird also besser!

    • Ja, das hoffe ich auch bzw. gehe stark davon, dass es besser wird.
      Der kleine Bruder hatte auch lange Haar als Teenie und der monsieur ja immer noch. Da gibt es auch keine blöden Kommentare mehr. 🙂

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