Oma

Am Wochenende haben wir Till Eulenspiegel besucht. Zufällig, denn eigentlich haben wir uns mit meinen Eltern in Mölln getroffen. Da meine Mutter gerade da ist zwecks Reha. Und ich musste daran denken, dass das vor drei, vier Jahren nicht möglich gewesen wäre. Dass es damals in den Sternen stand, ob der mini-monsieur jemals seine deutschen Großeltern kennenlernen wird.

Mutter-Tochter-Beziehungen sind selten wirklich leicht. Und oft geprägt von vielen Projektionen. So hatten auch meine Mutter und ich immer wieder schwierige Momente miteinander.

Da gab es mal ein paar Tage – ich war etwa 13 -, an denen sie nicht mit mir und ich daraus resultierend nicht mit ihr gesprochen habe. Der Grund: abgeschnittene Haare. Selbst abgeschnittene Haare auf Bob-Länge. Von vormals weit über Schulter-lang. Sie schmiss meinen sämtlichen Haarschmuck und Bürsten weg und gab mir einen Kamm.
Der Undercut, die roten, blauen, lila und grünen Haare, die danach meinen Kopf zieren sollten, haben sie nicht gestört. Aber die langen Haare werden bis heute vermisst.

Nach dem Abi wurde ich fast vor die Tür gesetzt, weil ich erwähnte, dass ich ein FSJ machen könnte, bis mir was Besseres einfallen würde. ALLES nur das nicht. Eher hätte sie (selbst Erzieherin und Sozialpädagogin) mir ein Jahr ohne Sinn und Verstand Studium oder Ausbildung finanziert.
Wir waren aber beide sehr froh, als ich dann endlich auszog, um ausreichend weit weg zu studieren.

Dass ich mein erstes Studium schmiss, war kein Problem. Dass ich beim Wechsel des Studienorts (zurück in die alte Heimat) gleichzeitig mit meinem damaligen Freund zusammenzog, war allerdings höchst dramatisch.

Doch dann war erstmal Ruhe…

… bis ich mich von ebendiesem Freund – mittlerweile mein Mann – trennte. Ich wohnte mittlerweile in Frankfurt und von Kontakt zu Kontakt mit meiner Mutter wurde es schlimmer. Sie wollte/konnte meine Entscheidung nicht akzeptieren. Sie mischte sich in die Kommunikation zwischen meinem Ex und mir ein und fiel mir in den Rücken.

Ich reduzierte den Kontakt mit ihr auf ein Minimum:
Als es irgendwann einen neuen Mann in meinem Leben gab, erfuhr sie das nicht.
Als dieser Mann zu mir zog, erfuhr sie das nicht.
Und als ich schwanger war, erfuhr sie das auch nicht.

Die Situation war unbefriedigend und unerträglich – für alle Seiten. Und so setzten wir uns, als ich im 4. Monat war, mit einem Mediator zusammen.

Dabei säte der Mediator einen Gedanken in mir (den ich auf viele Situationen übertrage): Er sagte (sinngemäß), dass wir die Jungen die Alten nicht ändern können. Dass es höchstens die Alten selbst noch können. Und dass man als Kind überlegen muss, ob man seine Eltern so akzeptieren kann, wie sie sind. Oder ob ihr Verhalten so verletztend/unerträglich für einen ganz persönlich ist, dass man diesem nicht mehr ausgesetzt sein möchte.

Daher (?) endete der Termin mit MEINER Entscheidung, den Kontakt zu meinen Eltern abzubrechen. Ihnen zu sagen, dass sie mich nicht mehr anrufen oder sonstwie mit mir kommunizieren dürfen. Dass sie aber auch nicht über Dritte (damals gern genutzter Weg) mit mir Kontakt halten sollen. DAS war ein großer schmerzhafter Schritt aber auch eine große Erleichterung.

Und bis heute bereue ich diese Entscheidung nicht. Diese Auszeit war gut und wichtig vor allen für meine Mutter und mich. Ihr hat es sehr zu denken gegeben, dass ich sie nicht an der Schwangerschaft und auch der ersten Zeit mit dem mini-monsieur habe teilhaben lassen. Und ich konnte alles Geschehene überdenken und relativieren.

Zur Geburt gab es das erste Lebensezeichen von mir: eine Karte. Dann war wieder Funkstille. Und ganz langsam, Schritt für Schritt haben wir uns dann angenähert. Und das erste Mal hat der mini-monsieur seine deutschen Großeltern mit 10 Monaten kennengelernt.

Seitdem wachsen die Beziehungen bzw. ordnen sich neu. Es ist deutlich entspannter zwischen meiner Mutter und mir als es je war. Wir akzeptieren einander. Es wird nicht belehrt, sondern Rat angeboten oder erfragt und zwar in beide Richtungen. Wir lernen voneinander.

Ich bin froh, dass es so ist. Dass sie wieder in meinem Leben ist. Dass sie im Leben des mini-monsieurs ist. Dass er ihr mit großen Augen zuhören kann, wenn sie Geschichten von Till Eulenspiegel erzählt. Dass er sich riesig freuen kann, wenn sie mit ihm die Lieder aus dem Kindergarten mitsingt. Dass er nach Oma (und Opa) fragt und sich freut, wenn wir uns sehen.

Und ich hoffe, dass ich es schaffen werde, den mini-monsieur genauso gut zu erziehen, wie sie mich und meinen Bruder erzogen hat. Denn viel „falsch gemacht“ (ihre Worte) hat sie nicht. Vielleicht hätte man Dinge anders machen können, aber ob das besser gewesen wäre?!

3 Gedanken zu „Oma

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