Privatleben

„Familienleben wird völlig überbewertet“ – der Satz mit dem ironischen Unterton als Kommentar auf diesen Artikel hätte von mir sein können. Obwohl man besser gleich sagen könnte: Privatleben wird völlig überbewertet. Möglicherweise ist diese Meinung der inoffizielle Grund für meine Kündigung.

Für mich hat Zeit mit meinem Kind einen hohen Stellenwert. Da ich Vollzeit arbeiten muss, ist es mir wichtig, den mini-monsieur abends noch spielend zu sehen und zusammen Abendbrot zu essen. Dafür mache ich im Normalfall pünktlich Feierabend. Das Wochenende gehört eh dem Kind – Ausflüge, andere Kinder besuchen, spielen etc.

Aber ich war auch schon vor dem Kind nicht der Typ fürs Show-Sitzen. Ich arbeite, wenn es die Situation, das Projekt erfordert, hart und komme dafür auch früher (was wirklich schwer für mich ist) oder am Wochenende ins Büro oder bleibe länger, wenn es mir eine Arbeitserleichterung beschert (warum abends nicht ne halbe Stunde dranhängen, wenn’s dann erledigt ist).

ABER ich finde, solch ein Einsatz darf nicht grundvorausgesetzt werden – unabhängig davon, ob ich nen Tarif-Vertrag habe oder einen frei verhandelten. Denn letztlich werde ich nur für einen bestimmten Satz Stunden bezahlt. Es geht mir dabei nicht darum, dass meine Überstunden ausgeglichen werden und ich am Jahresende eine Zeitkonto mit +/-0 vorweisen kann. Ich denke auch, dass man als Vollzeitkraft in den 40 Stunden pro Woche nicht genau 40 Stunden nur der Arbeit widmet.

Aus meiner Teilzeit nehme ich übrigens die Erfahrung mit, dass man mit einem begrenzten Stundenpensum deutlich effektiver arbeitet. Und nicht nur man selbst, sondern das ganze Team. Denn es ist klar, wenn etwas abgestimmt, besprochen werden muss, kann das nur bis zum Zeitpunkt X am Tag passieren oder erst am nächsten.

In meinem alten Büro hatten wir keinen Zugriff auf unsere Büro-e-Mails, wenn wir nicht am Büro-Rechner saßen. Zugriff auf den Server war ebenso nicht möglich. Auch gab es keine Firmen-Handys. Das war nicht immer optimal, disziplinierte jedoch ungemein. Zudem war so klar, Freizeit ist Freizeit. Weder die Chefin, noch der Kunde noch die Kollegen erwarteten, dass man für ein Problem, das nachts um 2h aufploppte, morgens um 7h30 eine adäquate Lösung präsentierte. Oder gar, dass man sich aus dem Urlaub heraus ins Tagesgeschäft einmischte.

In meinem neue Noch-Büro ist das anders. Hier sind alle immer ganz furchtbar busy. e-Mails können von jedem Rechner auf der Welt abgerufen werden, genauso, wie wir von überall auf den Server zugreifen können. Es hat zwar nicht jeder ein Firmen-Handy. Aber jeder, der meint eins zu benötigen, bekommt eins. Ist ja auch chic so ein Apfel-Dinges. Da mir das Obst als Mus, hessisches Nationalgetränk, Kuchen, roh aber deutlich lieber ist, und mir die dauerhafte Erreichbarkeit, die ein solches Gerät impliziert, überhaupt nicht passt, habe ich nach nichts verlangt.

Doch eines Tages – ich war gerade mal vier Monate im Betrieb – stand unser IT’ler mit so’nem Gerät vor meinem Schreibtisch und verkündet, dass das nun meins sei. Meine Chefin meinte, ich bräuchte eins.
Toll, jippie, wunderbar.
Davon habe ich in meinen schlaflosen Nächten geträumt. Und ebensolche Nächte sollte es mir auch noch bescheren, obwohl ich mir sagte, dass zwischen 20h und 8h keine e-Mails angeschaut werden.

Da ich aber einen amerikanischen Kunden betreute und bei 6 Stunden Zeitunterschied das gemeinsame Zeitfenster manchmal zu klein ist, guckte doch nach meinen e-Mails, solang ich wach war. Und wenn ich schon die eine e-mail beantwortete, konnte ich mich ja auch gleich noch um die andere kümmern, dann hätte ich am nächsten Tag weniger zu tun.

Nicht nur ich sondern auch meine Aufmerksamkeit dem Kind gegenüber litten da drunter sehr. Und so beschloss ich irgendwann, dass ich definitv keine Büro-e-Mails mehr anschaue, sobald ich zu Hause bin.
Das ist nicht gut angekommen. Dass ich nicht dazu verpflichtet bin, rund um die Uhr erreichbar zu sein, weiß auch meine Chefin. Aber dass ich die Erwartungen mit meiner Haltung nicht erfüllte, gab sie mir durchaus zu verstehen.

Ich hätte vielleicht konsequenterweise das Smartphone gleich zurückgeben sollen.

5 Gedanken zu „Privatleben

  1. Da hätte Dir deine Chefin doch ein freies Zeitfenster in der amerikanischen „Nacht“ anbieten können … und schon hätte sie etwas für dich gemacht. Das war ja schließlich Arbeitszeit, richtig?
    Ich würde sowieso jede Mutter in D Pflicht-Vollzeit anstellen, und wenn Muttern wegen dem Kind weniger arbeitet (Krankheit/Läuse/Geburtstag/Ferienbeginn), dann kann der Arbeitgeber das dann direkt mit Vater Staat verrechnen … statt Mütter ins 400-Euro-Aus oder in die Arbeitslosigkeit und Altersarmut abdriften zu lassen. Je älter die Kinder werden, um so schlimmer … wenn sie klein sind –> Kiga … wenn sie in der Grundschule sind –> Hort … und dann ein riesen Loch. 13 Wochen Ferien im Jahr. Feiertage, Brückentage, der Tag vor den Ferien … da könnte ich regelmäßig platzen …

    • Ja, davor graut mir auch noch. Was wird, wenn der Lütte in die Schule kommt. Hier in HH wird zwar gerade die verpflichtende Ganztagsschule installiert. Aber will ich das?
      Es muss ja gar nicht Pflicht-Vollzeit sein. Gut bezahlte Teilzeit-Stellen sind in vielen Berufen nicht soo problematisch, wie von manch einem Arbeitgeber dargestellt. Wie schon gesagt: deutlich effizienter.
      Und vor allen Dingen TZ-Kräfte nicht als Arbeitskräfte 2. Klasse behandeln.

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