#aufschrei – Eine Frage des Respekts

Jede Schublade braucht ja bekanntlich ein Etikett. Und so darf ich mich als Post-1968-Geborene „Tochter des Feminismus“ nennen. Emanzipation und Gleichberechtigung wurden und werden in meinem Elternhaus seit jeher gelebt. Vielleicht hat mich das stark gemacht und mit einem überproportional großen Selbstbewusstsein ausgestattet. Und so dachte ich im ersten Moment, als der #aufschrei durch die Republik zog: DAS geht MICH nichts an. Sexismus erlebe ich nicht.

Doch die erste hitzig geführte Diskussion zum Thema belehrte mich eines Besseren: Habe ich wirklich noch keine Situation erlebt, die andere aufschreien lässt? Ich glaube vielmehr, dass ich sie nicht so wahrgenommen habe. Vielleicht nicht wahrnehmen wollte. Vielleicht aber auch, weil ich eine andere (Schmerz-) Grenze habe. Aber gibt mir das das Recht, anderen Frauen zu sagen „Mach doch die Bluse zu„?! Und es erschreckt mich immer noch, wenn argumentiert wird mit Sätzen wie „Das hat doch jede schon mal erlebt“. Allein das als Argument in den Raum zu werfen, zeigt doch, wo wir stehen. Nur, weil jede schon mal Sexismus in irgendeiner Form erlebt hat, wird er nicht besser oder legaler oder muss hingenommen werden. Ich finde es erschreckend, dass immer noch so systematisch Grenzen von Frauen überschritten werden – ob ich die Grenze nachvollziehen kann, oder ob ich mich selbst verteidigt hätte, ist dabei egal.

Wir vermeintlich modernen Frauen – also diejenigen, deren Mütter die 1968er bewusst miterlebt haben – setzen uns da allzu gerne aufs hohe Ross. Ganz ehrlich: Unserer Generation geht es einfach zu gut. Wir haben es uns jahrelang bequem gemacht mit dem, was unsere Mütter erreicht haben. Uns wurde jahrelang gesagt, dass wir emanzipiert seien. Dabei ruhen wird uns auf Lorbeeren aus, von denen wir noch nicht mal wissen, wer sie gepflanzt hat. Gießen und pflegen? Warum denn? Die sehen doch noch ganz gut aus. Und solang ICH machen kann, was ICH will, und MIR nichts angetan wird, was ICH nicht will, ist es doch egal, wie es meiner Nachbarin geht.

Und während wir auf der einen Seiten denken: „Wir sind ja ach so emanzipiert.“, schleicht sich von der anderen Seite der Gedanke ein, dass wir bestimmtes Verhalten hinzunehmen haben (im Zweifelsfall können wir emanzipierten Frauen uns ja wehren) und dass der ein oder andere (verbale) Fauxpas irgendwie zum Spiel zwischen den Geschlechtern gehört. Es wird mittlerweile wieder viel mehr hingenommen was Männer sich leisten. Ein kleiner Wort- (oder Herren-) Witz tut ja nicht so weh, die Hand auf der Schulter, dem Rücken, das etwas zu nahe Heranbeugen, ein „darling“ hier und ein „Schätzchen“ da… Viele dulden das, finden es witzig, irgendwie dazugehörend. Und wenn das eine nicht sanktioniert wird, warum nicht das andere auch probieren. Das geschieht manchmal so subtil, dass zunächst nur ein komisches Gefühl bleibt. Ja, die Grenzen sind fließend. Und vor allen Dingen sind die Grenzen individuell. Allein schon deswegen ist es gut und richtig (und vielleicht ein bisschen überfällig), dass es den #aufschrei gibt.

Ich glaube, dass viele Männer der Überzeugung sind, dass das, was sie machen und/oder sagen, richtig ist. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie damit Grenzen überschreiten. Vielleicht, weil sie es nicht anders gelernt haben. Vielleicht, weil es die Gesellschaft letztlich duldet. Ich will das Fass gar nicht wirklich auf machen, aber wenn Steuerhinterziehung härter geahndet wird als sexuelle Nötigung, dann ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Männer (im wahrsten Sinne des Wortes) im Recht fühlen und Frauen das Gefühl haben, Dinge hinnehmen zu müssen. Dadurch werden Frauen in eine Opfer-Position gedrängt, aus der sie nur schwerlich rauskommen und zwar deswegen, weil der Täter sich nicht als eben solcher fühlt.

Es wurde schon in viele anderen Blogs mitunter sehr kontrovers diskutiert. Aber was mir nicht in den Kopf will, ist warum es Frauen gibt, die sich so vehement gegen diese Debatte stemmen, die sich mit den Männern und ihrer Argumentation solidarisieren. Wird die Diskussion, die #aufschrei ausgelöst hat, irgendwas an deren Leben, Position ändern?

In einer der vielen Talk-Shows zum Thema fiel folgender Satz:

Jeder Mann sollte sich Frauen gegenüber so verhalten, wie er möchte, dass seine Töchter und Frau behandelt werden.

Was dieser Satz für mich aussagt, ist: RESPEKT. Da liegt meines Erachtens nach ein großer Kern des Problems. Denn wenn wir es ganz einfach herunterbrechen: Wer sein Gegenüber respektiert, kann keine Grenzen überschreiten.

Für alle, die weiterlesen wollen:

  • Kirsten schreibt, warum wir uns beim Aufschrei ruhig mal anstellen sollen.
  • Viele weitere links gibt es bei Journelle.
  • Auch ein Medien-geiler Rechtsanwalt kommt zu Wort.
  • Hier lässt sich Sibylle Hamann sehr prägnant zum Thema aus.
  • Warum die ganze Debatte nicht auf ein Flirtverbot hinauslaufen muss/soll, erklärt sanczny.
  • Und was nach #aufschrei kommt, habe ich hier gelesen.

Epilog

Was ich schade finde: Es werden gerade so viele Debatten miteinander vermischt. Von der einen Seite wird die Frauenquote ins Feld geführt, von der anderen der Rassismus, die Homophobie etc. Wenn wir uns so verzetteln und keinem Thema mehr einen eigenen Raum geben, brauchen wir uns nicht wundern, dass Diskussionen, die so vielversprechend angefangen haben, verpuffen wie nix. Denn so ist es nahezu unmöglich, Position zu beziehen. Auf einmal kann man nicht für das eine plädieren, ohne gegen das andere zu sein. Wer gegen die Unterdrückung einer Minderheit ist, soll bitte auch für alle anderen in Feld ziehen. Ob wir so weit gekommen wären, wenn Alice Schwarzer sich auch noch für die (Menschen-) Rechte der Afro-Amerikaner eingesetzt hätte bzw. Martin Luther King für die Frauenbewegung – ich weiß es nicht.